Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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für den Kassierer erteilt. Die Neuwahlen ergaben folgendes Resultat:. 1. der Vorstandsmitglieder und der Beisitzer: Becker-Wollstein, Bele- Lissa, Brzezinski, S and er-Posen und Roßkamm; 2. des Verbandsvorstandsmitgliedes: Becker; 3. der beiden. Delegierten und deren Stellvertreter: Sander, Kadisch, Bele, Brz ezinski; 4. des Mitgliedes der Presse-Kommission:-Sander. Es folgte nun der Vortrag: „Fürsorge für die schulentlassene Jugend" von Becker-Wollstein. Rauschender Beifall bekundete die Zustimmung aller. Hierauf fand ein gemeinschaftlicher Besuch der Ausstellung statt. Für das nächste Jahr ist wiederum Posen als Versammlungsort bestimmt worden. — Schwelm i. Wests., 9. Juni. Am 15. Mai wurde hier das „Israelitische Land heim. Schwelm" eröffnet, das seine Entstehung der Initiative des Direktors Silberberg-Ahlem verdankt. Das Landheim, ^4 Stunde von der Stadt entfernt, hat eine gesunde, schöne Lage. An drei Seiten von herrlichen Tannen- und Buchenwaldungen umgeben, gewährt es einen entzückenden Ausblick ins Wuppertal. Das Institut verfolgt den Zweck, außerschulpflichtige, in der Entwicklung zurückgebliebene Söhne wohlsituierter Familien weiter zu erziehen, zu unterrichten und für den Gartenbau beruflich auszubilden. Diesem Zwecke dient eine ansehnliche, modern eingerichtete Gärtnerei, in der die jungen Leute sowohl im Gemüsebau als auch in Baumschule und Eewächshausgärtnerei unterwiesen werden Die Leitung dieser Abteilung liegt in den Händen eines tüchtigen jüdischen Fachmannes, dem gute jüdische Lehrgärtner zur Seite stehen. Die! pädagogische Leitung führt ein feinsinniger Pädagoge, der sowohl auf dem Gebiete des Unterrichts und der Erziehung als auch in der Anleitung zum Gartenbau-Unterricht erfahren ist. Die ärztliche Aufsicht und Beobachtung der Schüler hat oer bekannte Nervenarzt Sanitätsrat Dr. Wertheim-Barmen übernommen. Das Institut ist das einzige jüdische dieser Art in Deutschland und ist dazu berufen, eine fühlbare Lücke auf dem Gebiete der Heilpädagogik auszufüllen. X. Sleirrhorst (Provinz Hannover), 12. Juni. Kürzlich fand eine Aufsichtsratssitzung der Land- und Lehrguts-Gesellschaft statt (der bekannten Gründung der Alexander und Fanny Simonschen Stiftung), die junge Israeliten zur Landwirtschaft ausbildet und zu diesem Zweck das Lehrgut Steinhorst..bei Celle (Provinz Hannover) betreibt.. Von Aufsichtsratsmitgliedern, die der Verwaltung der Simonschen Stiftung nicht angehören, waren anwesend die Herren Rittergutspächter Dohrn) Professor Warburg-Berlin und Rentier Brandt-Berlin. Ter Geschäftsführer, Dr. Katz-Hannover, berichtete über den Stand des Unternehmens. Es wurde beschlossen, für den Neubau des Lehrlingshauses, welches noch vor Winter bezogen werden soll, 40 000 Mark zu bewilligen. Der Neubau des Wirtschaftshofes wird in etwa zwei Monaten zu Ende geführt sein. In Verbindung mit den neuen Gebäuden kommen auch wiederum verschiedene neue Maschinen zur Ausstellung, so daß Steinhorst in jeder Hinsicht die Ausgaben eines modernen Lehrgutes erfüllen kann. Auf dem Gebiet der Moorkultur, für -das seit der letzten Kaiserrede großes Interesse herrscht, ist bekanntlich die Gesellschaft schon seit Beginn ihres Arbeitens tätig, und es gelangt 1911 ein beträchtlicher Teil unseres Moores zur endgültigen Fertigstellung. Die diesjährigen Aufforstungsarbeiten sind gut gelungen: Die Felder! standen im ersten Frühjahr prächtig, leiden aber jetzt, wie die ganze Gegend, unter der furchtbaren Dürre, so daß hieraus leider unserer Gesellschaft erhebliche Verluste'erwachsen. — Ueber die Ausbildung der Lehrlinge herrschte allerseits große Zufriedenheit.; Es ist eine Freude, zu sehen, wie die -jüdischen Knaben und Jünglinge, die größtenteils Städten entstammen, unter dem Einfluß des gesunden Milieus und der landwirtschaftlichen Tätigkeit an Kraft, Geschicklichkeit und Persönlichkeit gewinnen und wie sie mit Lust und Liebe an dem neuen Beruf hängen. Der erste ausgebildete Lehrling wurde in diesem Frühjahr entlassen und fand Stellung bei einem süddeutschen Landwirt. — Neuaufnahmen von Lehrlingen finden im Herbst, statt. Es können dannnach Vollendung des neuen.Lehrlingshauses, noch acht .junge Leute Stellung finden. Bekanntlich, schließt die Gesellschaft mehrjährige Verträge ab, in denen sie sich zur Erteilung einer guten landwirtschaftlichen, praktischen und allgemeinen Ausbstdnng verpflichtet, ebenso