Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Tage und 40 Nächte, sein Alleinsein mit Gott, die Vision am Felsen (Exod. Kap. 33), die Grablegung Moses, das alles ist doch wahrlich genügend von Mystik durchwoben und durchträn kt. Hanna, Samuels Mutter, vor Eli! Was hat die Kulturwelt an tiefer Seelenandacht von dieser einen Szene gelernt!' Und ist ElisMort, I. Samuel 3, 18: '„Er ist Jahve. Was ihm gut erscheint, tue er," nicht von wahrhaft frommer Gottergebung erfüllt? Bileams Prophetie kennzeichnet die Bibel mit den Worten: „Spruch Bileams, des Peersohnes, Spruch des Mannes mit aufgeschlossenem Auge. Spruch dessen, der Gottes Wort hört, Der die Erscheinung des Allmächtigen sieht, Hinsallend und offenen Auges." (Num. 24, 3f.) Als Samuel dem Saul die Königswürde voraussagt, gibt er ihm ein Zeichen dafür, daß er wahrgesprochen: „Nachher kommst du zum Hügel Gottes ... Wie du in die Stadt kommst, begegnest du einer Truppe von Propheten, von der Bama herniedersteigend und . prophezeiend, vor ihnen her Harfen, Pauken, Flöten und Zithern. Da überwältigt dich der Geist Gottes. Du wirst mit ihnen weissagen und wirst ein anderer Mensch." (I. Sam. 10, 5 ff.; vergl. ibid. 19, 23 f.) Als David die Bundeslade in die Davidstadt brachte, „tanzte er mit aller Kraft vor Jahve" (II. Sam. 6, 14). — Da die Könige Ahab und Josaphat gemeinsam gegen Moab zogen und Elisa über den Ausgang der Schlacht befragten, rief dieser: „Holt mir einen Saitenspieler!" „Und wie der spielte, kam über ihn die Hand Gottes." (II. Reg. 3, 15). Also an Taumel, Raserei und selbst an heulenden Derwischen schien es in Israel nicht gefehlt zu haben. Und die Glut der Prophetie! Die Gottesliebe eines Hosea. Jesaias Berufung, die glühende Innigkeit eines Jeremia, die Vision Ezekiels, die Neubelebung der toten Gebeine, der Wonnerausch des großen Unbekannten über den einzigen Gott (Fortsetzung folgt.) Geheimer Legierungsrst Orokellor % Lolsnes. eboren 1842 zu Brody in Oesterreich, besuchte die dortige Realschule. Im Alter von 15 Jahren kam ich nach Breslau und widmete mich zuerst dem Kausmannsstande, den ich aber bald aufgab, da weder Anlagen noch Neigung dafür vorhanden waren. Einer alten Neigung für die exakten Wissenschaften nachgebend, entschloß ich mich nun, Chemie zu studieren, erkannte aber bald, daß die Mathematik eine größere Anziehung auf mich ausübte. Im Jahre 1864 bestand ich die Reifeprüfung an einem Breslauer Gymnasium und erlangte im Sommer 1865 die philosophische Doktorwürde an hiesiger Universität. Zwei weitere Semester studierte, ich darauf an der Berliner Universität. Meine Publikatiyn als Privatdozent.fand im Jahre 1870 in Breslau statt;, 1873. wurde ich .zum außerordentlichen. 1876 zum ordentlichen Professor ernannt,. 1890/91 war ' ich Dekan: 1903/4 Rektor der Universität. Meine wissenschaftlichen Arbeiten, vorwiegend der analytischen Geometrie und der Formentheorie angehörend, sind größtenteils in Grelles Journa sowie in den „Mathematischen Annalen" veröffentlicht?) E Der 8 IKK des Strafgesetzbuchs. Von Justizrat Satin ger-Oppeln. err Theodor Fritsch, der Herausgeber des „Hammer", ist wieder wegen Beschimpfung der jüdischen Religion mit 10 Tagen Gefängnis bestraft worden. Diese niedrige Strafe — Fritsch ist schon zweimal wegen des gleichen Vergehens vorbestraft — veranlaßt die „Staatsbürgerzeitung" zu einem Triumph-Artikel, in dem sie folgert, daß der Angeklagte offenbar nur wegen der „Hochachtung" der Richter vor ihm und seinem Streben so milde bestraft worden ist. Nun ist es zwar richtig, daß mancher Jude die bittere Frage aufwirft, was wohl einem jüdischen Redakteur passiert wäre, wenn er den Wahnsinn besäße, auch nur die Hälfte der schweren Beschimpfungen gegen die christliche Religion öffentlich auszusprechen, welche der „Hammer" immer wieder gegen die Mutter des Christentums ausstößt! Dennoch tut man dem Leipziger Uvleil unrecht, wenn man es so auffaßt. Es stellt fest, daß Fritsch aus seiner Ueberzeugung heraus „an die Lauterkeit seines Zieles glaubt", und findet darin die Veranlassung zu seiner milden Strafe. Damit ist die persönliche Seite der Frage erledigt. Denn das Urteil ist zu Recht ergangen, und der Respekt vor einem solchen Richterspruch gebietet dem staatstreuen Bürger, seine Feststellungen zu achten. Eine andere Frage ist es freilich, ob gerade der Antisemitismus Grund hat, sich darüber zu freuen. Denn wer heute noch daran glaubt, daß „die Synagogen Brutstätten der Nichtswürdigkeit" find, daß „die Lehren, die dort gelehrt werden, von Lug und Trug begleitet, aber im Mantel det Tugend einhergehen," daß diese Lehren „den Statuten einer Falschspielgesellschaft, gleichstehen," der ist für jeden denkenden Menschen erledigt, genau so erledigt, wie es diejenigen sind, welche noch auf das Vorhandensein von Hexen und Hexentum schwören. " ~ ' Und in der Tat ist es nicht die Wichtigkeit der Person des Herrn Fritsch, die dem Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Veranlassung gibt, sich so oft mit seinen literarischen Phantasien zu beschäftigen. Wer ist Herr Fritsch? Ein antisemitischer Agitator, der durch die tollsten, *) Der hochverdiente Gelehrte, zu dessen Würdigung mir die Kenntnisse fehlen, tritt von seinem akademischen Lehramts, das er mit bedeutendem Erfolge 40 Jahre lang bekleidet hat, zurück. Er war so liebenswürdig, mir auf meine Bitte die obenstehende schlichte Skizze seines äußeren Lebens und sein Bild zu übersenden; ich freue mich, Beides meinen Lesern bieten zu können. . J.v U. 6. Geh. Ueg.-Rat Oros. ). Rosanes.