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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-16 · Heft 24 (16.6.1911) · p. Seite 288

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
Seite 288 (sequence 12)
Language
German
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288 Der Dorfbewohner verschwendet nicht viel Kerzen und, Petroleum. Die Nacht ist zum Ausruhen, nutzt zum Wachen da. Diese Lebensordnung hat Gott festgesetzt und/wenn er es so für gut fand, soll der Mensch nicht davon abweichen. Ein kluger Mensch stellt sich nicht in Gegensatz zu Gott, nur, wenn es sein muß; sagen wir, wenn er krank ist. In Dörfern und Kleinstädten hält man demzufolge den Zustand eines Kranken voU dem Augenblick an für wirklich besorgniserregend, wo man bei ihm ein Oellämpchen brennen sieht. Von Liweitzer erzählte man seit einer Woche, daß es ihm besser gehe. Berele Beer schüttelte nur den Kopf zu diesen Nachrichten. Weiß er doch am besten, wer krank ist und wer nicht. „Meinst Du, Blümele, daß ich das glaube?" sprach er nach dem Mittagessen nachdenklich. „Ich glaub" es nicht, Blümele. Und warum? Weil ich auch jetzt noch bis zum frühen Morgen Licht bei ihm sehe." Blümele biß sich in die Lippen und schwieg. Ihr Herz war von Erbitterung voll und sie rieb das eiserne Geschirr mit solcher Kraft, daß es unter ihren Händen Funken sprühte. Bruchele war neugieriger. „Ist er sehr krank?" „Auch heute Nacht war sein Zimmer so hell, wie der Tempel am Feiertagsabend." Blümele erbleichte. So, wie sie das eiserne Becken scheuerte, weinte es unter ihrer Hand, und das war sehr gut, denn man konnte deshalb den Aufschrei nicht hören, der ihr unvorsichtigerweise entfuhr. Ihr Kops sank noch tiefer und nur seitwärts schielend, forschte sie zuweilen in den Gesichtszügen ihres Vaters, ob er die schlimme Nachricht nicht mit etwas noch Schlimmerem ergänzen werde. Ihr Herz bebte vor Schmerz. In schlaflosen Nächtei/ wenn die mädchenhafte Phantasie mutig ihren Flug beginnt, formte sie ihre Sehnsucht zu einem herrlichen Rahmen aus und setzte als Reliquie ein bleiches Antlitz hinein, das ihr über alles teuer war. Sie knüpfte ihres Lebens Hoffnungen daran und siehe, jetzt streckt der Tod seine Knochenfinger darnach aus, um die Reliquie mit dem Rahmen zu zertrümmern. Wenn Blümele eine Ahnung davon gehabt, daß Liweitzer nicht mehr krank war und, daß die Kerze nur deshalb bis zum Morgengrauen bei ihm brannte, weil er Macerls Bücher durchnahm und auch diejenigen, welche Macerl dem Bücherschrank seines Vaters entnahm, um sie ihm als Wunderdinge zu zeigen. Es waren schöne große Bücher in einer mysteriösen Sprache geschrieben, die Liweitzer nicht verstand. Doch er buchstabierte trotzdem in den gedruckten Mysterien. Es war eine mühselige Arbeit wie das Perlenaufziehen, ihn aber ermüdete die anstrengende Arbeit nicht. Er reihte und reihte nur die Buchstaben aneinander, und hatteer einen Satz heraus buchstabiert, so las er ihn noch zehn- und zwanzigmal durch. Die Töne schmeichelten sich ihm in das Ohr hinein und schmolzen dann in weiche Musik hin, wovon eine Vibration in seine Seele fiel. Hier wurde dann das Fremdwort allmählich lebendig, wenn auch nicht jedes zum deutlichen Begriff wurde. (Fortsetzung folgt.) »ÄM Litersrilche Mittrilungen. Geschichte Europas seit den Verträgen von 1815 bis zum Frankfurter Frieden von 1871. von Alfred Eternt Fünfter und sechster Band (Zweite Abteilung 2. und 3. Band) Geschichte Europas von 1830 bis 1840, 2 und 3. Stuttgart und Berlin 191-li I. G. Cottasche Buchhandlung Nachf. 