Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
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Gemeindebund anzugehören, ihm in. feinen Arbeiten förderlich zu sein, , aber niemals habe man versucht, Einfluß zu gewinnen oder Vorrechte in Anspruch zu nehmen. Daran wolle man auch in Zukunft sesthalten, verlangen aber müsse man für die Gemeinde Berlin eine Vertretung, die ihr nach ihrer Mitgliederzahl und Bedeutung zukommt. Wenn von rund 1100 Stimmen nur 5 auf Berlin entfallen, so sei das ungerecht, und er glaube, daß auch hier im Saale dies kein jüdisch denkender Mensch billig und gerecht finden werde. Der Vorstand der Berliner Gemeinde versteife sich durchaus nicht gerade auf die Anträge des Ausschusses, aber der Zahl der Mitglieder der Berliner Gemeinde und der Bedeutung der größten Gemeinde Deutschlands müsse Rechnung getragen werden. . Er erkläre namens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde zu Berlin, daß er, falls es zu einer radikalen Ablehnung der Wünsche der Berliner Gemeinde hier auf dem Gemeindetage kommen sollte, das weitere Verbleiben im Deutsch-Israelitischen Eemeindebund in ernste Erwägung ziehen werde. Er hoffe und wünsche, daß hier auf dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund Beschlüsse gefaßt werden, die es zu dieser Eventualität nicht bringen werden. Aehnliche Erklärungen gaben die folgenden Vertreter der Großgemeinden ab: für Frankfurt a.. M. Herr Justizrat Beer, für Breslau Herr Geheimrat Goldstein, für Köln Herr Sanitätsrat Dr. Apfel, für Nürnberg Kommerzienrat Gallinger. für Hannover Herr Senator Fischer, für Hamburg Herr Levh, für Magdeburg Herr Weill, für Dresden und Chemnitz Herr Kommerzienrat Elb. Dann folgte eine endlose Debatte, an der sich als Hauptredner der Opposition die Herren Justizrat Friedmann-Glogau im Verein mit dem Rechtsanwalt Dr. Klee und Herrn Loeb-Frankfurt a. M. beteiligten. während von der Gegenseite die Herren Professor Philippson, Rechtsanwalt Dr. Cohn-Dessau, Justizrat Oldendorf-Breslau und besonders wirkungsvoll und zum Frieden sprechend Herr Rabbiner Dr. Guttmann-Breslau. Die Erregung erreichte zum Schluß der Sitzung zeitweise einen solchen Grad, daß der Vorsitzende mit der Schließung der Versammlung .drohen mußte, um die Verhandlungen sortführcn zu können, Es lag eine ganze Reihe von Anträgen vor, von denen der weitgehendste Antrag, der die Wahl einer Komniission zur nochmaligen Prüfung der Sache und für Verbesserungsvorfchläge bis zum nächsten Eemeindetage verlangte, zuerst zur Abstimmung und Annahme gebracht wurde. Radikale Ablehnung hatte Herr Loeb-Frankfurt a. M. beantragt. Von den weiteren Anträgen sei derjenige von Ratibor erwähnt, den sich auch Herr Landtagsabgcordneter Dr. Cohn zu eigen machte und der dahinging, daß Gemeinden bis 300 Seelen eine Stimme, Gemeinden von 300 bis 2000 Seelen 3 Stimmen und Gemeinden von 2000 bis 5000 Seelen 5 Stimmen,: von 5000 bis 20 000 Seelen 10 Stimmen, von 20 000 bis 100 000 Seelen 30 Stimmen und Berlin 50 Stimmen erhalten sollen. Schließlich wurde mit 470 gegen 325 Stimmen Vertagung der Sache beschlossen und ein Ausschuß, in den mehrere unserer modernen Judentumsretter hineingewählt, wurden, beauftragt, eine Verständigung zu suchen und einen neuen Entwurf vorzulegen. Der Kapitalismus der Juden und die jüdilche Keligion. Von Dr. I. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. ' 'II.' or allem sei jener Satz von der Furcht und Angst des Inden vor seinem Gotte auf seine Wahrheit geprüft. Er beeinflußt zwar die Frage nach dem Kapitalismus in der jüdischen »Religion nicht direkt, aber indirekt ist er für die weiteren Behauptungen Sombarts von großer Bedeutung. Denn nur eine Religion, die keine Liebe zu Gott kennt, entbehrt auch der religiösen Inbrunst und der göttlichen Gnade. Allerdings bin ich nicht der erste, der diesen Satz von der Furcht vor Gott im Judentum zu widerlegen sich bemüht. Da aber Sombart sicherlich nicht dev letzte ist, der ihn stellt und für i unwiderlegbar hält, sei mir gestattet, die Unhaltbarkeit dieser, so allgemein verbreiteten These nachzuweisen. „Man hat gesagt," so lesen wir bei Sombart S. .228, „die Juden seien das >,unfrömmste" aller Völker. Ich will hier nicht entscheiden, mit welchem Rechte man das von ihnen behauptet. Sicherlich aber sind sie gleichzeitig das ,,'gottesfürchtigste" Volk, das jemals auf Erden gewandelt ist. /.In zitternder Angst haben sie immer gelebt,; in zitternder Angst vor Gottes Zorn. „Ich fürchte mich vor Dir, daß mir die Haut schaudert und entsetze mich vor Deinen Gerichten." Diese Worte des Psalmisten (119, 120) haben zu allen Zeiten für das jüdische Volk ihre Gültigkeit bewahrt. . „Heil^ dem Menschen, dem allezeit bange ist" (vor Gott), Prov. 28, 14, „die Frommen", sagt Tauchuma Chukkat 24, „legen die Furcht nicht ab." Welch ein Gott aber auch, was für ein schreckhaftes, grauenerregendes Wesen, das so fluchen kann, wie Jahwe! Es ist wohl niemals wieder in der Weltliteratur, weder vorher noch nachher, so viel Uebles Menschen angedroht worden, wie in dem berühmten 28. Kapitel des Deutoronomiums Jahwe dem an den Hals wünscht, der seine Gebote nicht befolgt." Ja, aber ist Herrn Sombart und vielen' anderen das Kardinalgeböi der jüdischen Religion unbekannt: „'Liebe den Herrn deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deiner ganzen Kraft" (Deut. 6, 5)? '-Weiß er nicht, daß es jedes Juden Pflicht ist, dies Gebot täglich dreimal seinem Gedächtnis einzuprägen? Heißt es nicht im Dekalog, Exod. 20, 6: „Der Gnade übt bis ins tausendste Geschlecht an denen, die mich lieben und meine Geböte beob- * achten"? Im Deutoronomiüm 7; 9 lesen wir: „Und WiM daß "der Herr dein Gott der wahre Gott ist, der Gott, der sich/bewährt, den Bund hält und die Gnade bis ms/ tausendste .Geschlecht denen, die ihn lieben uüd sein^ / Gebote beobachten." Und ebendaselbst 10, 12: „Und -nun Israel, nichts anderes verlangt dein Gott von dir, als daß du fürchtest den Herrn, deinen Gott, in seinen Wegen wandelst und ihn liebest; und daß du ihm dienst mit deinem ganzen Herzen ünd deiner ganzen Seeltz." Dann weiter 11, 1: „Liebe den Herrn, deinen Gott'und halte seine Anordnung"; 11, 22: „Nur wenn ihr haltet alle diese Geböte, die ich euch gebe, sie auszuüben, zu lieben den Herrn eueren Gott, in allen seinen Wegen zu wandeln und ihm anzuhängen, nur dann vertreibt er alle diese Völkervor euch"; 30, 15 f.: „Siehe, ich lege vor dich heute hin das Leben und das Heil einerseits, anderseits den Tod und das Unheil. Indem ich dir heute gebiete, zu lieben den Herrn deinen Gott." ' . Wer kennt nicht Hoseas Wort: „Liebe zu mir verlange ich, nicht Opfer" (6, 6)'? Und wenn Sombart schön Jeremia zitiert, hätte er wohl an den schönen Satz auch denken körnten: „Ich gedenke der Liebe deiner Jugendtage, der Liebe deiner Brautzeit, da du mir nachgingst in die Wüste, in ein unbebautes Land" (2, 2). — Ich verweise fernes alle,'die es lesen wollen, auf die Psalmverse 5, 12; 26, 8; 31, 24; 116, 1; 119, 47 f., 97, 113, 159, 163; 145, 20 und verschiedene andere. Und wenn Sombart sich weniger auf Weber, sondern aus sein eigenes gutes Urteil hätte verlaßen wollen, wäre es ihm ein leichtes gewesen, bei nur einigem guten Willen sich belehren zu lassen, daß auch die scheußlichen „Soferim", die Schriftgelehrten nicht nur hie und da, sondern immer wieder von der Liebe zu Gott sprechen. Zu Deut. 6, 7 lesen wir .in Sifre 8 32: „Liebe den Herrn Deinen Gott." Uebe die Gebote, aus Liebe zu Gott. . Die heilige Schrift.unterscheidet zwischen dem, der aus