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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-16 · Heft 24 (16.6.1911) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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Na, der konnte lesen. Liweitzer dachte an seine Kindheit. In Ugocsa dürfte man die Kinder weher deutsch, noch ungarisch unterrichten, die Strafe des Fluches war darauf gesetzt. Ach, wie traurig war doch seine Kindheit und wie traurig ist sein Jünglingsalter. Das Kind bemerkte Liweitzers Ergriffenheit, und deren Ursache nicht kennend, fragte er teilnahmsvoll: „Onkel, tut etwas weh?" „Ja, es tut weh." „Was denn?" „Das kannst Du nicht verstehen." „Weinen Sie nicht, Onkel, ich . werde andere Bilder zeigen." „Auch dieses ist sehr schön." „Und der. Vers?" „Auch der." „Ich weiß ihn auch auswendig." Liweitzers Gesicht hellte sich auf. „Vielleicht kannst Dü ihn nur so? Dann hast Du nur so hingeschaut und getan, als ob Du lesen könntest. Nicht wahr. Du kannst nicht lesen?" „Doch, ich kann, so wahr ich lebe." LiweitzerwiesaufeinenBuchstabenhin: „Nun denn, was^ist dieses?" „Ra." „Ka! Ka! Küf?') „Im Siderl Kuf, aber hier ka." Liweitzers Augen glühten wie Kohlen. Er prägte sich den Buchstaben gut ein, und mit kaum vernehmbarem Stammeln wiederholte er für sich: „Ka! Ka! Ka oder Kuf ist einerlei." Dann zeigte er auf einen anderen Buchstaben. „Doch diesen kennst Du nicht mehr?" „Wie denn nicht? Dies ist das e." „Hier!" spöttelte Liweitzer und sein Herz schlug wie des Sünders Herz. „Aber was ist es im Siderl?" „Ajen. Ajen oder e ist einerlei." „Richtig," nickte Liweitzer schlau. „Ajen oder e, das ist einerlei. Das weißt Du. Nun und diesen kennst Du auch?" „Te. Im Siderl teß oder Law." Ohne sich dessen bewußt zu werden, sagte das Kind schön das ganze ABC her. Liweitzer brauchte nichts zweimal herzusagen. Er war des Wissens voll. In seinem Kopf waren mächtige Literaturen ausgestapelt. Nur eben lesen und schreiben konnte er nicht in jenen Sprachen, welche in dem Lande, wo er lebte, gesprochen wurden. Das ist das Los vieler Schüler der Jeschiwa. Als das Kind des Spielens überdrüssig wurde und hinauslief, fühlte er sich schon als ganz neuen Menschen und seine Brust hob sich in nie empfundenem Stolze. Unter dem Spielzeug war auch eine Farbenschachtel und dickes Zeichenpapier. Liweitzer begann — allein geblieben — Buchstaben zu malen. Der erste mißlang, doch der Versuch blieb deshalb nicht erfolglos. Die Anstrengung ermüdete ihn, in seinem Hirn toste wieder das Blut, doch er legte den Pinsel nicht eher nieder, bis er den Vers von der Giraffe mit kleinen, zierlichen Buchstaben gemalt und seinen Namen unterzeichnet hatte. Er verbrachte eine unruhige Nacht. Bis Mitternacht wälzte er sich schlaflos herum, und als er einschlief, fühlte er, wie sich die Tür öffnete und ein riesengroßes Ka zu seinem 1) Der hebräische Ka-Buchstabe. 2) Das hebräische, Gebetbuch. Bette schlich. Das Ka stellte zuerst best einen,, dann auch den zweiten Fuß auf den Rand des Bettes, und als es oben war, kauerte es sich auf die Knie und rutschte ihm auf die Brust. Liweitzer ächzte, stöhnte und rang mit dem Buchstaben Vampyr, der sein Blut aussaugen wollte. Doch das Ka war stärker als er und warf ihn. nieder und er lag bewegungslos, hilflos bis zum Morgengrauen da. Dann erwachte er. Seine Brust fühlte, sich von dem Alpdruck befreit und mit langen, tiefen Atemzügen freute er sich des neuen Lebens. Ungeduldig erwartete er den Tag, denn er sehnte sich nach seinem kleinen Kameraden, der in Wahrheit sein Meister war, was er aber wegen der Schande nicht offen bekennen durfte. Lange mußte er auf den Knaben warten, da dieser vormittags in der Schule war. Vor dem Speisen suchte er ihn aus. Bei der Tür nahm ihn. der Großvater in Beschlag. ' „ „Wohin gehst du, Macerl?" „Zu Onkel Liweitzer." . Das alte. Männchen wurde zornig. „Macerl," drohte er seinem Enkelchen, „hörst Du, ich schlag" Dich tot, Macerl, wenn Du sagst, Onkel Liweitzer, Du mußt sagen Onkel Jossele,. verstehst Du?" Macerl hätte es nicht verstanden, doch der Alte gab ihm Malzbonbons, welche sofort ihre Wirkung ausübten. Denn er sagte, daß er schon verstehe und guckte dann zu Liweitzer hinein. Liweitzer freute sich, als der. blondgelockte Knabenkopf zur Türöffnung hineinblitzte. Mit lebhaften Bewegungen winkte er ihm, näher zu kommen. Macerl trat ein. „Schau", was ich Dir geschrieben habe," empfing ihn Liweitzer und zeigte ihm den Bogen Papier, worauf er den Vers gemalt hatte. Er wollte ihn approbieren, doch verheimlichte er dies natürlich.; Das Kind blickte mit großer Achtung auf ihn. „Also kann der Onkel auch drucken?" Liweitzer wurde betroffen. Er verstand die Frage nicht recht, jedoch fühlte, er, daß hier ein Fehler vorliegen müsse. Da er sich nicht verraten wollte, so sagte er mit geheuchelter Ruhe nur soviel: „Ja, ich kann." „Ich kann nur schreiben," sagte Macerl und man sah ihm an, wie sehr er Liweitzer um seine große Wissenschaft beneidete. Wenn Macerl nur schreiben kann, aber das, was Liweitzer gemalt hat, nicht zu machen weiß, so ist es offenkundig, daß er Liweitzer nicht einmal schreiben kann, denn das, was. er gemalt hat, ist keine Schrift, sondern etwas anderes. Wie sieht aber die Schrift aus? Und durch verschiedene schlaue Kniffe bewog er den Knaben, ihm seine. Schreibkenntnisse vorzusühren. Und es wiederholten sich die gestrigen Vorgänge. Liweitzers Schlauheit hatte sich damit noch nicht erschöpft. Er wußte Macerl so an sich zu fesseln, daß dieser ihm nicht mehr missen konnte. Dieser Liweitzer . war ein großartiger Spielkamerad, besonders seitdem er das Bett verlassen durfte. sEr konnte schnitzen, bohren, einen Wagen zusammenstellen, 'eine Säge machen und anderes mehr. Dann wußte er wunderschöne Märchen zu erzählen, wie sie Macerl noch niemals gehört, hatte. Und, wenn sie des Spielens müde waren, nahm Liweitzer die Bücher her und sie büffelten zusammen. Liweitzer tat immer so, als wüßte er alles auswendig. Wo doch jede neue Seite deß Buches ihm neue Wunder! eröffnet^ Und er sog.den Duft und den Glanz dieser Wunderwelt in sich ein und jeder seiner Nerven erbebte in jubelndem iGlückgesühl!

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