Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 25 Berlin, 23. Juni 1911 Lin unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch- Handel o. er die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellrn) bezogen vierteljährlich 3 )1T. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phiiippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Buckolk Mosse, Berlin, lerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgei». Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straß- 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Tfttft'lft Der Gottesdienst in der Reform. Von Dr. M. Ledin. — Die Woche. — Julius Nodenberg. — Der Kapitalismus der Juden und die jüdische Religion. Von Dr.J.Ziegler. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter Ujvuri. — Zeitschriften. — Buchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeilung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. P., Thorn, Wien, New Äjork. — Bon Nah und Fern. Der Gottesdienst in der Nekorm. Von Dr. M. Levi n. enn wir die heutige religiöse Verfassung beurteilen wollen, so werden wir wohl sagen dürfen: die Menschheitsreligion wird als ein Zukunftsbild ruhig hingenommen, dagegen ist es die persönliche Religion, die die Gemüter am meisten bewegt. Unter den Subjektivisten oder, wie sie sich noch lieber genannt hören, Individualisten geht man so weit, ein Gotteshaus überhaupt abzulehnen: ihre Andachtsstütten sind der Tempel der Natur und das stille Gemach. Nun ist aber das Gotteshaus vornehmlich eine Stätte der Sammlung, der geistigen Erbauung und der Pflege religiöser Solidarität; in der gemeinsamen Anbetung wächst der einzelne über sich hinaus. Nur in der Gemeinschaft entzünden sich die verborgenen Kräfte: einer richtet sich an dem anderen auf, und das Gemeingefühl steigert sich zur Nächstenliebe, während die Zurückgezogenheit, der einsame Verkehr mit dem kleinen Ich mehr oder weniger dem Egoismus fröhnt?) In Israel ist die Gemeinschaft alles, und der einzelne erlangt für sie nur insoweit einen Wert, als er ein Glied in der Gemeinschaft bildet. An alle erging das Wort Gottes, und der Priestersegen, wiewohl in der Einzahl gehalten, wird über das ganze Volk gesprochen. Unsere Volksreligion, oder sagen wir jetzt richtiger, die Gemeindereligion hat auch im Kultus dem Persönlichen, das uns täglich und allezeit beschäftigt, einen Ausdruck gegeben; sie überläßt aber auch dem einzelnen seine Herzensergießungen je nach Stimmung und Gemütslage,- da sich ein Privatgebet weder an eine bestimmte Zeit noch an vorgeschriebene Gebetsformeln binden läßt?) Wohl nirgends sind die Prinzipien der Reform so deutlich zur Erscheinung gekommen wie in ihrem Gotteshause. Da sehen wir, wie sie den Boden der historischen Entwicklung niemals verlassen hat; da sehen wir, um mit dem Propheten ') Berachoth 8a. 2) Jbid. 28b, 29b. zu reden, daß ihr Werk nicht bloß darin bestand, auszuroden und zu zertrümmern, zu vernichten und zu zerstören — ihr Werk war namentlich, zu bauen und zu pflanzen, neuschasfend zu erhalten?) Wir müssen zugestehen, daß uns das Gotteshaus neben der Religionsschule als die einzige Stätte verblieben ist, wo sich unser religiöses Leben entfaltet; denn in den zahlreichen Vereinen verbinden wir uns mit den Stammesgenossen und nicht immer auch mit den Gesinnungsgenossen; alle religiösen Richtungen treffen da zusammen. Wo noch das Zeremonialgesetz geübt wird, wo der im Lichterglauz strahlende Freitagabend oder Sederabend die Familienglieder vereinigt, da ist es schon das Haus, das „im Lichte Gottes" wandeln läßt und neue Kraft und frischen Lebensmut zuführt; wo jedoch solche Anregungen fehlen, da bleibt nur noch das Gotteshaus die Zufluchtsstätte, wo wir uns als religiöse Gemeinschaft fühlen; da wird der Kultus das stärkste Band, das die Gemeinde zusammenhält. Ueberall, in allen Zonen, hat Israel seine Synagogen er-1 baut, und zwar nach dem Muster der ersten, die schon in der H Zeit des Teinpels erstanden war, also vor mehr als zwei' f Jahrtausenden. Ihre Linie hat sie bis zur Gegenwart gezogen. ■ Gebetliturgie, Thoravorlesung in der Ursprache, Uebersetzung in die Landessprache und eine daran anknüpfende; Schristerklärung — das war die Einrichtung der ersten / Synagoge?) Genau dieselbe Einrichtung beobachten wir auch in der Reform. . I. Fassen wir zunächst die Liturgie ins Auge. Was wir Gottesdienst zu nennen pflegen, das ist in der Liturgie ge-, geben. Hat sie als Gemeindegebet zu gelten, als regelmäßiger Gemeindegottesdienst, so ist eine feststehende Ordnung geboten. 3) Die ursprüngliche Liturgie, die nebenbei bemerkt, ein hoher künstlerischer Aufbau auszeichnet, umspannt bei aller Kürze den gesamten Religionsinhalt und alle Herzensangelegenheiten. Voran die Lobpreisung für das physische Licht, das der Herr über seine Schöpfung täglich ausgießt, und für das geistige Licht, das er in Israel angezündet; darauf das Bekenntnis des Einzigen, der Erlösung, Hilfe und Heilung bringt und noch den Abgeschiedenen seine Treue bewahrt. In per Heiligung seines Namens erreicht die Anbetung den Höhepunkt. Ihm, dem Einzigen, gilt unser Dienst; ihm danken wir für die Wohltaten und Segnungen, die im Frieden alles Glück umfassen. *) Jeremia 1,10. 2) Mischna Joma 7, 1; Bereichoth 7, 3; Targum z. Ezechiel 11, 16. 3) Berachoth 28 b.