Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 16. Juni 1911 ,sMr Gemeindevote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums. GorrelponÄen^en und Nachrichten. Deutschland. *** Berlin, 13. Juni. Der Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland veranstaltete gestern im hiesigen Burghotel seinen vierten Verbandstag, der von etwa 70 Delegierten aus allen Teilen des Reiches besucht war. Als Vorsitzender begrüßte Dozent Dr. I. Elbogen die Versammlungin einer warmherzigen Ansprache, in der er mit tiefempfundenen Worten der seit dem letzten Verbandstage dahingeschiedenen hervorragenden Mitglieder gedachte. Mit ungewöhnlicher Herzlichkeit verweilte er namentlich bei einer Charakterisierung von Dr. Gustav Karpeles. den er als den Begründer, als die Seele, das treibende Clement des Verbandes, den Schöpfer und Organisator pries, der aufs innigste mit den Einzelvereinen vertrautin jedem heimisch und bei seinem Erscheinen ein gefeierter Gast war, und dem es zu danken war, daß bei seinem Scheiden der Verband es auf 200 Vereine gebracht hatte. Fast sämtliche Redner des Tages fanden im Verlauf der Begrüßungsansprachen wie der geschäftlichen Debatten die gern ergriffene Gelegenheit, Gustav Karpeles' in besonderer Form und Herzlichkeit zu gedenken. Namens der jüdischen Gemeinde von Berlin begrüßte Geheimrat Landsberg den Verband, dessen segenvolles, höhenwärts führendes Wirken die Gemeinde nach Gebühr würdige und mit ihren besonderen Wünschen begleite. Im Namen des Rabbinerverbandes begrüßte Rabbiner Dr...Eschelbacher die Versammlung mit einer eingehenden, aus innigem Verständnis fließenden Charakterisierung des Wesens und Wirkens dieser Vereine. Dozent Dr. Wohlgemuth begrüßte den Verbandstag im Namen des Rabbiner-Seminars. Einen fesselnden und lichtvollen Bericht über die Verbandstätigkeit in der abgelaufenen Periode erstattete wieder Herr ' Dr. Elbogen. Die Verhandlungen, von Herrn Justizrat Dr. Fedor Stern mustergültig geleitet, betrafen im wesentlichen eine förderliche Veränderung der Statuten und die Verbesserung des Vortragswesens. Der Wanderrednerfonds soll, als bleibendes Denkmal für den entschlafenen Verbandsbegründer, zu einer besonderen Stiftung unter dem Namen „Gustav Karpeles-Stiftung" umgestaltet werden. Die Beziehungen des Berliner Vereins zu den auswärtigen Vereinen beleuchtete der Ehrenpräsident des Verbandes, Professor Tr. Martin Philippson, in einer geistvollen und fesselnden Ansprache. — Ein ausführlicher Bericht folgt in der nächsten Nummer. ---Berlin, 9. Juni. In der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin sprach Direktor Dr. Feist über das Thema: „Jesu Leben und Wirken nach jüdischen Quellen und in jüdischer Beleuchtung". Der Redner führte etwa folgendes aus: In derAuffassung der christlichen Konfessionen schillert das Bild Jesu in den verschiedensten Farben und Gestalten. Auf der einen Seite erkennen in ihm die Orthodoxen aller christlichen Kirchen den Gottessohn, der zur Erde herniedergestiegen, gekreuzigt worden und wieder auferstanden sei; auf der anderen Seite sehen die Liberalen in ihm den idealisierten Menschen, den Stifter einer neuen Religion, die aus dem Judentum herausgewachsen sei. Die ganz radikalen christlichen Gelehrten endlich leugnen sogar die Existenz eines Menschen Jesus und erblicken in ihm eine fiktive Persönlichkeit, eine Abstraktion aus weitverbreiteten mythischen Vorstellungen vom gestorbenen und wiederauserstandenen Gott (Attis, Adonis, Mithras usw.). Wie stellen wir Juden uns zu dieser Frage? Hat es einen geschichtlichen Jesus gegeben oder nicht? Wie verhalten wir uns zu Harnacks Theorie vom doppelten Evangelium, dem von Jesus der» kündeten Evangelium und dem Evangelium über ihn, das zur eigentlichen Lehre der christlichen Kirche geworden ist? Von jüdischen geschichtlichen Schriftstellern kommt für die Frage nach der historischen Existenz Jesu nur Flavius Josephus in Betracht, der ihn an verschiedenen Stellen erwähnt. Diese Stellen sind aber aus inneren Gründen sämtlich einer nachträglichen Einschiebung verdächtig. Auch die Nachricht des Tacitus über Christus ist