455, 638 S. Es ist ein großzügiges Werk, das den Lesern h.iermit bekannt gegeben und empfohlen werden -soll. In neun Bänden soll die Geschichte Europas von 1815 bis 1870 erzählt werden ,Der Verfasser des Buches, der bekannte und geschätzte Professor der Geschichte am Züricher Polytechnikum hat den ersten Band 1894 erscheinen lassen; gegenwärtig also nach 17 Jahren sind gleichzeitig der 5. und 6. Band in die Hände der Leser gelangt, und damit ist die zweite Abteilung des bedeutenden Unternehmens vollendet. " Die erste dreibändige Abteilung ging bis 1830; die zweite gleichfalls dreibändige bis zum Jahre 1848; mit ferneren drei Bänden soll das Werk zum Abschluß gebracht werden. Das Sternsche Unternehmen hat bisher weder den großen Ruhm des Gervinusschen Geschichtswerkes, noch den lauten, lärmenden Erfolg des Treitschkeschen Buches erlangen können. Aber es bleibt unbegreiflich, wie eine so hochbcdeutsame Erscheinung, obwohl sie von den ersten Firmen vertrieben worden ist, ursprünglich von der vornehmen Verlagsbuchhandlung Wilhelm Herz, jetzt von der Weltfirma Cotta verlegt und obgleich sie durchaus nicht in einer übermäßig großen Anzahl von Exemplaren gedruckt worden ist, bisher . ch immer nicht zu einer 2. Auflage gelangen konnte. Die großen orzüge der Sternschen Geschichtsdarstellung sind: Vornehmheit der Auffassung, Schönheit und Sachlichkeit der Erzählung und eine außerordentliche, in diesem Umftmge noch nie dagewesene Benutzung des gedruckten, vor allem aber des handschriftlichen Materials. . Alfred Stern ist der erste Forscher, der für derartige allgemeine Darstellungen preußische, österreichiche, französische und andere Archive, die früher nur bis 1815, höchstens bis 1830 ihre Materalien verwerten ließen, bis 1840 ja noch weiter hat benutzen dürfen. Er hat dies mit einer außerordentlichen Gründlichkeit getan und so ein Material zusammengebracht, das in ähnlicher Weise bisher von keinem anderen verwertet werden konnte. So ist das Merk eine stützende Arbeit geworden, der man die größte Bewunderung spenden muß. Eine solche Darstellung geht natürlich auch gelegentlich auf die Juden ein, und da es dem Zweck dieser Zeitung fern liegt, das allgemein Geschichtliche ausführlich zu behandeln, so begnüge ich mich damit, auf einzelnes Jüdische hinzuweisen, das sich in den zwei jetzt erschienenen Bänden findet. Was das Literarische betrifft, so sei die kurze aber ansprechende Würdigung Berthold Auerbachs erwähnt. Bd.. 6 S. 181. Ueber die politische Geschichte der Juden handeln z. B. die Stellen 5 S. 62 f., über die Stellung der Juden in Ungarn 6 S. 72 f., über das Judengesetz von 1847 und dessen Behandlung im Vereinigten Preußischen Landtage, 6 S. 322 f., über die Stellung der Juden in Rußland 5 S. 135,und 43. (Gerade in der letzteren Partie wird handschriftliches Material aus den verschiedensten Archiven verwertet. Man erkennt deutlich — und das ist recht lehrreich auch für unsere Zeit — wie andere Mächte sich für die Juden verwandten, wie z. B. das Haus Rothschi'.d durch Vermittlung fremder Gesandten dem russischen Ministerium eine Denkschrift überreichte.) Mehrfach finden sich kleine Süllen über - Gabriel Rießer. Die eigentliche Behandlung Börnes und Heines war schon dem 4. Bande zugewiesen gewesen, aber auch in diesem Bande werden sie mehrfach erwähnt, die Dichtungen Heines aus den 40er Jahren werden an einer Stelle behandelt. Von den deutschen Dichtern jüdischen Glaubens wird Bd. 6 S. 20 einmal Karl Beck genannt freilich, ohne daß von seinem Judentum die Rede ist. Einmal wird auch von Meherbeer kurz gesprochen. Von den Bewegungen innerhalb des Judentums ist nicht die Rede. Vielleicht hätte sich Bd. 6 S- 169 ff., da von dem Deutsch- Katholizismus und den Lichtfreunden gehandelt wird, auch von den Resormbestrebungen innerhalb des Judentums gesprochen werden, können, aber der politische Stoff ist eben so ungeheuer, .und das Jüdische gehört einer verhältnismäßig so kleinen Gemeinschaft an, daß der Verfasser, dem diese Bewegung sehr wohl bekannt ist, (man denke nur an den Anteil, den sein Vater M. A, Stern an der Bewegung der Reformsreunde in Frankfurt nahm) aufdre Erwähnung und Darlegung solcher Dinge verzichten mußte. Jedenfalls seien unsere Leser, die sich bewußt sind, daß die Kämpfe der Gegenwart nur durch ein genaues Verständnis der Vergangenheit begriffen und gewürdigt werden können, auf dieses grundlegende, trefflich gearbeitete Werk, eine wissenschaftliche Tat hervorragendster Art, nachdrücklich hingewiesen. L, G. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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