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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-16 · Heft 24 (16.6.1911) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
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liberal-radikal-sozialistischen Blockmehrheit im römischen Gemeinderat und ein ausgesprochener Freidenker und Antiklerikaler ist,„der MaNn, der sich persönlich die Aufgabe gestellt hat, zu zeigen, wie man hier in Rom völlig ungestraft die geistliche Autorität des Oberhauptes der Kirche beleidigen kann", wie in Erinnerung an Nathans vielbesprochene Rede vom vorjährigen 20. September heute der klerikale „Corriered'Jtalia" mit saurer Miene feststellen zu sollen glaubt. Die waschechten Intransigenten des Vatikans müssen üb.rigens in diesem Festjahr so vieles hinunterwürgen, daß diese kleine bittere.Pille dabei kaum noch in Betracht kommen sollte. Eine Ironie des Schicksals bleibt es immerhin, daß der Orden der Heiligen Mauritius und Lazarus, der ehedem als ein Schmuck für gutgläubige römische Katholiken gestiftet worden, nach einem halben Jahrtausend auf der Brust eines Freidenkers von jüdischer Abstammung glänzt. - » , Während die meisten Blätter, nicht nur die zionistischen, von der gesunden inneren Entwicklung der Kolonien in Palästina zu berichten wissen, scheinen die äußeren Sicherheitsverhältnisse dieser Kolonien manches zu wünschen übrig zu lassen. Der „Vossischen Zeitung" entnehmen wir darüber folgende Notiz: Vor einigen Monaten wurde der Deutsche Fritz Ünger, eines der angesehensten Mitglieder der deutschen Gemeinde in Haifa, vor den Augen des deutschen Konsuls in Haifa und einiger höherer türkischer Beamter niedergestreckt. Kurz darauf wurde wieder ein deutscher Oberlehrer, der ruhig in Haifa spazierte, von einem Araber überfallen und durch einen Messerstich so gefährlich verletzt, daß er Palästina verlassen mußte, um in Deutschland Heilung zu suchen. Seit dieser Zeit mehren sich im Bezirk Nazareth-Haifa die Ueberfälle, denen schon mehrere Menschenleben zum Opfer sielen. Die Lokalbehörden geben sich mitunter Mühe, die traurigen Vorfälle zu verhindern, aber was nutzt es, wenn die Verhetzung andauert, und die friedlichen. Bauern irregesührt werden, die noch nicht erfaßt 'haben, was der neue konstitutionelle Zustand bedeutet? Vor einigen Wochen wurde in der Nähe einer jüdischen Kolonie ein Wächter erschossen und bald darauf ein alter Kolonist schwer verwundet. Am 25. Mai überfielen wiederum zehn Fellachen aus dem Dorfe Solem bei Nazareth einen Wächter der Kolonie Phule und schossen Mehreremal auf ihn. Der Ueberfallene verteidigte sich in der Notwehr und traf mit einem Revolverschuß einen seiner Angreifer. Die Polizei von Nazareth und Haifa schritt sofort ein, um den in solchen Fällen gewöhnlich ausbrechenden Streit zwischen den Nachbardörfern zu verhindern. Durchgreifende Abhilfe wird jedoch nur dann geschaffen werden können, wenn der gefährlichen Verhetzung der einheimischen Bevölkerung gegen die Europäer ein Ende gemacht wird. xil Außerordentlicher Urselitilcher Gememdetss. enn die deutsch-israelitischen Gemeindetage ein Spiegelbild des allgemeinen öffentlichen jüdischen Interesses sein sollten, so muß man sagen, daß dieses Interesse ein stetig wachsendes und lebhaftes ist. Auch der am Sonntag den 11. d. M. in den Prachträumen des Brüdervereins tagende XII. Gemeindetag wies eine Uebersülle von Besuchern auf. und es mochten mit allen Anwesenden nicht viel weniger. als 400 bis 500 Personen den Beratungen deigewohnt haben. Besonders stark vertreten waren auch die kleinen Gemeinden, die es diesmal an Intensität des Besuchs ebensowenig fehlen ließen wie die Großgemeinden und insbesondere, auch die Gemeinde Berlin. So nahmen vom Vorstand der Gemeinde der Reichs- Hauptstadtdie Herren Badt, Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld, Justizrat Lilienthal, eine große Anzahl Repräsentanten, darunter der Vorsitzende Louis Sachs, der stellvertretende Vorsitzende Herr Dr. Minden und andere teil. Gleich bei der Konstituierung zeigte es sich, daß die Parteienbildung innerhalb des Gemeindebundes in der Zunahme begriffen ist. In die Leitung der Versammlung wurden auf Anregung der Hhperorthodoxen -auch zwei Vertreter ihrer Farbe berufen. Den Vorsitz führte Sanitätsrat Stern, den stellvertretenden Vorsitz BankierLövy- Rawitsch, ferner gehörten dem Bureau au die Herren