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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-16 · Heft 24 (16.6.1911) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
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unzählige Male als Märchen erwiesenen Beschimpfungen des Judentums sein Blatt interessant zu machen sucht, eine Methode, die längst bekannt und längst verbraucht ist. Er wird dadurch ebensowenig den Radau-Antisemitismus wieder zum Leben erwecken, wie es ihm gelingen wird, seinen anderen Lieblingsgedanken, an Stelle des Christentums den altgermanischen Odinglauben wieder einzuführen, durchzusetzen. Und doch darf der Zentralverein nicht seinem Treiben stillschweigend zusehen. Denn dieser Verein kämpft nicht nur für die speziellen Interessen des Judentums, indem er die in Verfassung und Gesetz gewährleisteten Rechte der Juden wahr zu machen sucht, sondern, wie nicht oft genug betont werden kann, damit mindestens ebenso sehr für die Interessen des allgemeinen Vaterlandes. Daher kann er nicht untätig bleiben, wenn fortgesetzt die im allgemeinen Staatsinteresse, nicht zum.Schutze irgendeiner Religion geschaffene Gesetzesvörschrift des § 166 StGB, mit Füßen getreten wird. Im allgemeinen Staatsinteresse liegt es. aber, daß die einzelnen „innerhalb des Bundesgebietes, bestehenden Religionsgesellschaften" im Frieden miteinander^ leben, und es gibt nichts, was diesen Frieden so sehr gefährdet, als wenn irgendein Mensch die vermeintlich falschen und schädlichen Lehren und Einrichtungen seiner andersgläubigen Mitbürger öffentlich in beschimpfender Weise kritisiert. . Wer das tut, verletzt wesentliche Lebensinteressen seines Vaterlandes, deshalb darf der Staat ein solches Beginnen nicht dulden. Ob der Täter aus Ueberzeugung handelt, ob er nicht und sogar „mit einer gewissen rechtlichen Aufgabe an sein Ziel geht", ist gleichgültig; im Gegenteil: je hartnäckigerer seine dem Allgemeinwohl verderblichen Ziele "verfolgt, um so schädlicher ist er für den Staat, um so härter muß. deshalb, die abschreckende Strafe ausfallen. Es gibt Menschen, welche das Eigentum für Diebstahl halten — oft sogar aus tief ernster wissenschaftlicher Forschung heraus: soll etwa der Staat einen solchen. Menschen, der deshalb das Eigentum seiner Mitbürger fortgesetzt verletztunbestraft lassen? Vor kurzem ging wieder durch alle Zeitungen die Nachricht von jenem'Soldaten, der aus religiöser Ueberzeugung am Sabbat jeden militärischen Gehorsam verweigert. Wir werden gewiß Mitleid mit diesem Schwärmer haben, aber niemand wird zweifeln, daß sein Widerstand im Interesse des Staates um jeden Preis gebrochen werden muß. Ja, noch heute leben Menschen, welche an Hexen glauben und deshalb gegen arme, alte Weiber, die sie für solche.Zauberer halten, Verbrechen begehen. Wünscht die „Staatsbürgerzeitung" auch solchen Menschen Richter „die aus Hochachtung" vor ihrer Ueberzeugung milde strafen? Der Zentralverein wird also fort fahren müssen, der verhetzenden Tätigkeit der antisemitischen Presse seine Aufmerksamkeit zu widmen, so turmhoch auch unsere Religion über deren Beschimpfungen steht, und so unangenehm auch gerade dieser Teil seiner Arbeit dem Vereinsvorstande ist. Seim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. ' XIX. ^^^as Kind ging zu Liweitzer hinein und fragte ihn: „Onkel 34^ Jossele, wie befinden Sie sich?" Reb Jossele horchte hinter der Tür und kicherte leise vor sich hin: * Liweitzer streichelte den Kopf des Knaben und erwiderte, daß er nicht Onkel Jossele sei, er möge ihn nur Onkel Liweitzer nennen. - . Das Kind stützte die Ellbogen auf den'Bettrand und betrachtete den Kranken mit weit geöffneten Augen. Dann nahm er langsam, nachdenklich den letzten Malzbonbon aus dem Mund, legte ihn auf die Bettdecke und schob ihn Liweitzer zu. Liweitzer lächelte, beugte sich über , das Kind und küßte es. Auch Macerl lächelte. Dann fragte er: „Onkel, haben Sie eine Flinte?" „Nein!" „Und einen Hund?" „Auch das nicht." „Mit was spielen .Sie denn?" „Mit nichts. Ich habe kein Spielzeug." Mitleidig heftete Macerl seine großen blauen Augen auf ihn. Das ist ja schrecklich. Ein so kranker Mensch und hat nichts, womit er spielen kann. Ungewohnte Rührung beschlich das klein? Herz, und jetzt zum erstenmal im Leben > kämpfte es mit der menschlichen Selbstsucht. Der Kampf dauerte nicht lang. Plötzlich hatte sich Macerl umgedreht, und, wie aus der Flinte geschossen, rannte er aus dem .. - Zimmer. Bor der Tür warf er beinahe seinen Großvater um, doch ohne es zu beachten, tiefer weiter. Nach fünf Minuten kam er schon zurück. Er brachte Schachteln und dicktäflige Bilderbücher. Freudestrahlend und lachend trug er diese Kostbarkeiten, in Liweitzers Zimmer hinein. „Onkel, ich habe Spielzeug gebracht." Und er stellte seine Armee auf der, Bettdecke auf, dann , den Rauchfangkehrer, das Eselchen, welches bloß ein Ohr hatte l^nb den Bajazzo, der, als er neu gewesen, quietschte, wenn man ihn vorn drückte, doch, seitdem er hektisch geworden nur dann quietscht, wenn man ihn rückwärts drückt. Dann breitete er das Bilderbuch aus. Herrliche Bilder waren darin, allerlei wunderliche Tiere, gelbe, schwarze, graue, bunte, und Macerl wußte von allen zu sagen, wie sie hießen und welcher Art sie seien. „Dies ist die Giraffe. Dies ist das Eichhörnchen, dies der Hamster, dies das Nashorn und daneben der Elefant." Liweitzer stützte sich auf den Ellbogen und hörte dem Kinde zu. Von seinem bleichen Antlitz wich das Lächeln und er betrachtete die Giraffe und das Eichhörnchen und den Hamster und das Nashorn und den Elefanten. Er fühlte sich wie einer, dem sich, neue Welten eröffnen. Und mit leisem Beben regte sich der Neid in ihm. Dieses Kind wußte mehr als er. „Was ist dieses?" fragte er. „Die Giraffe." „Woher weißt Du das?" Marcel lachte hell auf. „Es steht ja hier, sieht es der Onkel nicht?" Und er deutete auf die groß gedruckten Buchstaben unter den bunten. Bildern. Liweitzers Herz schlug laut. Schweratmend frug er: „Also, Du kannst lesen?" > . „Freilich kann ich es," war die selbstbewußte Antwort. „Schauen Sie her." Und auf den Text deutend, begann er diesen in Silben getrennt herzusagen: Zweistockhoch ist der Hals, dreistockhoch die Füße, Ihre Heimat hat sie in der weiten Wüste. Wüste ist die Heimat, grünes Laub die Weide,' Der zahmen Giraffe tut man nichts zu-Leide.

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