zur Aufnahme der Lehrlinge in den Haushalt. Die dagegen - von den Eltern der Lehrlinge zu leistende Vergülung^wirh)4m> Emzelsalle festgesetzt. Ausgenommen werden nur körperlich und geistig vollkommen taugliche; Steinhorst ist ja . nicht eine Art von Erholungsheim,' sondern ein landwirtschaftliches,... fachliches. Erziehungsinstitut, welches den besonderen Bedürfnissen unserer Glaubensgemeinschaft Rechnung trägt. — Für Lehrlings" zwecke in Steinl,orst hat der Verein zur Förderung der Bodenkultur, unter den Juden Deutschlands für 1911/12 wiederum 3OOO Mark bewilligt. — Anmeldungen von Lehrlingen sind zu richten an die Alexander und Fanny Simonsche Stiftung, Hannover, Hansahaus. Gesterretch-Nngam. ° L. Wien, 9. Juni. Wir stehen jetzt unmittelbar vor den ReichsratsWahlen, die am 13,'d. M. stattfinden. Selbstredend entfalten jetzt alle Parteien und deren Führer eine fieberhafte Tätigkeit. Die Tätigkeit der christlich-sozialen Partei und deren Presse besteht in perfiden Angriffen auf Juden und Judentum. Selbst Prinz Liechtenstein, der Landmarschall von Nieder-Oesterreich, hielt es nichtunter seiner Würde, in einer Wählerversammlung die Juden heftig anzugreifen und sie mit den gemeinsten Schimpfwörtern zu belegen. In einem Leitartikel machte die „Neue freie Presse" den fürstlichen Redner aufmerksam, daß solche Hetzreden nicht nur eines Fürsten, sondern eines jeden Menschen, der auf Bildung Anspruch erhebt, unwürdig seien. Darauf hielt Prinz Liechtenstein eine zweite Rede, in der er ausführte, daß er trotz seines Antisemitismus noch nie einem Rabbiner etwas zu Leide getan habe. Dies mag ivohl auf Wahrheit beruhen. Aber besteht denn die gesamte österreichische Judenschaft aus lauter Rabbinern? Und wenn jemand den Rabbinern nichts zu Leide tut, erwirkt er denn dadurch das Recht, das Gesamt' judentum zu beschimpfen? Im Schimpfen wird Prinz Liechtenstein von der klerikalen „Reichspost" noch weit übertroffen. In einer Polemik gegen die „Sonn- und Montagszeitung" bezeichnete sie dieses Blatt als das „Organ des Ritualmörders Hilsner": „Hilsner ist kein Ritualmörder, wie es denn einen solchen überhaupt nicht gibt, was die „Reichspost" natürlich ganz gut weiß,, aber, weislich verschweigt. Für den unschuldig eingesperrten unglücklichen Menschen, der das Opfer eines Justizirrtums ist treten wir freilich ein, und wir scheuen uns dieser Haltung nicht. Und ebensowenig werden wir in unserem Kampfe für die Gerechtigkeit Nachlassen, so lange noch die Möglichkeit vorhanden ist, den Bluthunden ihr unseliges, unschuldiges Opfer zu entreißen" Aus diesen kurzen Stichproben kann man ersehen, mit welch verwerflichen Waffen hierzulande vor den Wahlen gekämpft wird. — Das Denkmal Sonnenthals, das dem Künstler auf Anregung der Fürstin Metternich zugedacht ist, wird in dem gegen den Volksgarten hin gekehrten Vestibül des Burgtheaters seinen Platz finden. Die Aufstellungsfeier^wird im September erfolgen. Auch in anderer Weise wird das Andenken Sonnenthäls in diesem Jahre festgehalten werden: durch die von seiner Tochter Hermine vorbereitete Herausgabe seiner Korrespondenz, die am 20. Dezember, dem Geburtstage des Künstlers, erscheinen wird. Aber noch eine andere Erinnerung, die in diesen Tagen der hitzigen Wahlkämpfe ihren pikanten Geschmack gewinnt, hat der 1. Juni gebracht. Vor 30 Jahren beging an diesem Tage, dem 1. Juni .1881, Sonnenthal sein erstes Burgtheaterjubiläum, das 25 jährige, an dem sich so ziemlich die ganze Stadt beteiligte. Auch im Gemeinderat, der damals noch seine liberale Majorität hatte, wurde die Beglückwünschung des Gefeierten beschlossen, aber nicht ohne Einsprache von seiten der „demokratischen" Opposition, an deren Spitze damals Dr. Lueger stand. Seine Einwendung richtete er dahin, daß ein noch so ausgezeichneter Bühnenkünstler „nicht auf einer solchen Höhe der - gesellschaftlichen Geltung stehe", daß. ihm die Vertreter einer großen Metropole eine offizielle Ehrenbezeigung votieren könnten. Als Antwort darauf verlieh der Kaiser dem Künstler das Ritterkreuz der: Eisernen Krone, mit dem der erbliche Adel verbunden ist. Trotzdem wurden alle späteren Ehrungen Sonnenthals von der inzwischen gewechselten Rathausmajorität, deren Bürgermeister Dr. Lueger war, konsequent ignoriert, aber nicht mehr namens der „demokratischen" Partei, sondern im Namen der antisemitischen Machthaber. Von Sah und Mn. — Herr Jacob H. Schiff aus New Jork, der einige Tage in Berlin weilte, wurde am Sonnabend vor Pfingsten vom Kaiser im.