zu verdächtig, um einer kritischen Prüfung standzuhalten. Von religiösen jüdischen Quellen kommt das neu äufgefundene Fragment der Glaubenslehre einer sadduzäischen Sekte, das S. Schechter herausgegeben hat, keinesfalls in Betracht; und auch im Talmud finden sich keine unzweifelhaften Nachrichten über! den Menschen Jesus, obwohl seine Lehre öfter erwähnt wird und im j Traktat Sabbath sich eine Stelle findet, worin ein Ausspruch. Jesu j aramäisch zitiert wird. Ebensowenig dürfen wir von dem Evangelium und der Apostelgeschichte zuverlässige historische Nachrichten über Jesus erwarten, da diese Schriften Erbauungs- und Tendtznz- Bücher sind, nicht historischeSchriften. Ausfallend ist, daßnach allen Nachrichten die Person Johannis des Täufers historisch besser beglaubigt ist als die Jesu Christi. Trotzdem ist Jesus keineswegs unhistorisch, vielmehr deuten zahlreiche Züge in den Evangelien auf die genaue Kenntnis der religiösen Anschauungen, die im Judentum des ersten; nachchristlichen Jahrhunderts herrschten. Das Urevangelium kann deshalb nur in Palästina entstanden sein, und damit ist auch der Zweifel an einen historischen Jesus hinfällig. Er wüd freilich nicht dieBedentung gehabt haben, die ihm die spätere Entwicklung des Christentums zuweist. Er war wohl einer der zahlreichen Wanderprediger, die, verschiedenen Sekten angehörig, damals Palästina durchzogen und Anhänger warben. Erst durch seinen tragischen Tod ist er zum wirklichen Leben für die Nachwelt gekommen. Keineswegs auch wollte er seine Anhänger aus dem Judentum hinausführen; das hat erst der Apostel Paulus zu tun begonnen und das Konzil von Nicäa im Jahre 325 nach Christi vollendet. — Ein sehr beachtenswertes Referat hielt am selben Abend Herr Lehrer Auerbach: „Zur Frage der Fortbildungskurse". Herr Auerbach führte aus: Wenn wir die geschichtliche Entwicklung dieser Frage überblicken, so ergibt sich, daß die Verhältnisse geradezu kopfgestellt sind. Aus der Sphäre der Exumenslosigkeit und des Examenshorror von vor 20 bis 25 Jahren sind wir ins Extrem, in die Sphäre des Examensfuror und des Examensfanatismus hineingeraten, wiewohl das wenig den pädagogischen Anschauungen der Gegenwart entspricht; die — skeptischer denn je — sich dessen zu entwöhnen versucht, ein absolviertes Examen zum Gradmesser absoluter Tüchtigkeit und Brauchbarkeit zu machen. Daher könne man diesen Fanatismus vielleicht sogar verurteilen, denn es ging doch bisher leidlich auch ohne Errichtung von Zäunen, die kein Unexaminierter überklettern soll. Früher starke Ablehnung von Theologen — vornehmlich noch studierender — ohne Lehrerzeugnis, heutzutage mindestens Gleichstellung derselben oder gar Bevorzugung auch für untere und mittlere Klassen höherer Lehranstalten und Oberstufen der Religionsschulen. Werden nunmehr aber Examina als Vorbedingung für eine in Äussicht zu nehmende Beschäftigung gefordert, so müffen sie auch Berechtigungen verleihen und dürfen keinen ausschließen, sobald er daS Examen absolviert hat. Nach den bisherigen Bestimmungen mit dem nicht ganz klaren und durchsichtigen Wortlaut scheinen die Seminariker von dem Examen und der Beschäftigungsmöglichkeit — von der Anstellungsmöglichkeit ganz zu schweigen — für obere Klassen höherer Lehranstalten ausgeschlossen zu sein. Ist's nur eine Lücke, die noch ausgesüllt werden soll, so ist der Wortlaut zu bemängeln, ist's aber beabsichtigte Ausschließung, so darf man den Umstand wohl' bedauern. Es würde demnach das Examen für den Seminariker nur in die Luft geschrieben sein, und Vorteil brächte es allein den Theolögen, die an Stelle eines Rabbinatsexamens dieses Religiönslehrerexamen äblegen, das erheblich geringere Anforderungen als jenes stellt, um anstellungsberechtigt zu werden. Werden die Seminariker nicht zugelassen und werden sie den in diesem Examen geprüften Theologen in bezug auf Anstellungsberechtigung nicht gleich gewertet, so wird's für sie bloß ein Examen pour plaisir und pro nihilo, das dazu angetan ist, mehr zu verdrießen und zu verbittern, als zu erfreuen. Trotz allen Idealismus ringt jedermann nach einer seinen Fähigkeiten entsprechende» r