Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- Seite 284 (sequence 8)
- Language
- German
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Liebe die Gebote erfüllt und dem, der es ans Angst tut. Den Liebe dazu führt, dessen Lohn ist doppelt und dreifach . . . fürchtet sich ein Mensch vor dem anderen, läßt er ihn. so er von ihm zu viel belästigt wird, stehen und geht seiner Wege. Gott gegenüber jedoch sei voll Liebe und Furcht. Denn Furcht und Liebe gemeinsam gibt es nur Gott gegenüber." An derselben Stelle wird das Wort in Deut. 6, 7: „mit Deiner ganzen Seele" so erklärt: „Mit Deiner ganzen Seefe: selbst wenn er Dein Leben nimmt. Ben Asai erklärte den Ausdruck so: Liebe den Herrn deinen Gott mit deiner ganzen Seele: bis zum letzten Hauch deiner Seele." — Der Babylonier Abaji erklär e denselben Vers wieder anders. „Liebe den Herrn deinen Gott, das heißt: Handle so, daß, Gott durch dich geliebt werde (B. Joma 86 a). — Zum Verse Deut. 30,16 lesen wir in B. Nedarim 62a: „Der Mensch sage sich nicht: ich will Thora studieren, damit man mich einen Weisen nenne, einen Rabbi; ich will lernen, um einer der Aeltesten zu werden und im Rate mitzusitzen. Lerne aus Liebe, die Ehre kommt schon von selbst nach. „Unser Vater im Himmel" ist gewiß ein jedem Christen geläufiges Wort. Daß es biblischen Ursprungs ist und den Talmudweisen stets geläufig war, weiß jeder nur ein bißchen in der Theologie bewanderte Mann. Ist dieses Wort: ,abiuu schebbaschamajim“ oljtte kindliche Liebe auch nur denkbar, selbst' wenn wir entgegenhalten wollten, gerade der Pentateuch fordere: „Fürchte Jedermann Mutter und Vater" (Lev. 19, 3)?! — Die Gebete eines Volkes sind doch der Niederschlag, die^ Summe alles dessen, was es fühlt. Und wenn der fromme Jude täglich betet: Gib in unser Herz ... zu halten alle! Worte der Belehrung Deiner Thora in Liebe . . . und laß. uns einig sein in der Liebe und Ehrfurcht Deines Namens"O ist das nicht Beweis genug, daß dem Volksgesühl die Liebe zu Gott mindestens ebenso nahe stand als die Furcht voH ihm?" Wenn Herr Sombart noch eingehender diese Frage studiert hätte, wäre er wohl auch auf die jüdischen Philosophen des Mittelalters hingewiesen worden, die fast ausnahmslos die Liebe zu Gott als ein Dogma der jüdischen Religion lehren. Sombart zitiert allerdings Maimoni. Er sagt: „Maimoni hat bekanntlich 365 Verbote und 248 Gebote ausgestellt!"- (S. 266.) Bekanntlich! Ich fürchte aber, daß Herrn, Sombart diese Zusammstellung nicht sehr bekannt ist. Hat er sie sich wirklich einmal angesehen, wenn schon nicht im Original, so doch wenigstens in einer Uebersetzung? Hätte er es nur getan! Denn bekanntlich fängt diese Zusammenstellung folgendermaßen an: „Die Gebote. Das erste aller Gebote ist, zu wissen, daß Gott ist. Denn es heißt: „Ich bin der Herr dein Gott." Das zweite Gebot ist, ihn als einzigen anzuerkennen. Denn es heißt: „Der Herr unser Gottder Herr ist einzig." Das dritte Gebot ist, ihn zu lieben. Denn es heißt: „Liebe den Herrn deinen Gott." Das vierte Gebot ist, ihn zu fürchten. Denn es heißt: „Den Herrn deinen Gott sollst du fürchten." Herr Sombart würde sodann erfahren haben, daß das erste Buch von Maimonis „Jad hachasaka“ den Namen führt: „Das Buch der Erkenntnis", das zweite: „Das Buch der Liebe" (zu Gott). Das jüdische Mittelalter ist sehr reich an Erbauungsschriften. Wer sich die Mühe nehmen wollte, diese ausgesprochene Volksliteratur durchzublättern, der fände da eine ungeahnte Fülle von Mahnworten aufgespeichert über das Gebot, Gott zu lieben. Und schließlich, last not least, kündet nicht das vergossene Märtyrerblut mehr, als es