Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 24 Berlin, 16. Juni 1911 Gin unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse vegründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Iluckolt Messe, verlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Akönnements«Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse- Verlag der »Allgrin. Zcirung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straß» HS/49, zu richren. Verlag von Rudols Mosse, Berlin. Die Entwicklung ' des Judentums und die Reform. Von Dr. M. Levin. —.Die Woche. — XII. Außerordentlicher Geineindetag. — Der Kapitalismus der Juden und diß jüdische Religion. Von Dr. I. Ziegler. — Geheimer Regierungsrat Professor I. Rosanes. — Der § 166 des Strafgesetzbuches. Bon Justizrat. Salfüger-Oppeln. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter Uiv äri. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Breslau, Posen, Schwelm i. Wests., Steinhorst, Wien. — Von Nah und Fern. Die Lntwickluns des Judentums und die lkekorm. Von Dr. M. Lev in. ^V^elcher Ausblick eröffnete sich dem jüdischen Volke, als;V die Zeit zu Ende ging, in der die Propheten neben den Priestern eine Wirksamkeit entfaltet hatten? Man sah in dem Staude der Lehrer die geistigen Führer und religiösen Fortbildner. Nannte man die Thora Moses die schriftliche Thora, so ihre Fortsetzung von seiten der Lehrer die mündliche Thora,') da sie vorerst noch nicht niedergeschrieben wurde. Vor dem Propheten, der nur in einer bestimmten Zeit als Redner austrüt, um aüfzuhellen und geistig emporzuheben, zurechtzuweisen und zu stärken — vor dem Propheten gab man dem Gesetzestehrer den Vorzug?) weil er in allen Zeiten der Tagesförderung gemäß Maßnahmen, zu treffen hatte, weil er, wie man sagte, aus. dem Getreide, Pas die Schrift bot, das Mehl gewann, oder aus - dex Wolle das Kleid?) Die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Verständigung stützte man auf den Bericht: „Schon Mose begann die Erklärung und Erläuterung der Thora?) Welche Bedeutung man den mündlich sortgepstanzten Entscheidungen beimaß, erfahren wir aus dem Ausspruch: „Gott schloß mit Israel einen Bund im Hinblick auf die mündliche Lehre"?) Das will sagen: Der Gottesbund erhielt für seine Verjüngung, für seine fortdauernd sich erneuende Lebenskraft nur dadurch eine Bürgschaft, daß die gesetzgeberische Tätigkeit als flüssiges Element zeitgemäße Bestimmungen ermöglichte. Nur den Gesetzeslehrern ward, Mie früher den Priestern,. eine dahingehende Zuständigkeit eingeräumt. Uebrigens gestand man auch ihnen den prophetischen Geist zu, und mit 8er Betonung, daß er von ihnen niemals schwinden werde?) Wann wurde die Epoche der Gesetzeslehrer eingeleilet?J Vergegenwärtigen wir uns die Zeitlage, Das Volk, das aus « I) Sabbat 32a. 2) Baba balhra 12a. 3) Tana d. Eiiah. sutta 2. ■«) 5 V. Mose 1, 5. *) Gittin 60b.. «) Baba bathra 12 a.. . - dem babylonischen Exil im Jahre 536 zurückgekehrt war, bedurfte keiner Strafreden mehr; es war in Babylon empfänglich geworden für das Wort Gottes; es bedurfte keines , Propheten mehr, es bedurfte nur noch des Lehrers. Doch was geschah? Der Opfertempel wurde zum zweitenmal ausgerichtet, und gerade Propheten, die um diese Zeit als die letzten auftraten, sie selbst hatten dazu angefeuert. Vorher hatte gar der Priesterprophet Ezechiel ein neues Tempelritual; entworfen. Ein halbes Jahrhundert verging. Das Volk schmachtete, nach frischem Lebenswasser, aber sein Verlangen ward nicht gestillt. Da erschien zur rechten Zeit der rechte Mann,, um das zu begründen, was wir seitdem als Judentum zu bezeichnenpflegen. Der Mann kam aus Babylon und hieß Esra, ein Mann, der berufen war, „das Herz der Väter den^indern -zuzuwenden und das Herz der Kinder den Vätern". Nach seinen Großtaten wagte man später, ihn mit Mose zu vergleichen: „Esra wäre gleich Mose würdig gewesen, dem Volke die Thora zu erteilen."l) Es war eine jener großen Stunden in unserer -Geschichte, als Esra auf dem Platz vor dem Wasfertor am ersten des siebenten Monats das ganze Volk, Männer, Frauen und die reifere Jugend um sich versammelte. Von einem hohen Gerüst las er vom Morgen bis zum Mittag aus dem Gesetzbuch vor, und gesetzeskundige Leviten standen ihm zur Seite, um i dem Volk die verlesenen Schriftstellen nach dem getreuen Sinne zu erläutern?) Also auch nach der Zeit der Propheten noch immer Priester, die das Lehramt handhabten! Und nun erfolgte etwas Wundersames. Im dritten Buch Moses, das man den Priesterkodex nennt und Esra zuschreibt, in diesem Priesterkodex, wird das Opfer nur als ein Zugeständnis an das geistig unmündige Volk erklärt, damit es seine Opfer dem Ewigen und nicht den Dämonen darbringe?) In diesem Priesterkodex wird mitten hinein "in die »Opfervorschriften, als sollte ihre untergeordnete Bedeutung um so sichtbarer werden, mitten hinein wird das Heiligkeilsgesetz gestellt . mit dem Gebot der Nächstenliebe. . In diesem Priesterkodex werden die beiden hohen Feste, die noch heute ganz Israel als die heiligsten begeht, zum erstenmal verzeichnet, während das Deuteronomium sich auf die drei Wallfahrtsfeste beschränkt. , Das ist noch nicht alles! Ein Ereignis von einzigartigem i Glanze überrascht uns auf dem. bisherigen Geschichtswege: die von Propheten vorausgesehene Gemeinde erhebt sich aus dem Volke. Mochte sie sich schon im Exil gebildet haben — die Schöpfung der Gemeinde auf palästinischem Boden im / / ') Sanhedrin 21 b. 2) Nehemia 8, 1 bis 8. 3) III. Möst 17? T ff.