Geheimrat Goldstein-Breslau, Dr. Cohn-Raw itsch, Kommerzienrat Gallinger-Nürnberg, Sanitätsrat Dr. Apffel-Köln, Landgerichtsrat Löwe-Berlin, Dr. Mendel-Berlin, Rechtsanwalt Lamm-Berlin und Notar Dr. Viktor. Einen kurzen Jahresbericht erstattete sodann Herr Professor Philippson, worauf in der sich anschließenden Debatte gewissermaßen als Präludium nahender Stürme Herr Loeb-Frankfurt a. M. die Anfrage an den Ausschuß richtete, ob. es wahr sei, daß am letzten Sabbat .im Bureau des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes intensiv gearbeitet worden sei. Professor Philippson gab die Erklärung ab. daß das Bureau sich in der letzten Woche in einer Notlage befand. Es war in der letzten Woche die Arbeitslast eine derartig große, es mußten unter anderem 120 Mandate erledigt werden, sodaß dieses eine einzige Mal allerdings als eine Ausnahme zugegeben werden müsse. Aber hätte man dies nicht getan, um die zu bewältigende Arbeit zu leisten, dann hätte der Gemeindetag nicht stattfinden können Herr Loeb stellt darauf den Antrag, zu beschließen: Der Delegiertentag beschließt, die Bureaus des D. I. G. V. sind künftighin, auch in Notfällen am Sabbat und jüdischen Festtagen, und zwar am Vorabend derselben eine Stunde vor Eintritt der Nacht zu schließen. Ferner soll in den Anstellungsverträgen mit den Angestellten des D. I. G. B. eine Klausel ausgenommen werden, daß sie sofort entlassen werden, falls sie am Sabbat irgendeine Arbeit leisten. Herr Professor Philippson erklärt sich mit dieser Resolution einverstanden, aber es sei zweifelhaft, ob eine Beschlußfassung darüber möglich sei, da der Antrag nicht auf der Tagesordnungstehe. Es würde hierzu außerdem eine Dreiviertel-Majorität erforderlich sein. Auch der Leiter der Versammlung Dr. Stern erklärt eine Beschlußfassung nach § 17 für ausgeschlossen. Herr Justizrat Mako wer wendet sich gegen den Antrag Loeb und spricht seine persönliche Meinung dahin aus, daß ein solcher Antrag unter den heutigen Verhältnissen unangebracht sei. Dr. Cohn-Dessau erklärt, der D. I. G. B. müsse auf dem Standpunkt des Herrn Loeb stehen, ha s sei ein Gebot der Toleranz und der Staatsnotwendigkeit, er fasse den Antrag als eine Richtschnur für die Zukunft, nicht für ein Tadelns- Votum für die Vergangenheit auf. Herr Professor Philippson ersucht den Absatz 2 abzulehnen. Die Aufnahme einer Klausel in den Anstellungsverträgen sei überflüssig, der Vorsitzende des Ausschusses werde die Verantwortung, für die Jnnehaltung derlSabbatruhe in den Bureaus des D. I. G. B. übernehmen. Nach dieser Erklärung zieht Her Loeb den Absatz 2 (betreffend die Klausel in den Anstellungsverträgen) zurück, worauf die Resolution Loeb mit allen gegen etwa 10 Stimmen angenommen wird. Bevor man in Punkt 3 der Tagesordnung eiutritt, folgte noch eine längere Debatte über die Gültigkeit der verspätet angemeldeten Mandate. Es sind etwa 90 Mandate wegen Verspätung und anderer Ursache für ungültig erklärt worden. Zur erneuten Prüfung der Sache wird auf Antrag von Dr. Cohn-Dessau eine Kommission und in diese die Herren Emil Co hn, Justizrat Olden» d o rf, Sanitätsrat S t e i n t h a l, M ö lle r-Wandsbek, B lu m e nt h a l- Kassel, Tr.Neumann und Dr.Lamm gewählt. Nach kurzer Eeschäftsordnungsdebatte erhielt dann Reichstagsabgeordneter Dr. Potthof das Wort zu seinem Vortrage: „Ueber den Entwurf eines Reichsversicherungsgesetzes für Angestellte." Nach sehr interessanten, über den Charakter der staatlichen Sozialfürsorge und einer Darstellung der wesentlichsten insbesondere für die jüdischen Gemeindebeamten in Betracht kommenden Bestimmungen des Privatbeamten-Versicherungsentwurfes gelangt der Vortragende etwa zu den folgenden Thesen: 1. Eine gesetzliche Einrichtung, welche allen Arbeitnehmern aus ersparten Erträgnissen ihrer Arbeitstätigkeit eine bescheidene Rente für den Fall der Invalidität, des Alters und für die Hinterbliebenen sichert, ist eine soziale Notwendigkeit. 2. Da die, neuen Bestimmungen der Reichsversicherungsordnung ^Buch 4)den Bedürfnissen der Privatangestellten noch wenigergenügen als denen der Arbeiter, ihre wesentliche Verbesserung aber auf längere Zeit ausgeschlossen erscheint, so ist die Absicht des Bundesrates und Reichstages, die Reichsversicherungsordnung durch eine ^besondere Versicherung für die Angestellten zu ergänzen, gegenwärtig richtig.

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