alle Bücher Nachweisen könnten^ die Liebe des Juden zu seinem Gott? Alle dre Männer und 1 Frauen, Mädchen, Jünglinge, Greise, die freiwillig in den Tod gegangen sind, mit dem Bekenntnis auf den Lippen,. sind die nicht die Kronzeugen der ergreifenden Liebe eines Volkes zu Gott? Oder geht man freiwillig in den Tod aus Furcht vor Gott? . / .... Nichts ist schwerer zu bekämpfen als von Theologen, und Literaten gezüchtetes Vorurteil. Inbrunst und Mystik im Judentum. Es liegt auf der Hand, daß Herr Sombart auch von religiöser Mystik und Inbrunst im Judentum anders gesprochen hätte, wenn er bereit gewesen wäre, die Liebe zu Gott der jüdischen Religion als dogmatisches Postulat zuzugestehen. Denn wo Liebe ist, ist unbedingt auch religiöse Mystik und Inbrunst. Er leugnet jene, ergo auch diese. „Man soll niemals vergessen, wenn man die jüdische Religion — nicht zu verwechseln mit der israelitischen 'Religion, zu der die jüdische in gewissem Sinne im Gegensatz steht! — recht verstehen will: wer sie geschaffen hat. Daß es ein Sofer war, ein starrgeistiger Schriftgelehrter, dem eine Schar von Schriftgelehrten dann gefolgt ist, um sein Werk zu vollenden. Kein' Prophet, kein Seher, kein Trunkener, kein mächtiger König: ein Sofer! Und wie sie geschaffen ist: nicht aus dem unwiderstehbaren Drange, aus der tiefen Herzensinbrunst zerknirschter Seelen, nicht aus dem Taumel wonnetrunkener, 'anbetender Geister heraus. Nein: aus vorbedachtem Plan heraus: eine ausgeklügelte Abwicklung gleichsam einer diplomatischen . Aufgabe . . . Die Spuren dieser einzigartigen Entstehungsweise trägt natürlich die jüdische Religion deutlich an sich: sie erscheint uns in allen ihren Gründen ganz und gar als ein Verstandeswerk . . . Die jüdische Religion kennt kein Mysterium! . . . Kennt nicht den Zustand des Rausches, in dem sich der Gläubige mit der Gottheit vereinigt: also den Zustand, den alle anderen Religionen als den höchsten und heiligsten preisen. Man denke an die Libation der Soma bei den Hindus, an den rauschfrohen Indra selbst, an die. Homaopfer bei den Persern . . .; man erinnere sich der Dionysien, der Orakel in Griechenland, ja auch nur der sibyllinischen Schriften, aus denen sich selbst die nüchternen Römer Rats erholten . . . So hatte auch der kranke Mohammed empfunden, als er in ekstatischen Anfällen zur Erde schlug, und von der mystischen Gemütsstimmung ist doch manches in den Islam eingedrungen. Der hat doch wenigstens seine heulenden Derwische. Und auch das Christentum, soweit es nicht judaisiert ist, hat . .; Raum für irrationale Gefühle und Empfindungen. Wahrend da? Judentum mit Stolz und Verachtung alle diese schwärmerischmystischen Züge verdammt." (S. 242 ff.) Es sei mir gestattet, auch in diesem Punkt Herrn Sombart eines Besseren zu belehren, vorausgesetzt, daß er belehrt sein will. Herr Sombart stellt zwar anfangs nach dem bekannten Rezept der christlichen Theologie israelitische und jüdische Religion in einen gewissen Gegensatz. Da er aber weiter nicht betont, daß die Religion Israels die Mystik ja gekannt hätte, vermute ich, daß er diesen Mangel nicht nur der jüdischen, sondern auch der israelitischen Religion auf das Schuldkonto setzt. Beginnen wir also mit der Vätersage. Ist die Opferung Isaaks nicht Mystik, und' der Satz Abrahams: „Der Herr wird sich schon das Lamm zum Opfer ersehen, mein Kind" (GeN. 22, 8), atmet der nicht tiefe Inbrunst und Herzensfrömmigkeit? Ist die Mosessage nicht voll Mystik? Die Erscheinung am Dornbusch, der Aufstieg Moses zu Gott, um die zehn Gebote in Empfang zu nehmen, die Offenbarung unter Donner urid Blitz, Moses Fasten durch