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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-09 · Heft 23 (9.6.1911) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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nicht erst belehrt zu werden. Schon darum ist das neue Buch höchst überflüssig. Es ist aber auch recht langweilig, oberflächlich, untz innerlich tief unwahr. Es sind Briefe eines eben erst Witwer gewordenen an einen Jugendfreund, Briese, die über die Kindheitserinnerungen des Schreibers handeln, über die Erlebnisse mit seiner über alles geliebten Frau, über die neuerlichen Regungen seines Triebes, die mit der Aussicht enden, daß er mit einer liebenswürdigen Frau, die von einem rohen Mann geschieden ist, und mit der er etwa ein Vierteljahr nach dem Tode seiner Frau freundschaftlich zusammenlebt, nach Ablauf des Trauerjahres eine neue Ehe eingehen wird: Außer dieser Erzählung enthält das Buch oberflächliche Bemerkungen über Prostitution, über die Pflicht des Staates, die Ehen zu begünstigen und die weiblichen Beamtinnen in ihrer Stellung zu belassen, wenn sie heiraten. Das ist das Ganze. Von Sensation ist keine Rede. Sich über ein solches Buch sonderlich aufzuregen, ist freilich nicht nötig. Daß ein Mann nach zwanzigjähriger glücklicher Ehe das Bedürfnis nach Frauenliebe schmerzlich empfindet, wird jeder Gesunde zugeben; so plump wie hier brauchte dieser Trieb aber nicht geschildert zu werden. Daß der gute Herr dabei stark säuft -- denn Trinken kann man dies Verschlingen von Flüssigkeiten kaum mehr nennen —, daß er in einer Münchener Pension auch von einer stattlichen Jüdin recht unverfroren begehrt wird, sich diesen Netzen entzieht, um seinen Heroismus alsbald zu bereuen, soll wenigstens erwähnt werden, damit keine Einzelheit dieser unerfreulichen Erscheinung vergessen sei. L. G. * — Rabbiner Emil Cohn: Die religiöse Judenfrage. Sonderabdruck aus den Preußischen Jahrbüchern, Band 143, 3. Heft. Berlin. Georg Stilke, 1911. Ein sehr schön geschriebener Aufsatz, in dem ich aber fast jedes Wort und jede Schlußfolgerung für falsch halte. Zu diesen Stellen, die ich gänzlich verwerfe, gehört des Verfassers Beurteilung Mendelssohns, seine Kritik des Liberalismus, seine Auffassung von Kunst und seine Darstellung der Religionsphilosophie. Man könnte mit ihm übereinstimmen in ^em Gedanken, daß Religion "ein persönliches Erlebnis werden soll, aber ganz unrichtig ist die Anschauung, die'bei dem Verfasser freilich nicht Wunder nimmt, daß dieses Erlebnis —, der Zionismus ist. Denn also sagt der Verfasser: »Der Gedanke hat heute seine Form im sogenannten Zionismus gefunden, einer Bewegung, die'ihrem Programm nach politisch: ist und jede Anteilnahme am religiösen Leben Israels abgelehnt hat. Das ändert aber nichts daran, daß diese Bewegung religiös ist im tiefsten Sinn des Wortes. Ich habe das moderne liberale Judentum trotz seiner ethischen Ideale eine Tachlisreligion genannt und habe gesagt warum. Jetzt nenne ich den Zionismus trotz seiner Ablehnung religiöser Arbeit ein ewig religiöses Ideal/ Diese Widerspruchsvollen Sätze zeigen die völlige Unklarheit, in der der Verfasser sich 1 befindet: eine Bewegung, die von vornherein ablehnt, eine religiöse» zu sein, und die nur eine Volkserneuerüng sein will, welche wir V grundsätzlich verabscheuen, soll doch eine religiöse sein! Ich halte * es für unmöglich, daß der Verfasser trotz seiner glänzenden Darstellungsweise einen Urteilsfähigen überzeugt, und bedaure nur, daß seine Auseinandersetzung in einem vornehmen allgemeinen Organ erschienen ist und somit vielen christlichen Lesern eine falsche Vorstellung von dem gibt, was in den bestimmenden jüdischen Kreisen geglaubt und gehofft wird. L. G. * -- Abraham Geiger's religiöser Charakter. 1. Teil. Don Dr. Kaatz, Rabbiner in Zabrze. Frankfurt a. M., Verlag des Israelit, 1911. Eine Schmähschrift niedrigster Art. Ausdrücke wie „blind, herzlos, antijüdifch, Heuchler, Lügner" sind nur einige aus dem Bukett anmutiger Redensarten, die dem Behandelten dargereicht werden. Es ist schon Wunder genug, daß der Verfasser das Märchen von einer gezwungenen Niederlegung des Wiesbadener Amtes nicht glaubt, aber S. 40 nimmt er gläubig die ^tollsten Berichte über Geigers orthodoxes Benehmen in der ersten Breslauer Zeit an, ohne den Schatten eines Beweises dafür zu bringen. Natürlich steht er ganz auf feiten Der Partei Tiktins und erzählt,- daß gegen dessen Suspension der größte Teil der Gemeinde Protest erhoben habe. Der Verfasser wäre selbst höchst verlegen, wenn man von ihm einen Beweis dafür verlangte. Zur Charakteristik des Standpunktes des Verfassers ist bezeichnend, daß er den Rückzug Geigers in der Angelegenheit der Reform Partei zu Breslau, daß er die Nichtannahme des Predigeramtes in der Berliner Reformgemeinde darauf zurückführt, daß der Genannte „ein größeres Amt nicht aufgeben wollte, um ein mindergroßes anzunehmen". Ich würde auf die Schrift nicht Hinweisen, wenn sie sich bloß als ein Pamphlet gäbe, aber sie will historisch sein, sie entnimmt aus den Tagebuchniederschriften und aus den vertrauten Briefen Waffen gegen den Mann, der der Orthodoxie stets ein Dorn im Auge war. Der gute Herr Kaatz in Zabrze scheint nicht zu ahnen, daß bei denkenden Menschen eine Entwicklung stattfindet, und daß für jeden Theologen, wenn er sich nicht von Anfang an gefangen gibt, eine Sturm- und Drangperiode existiert. Er wendet eine höchst unwürdige Kampfesweise an dadurch, daß er solche vertrauliche Aeußerungen, die im Moment des Unmutes niedergeschrieben und die ziemlich bald.nachdem sie geäußert worden, aufgegeben wurden, als echtesten, ja als einzigen Ausdruck der Ueberzeugung seines Gegners annimmt. Er entwirft dadurch ein Zerrbild, das den Lesern des „Israelit" höchst wahrscheinlich gefallen wird, andern verständigen Menschen dagegen nur als ein Zappeln ohnmächtiger Wut gelten kann. L. G. --- Unsere Zeitgenossen. Wer ist's? Biographien nebst Bibliographien. Angaben über Herkunft, Familie, Lebenslauf. Werke, Lieblingsbeschäftigung, Parteiangehörigkeit, Mitgliedschaft bei Gesellschaften, Adresse. Andere Mitteilungen von allgemeinem Interesse. .Begründet, redigiert und herausgegeben von Hermann A. L. Degener. 5. Ausgabe. Vollkommen neu bearbeitet und wesentlich erweitert. Leipzig. H. A. L. Degener, 1911. Preis 12.50 Mark. Dieses Werk, über dessen reichen Inhalt der ausführliche Titel genugsam. Auskunft gibt, ist keineswegs bloß eine Spekulation auf die menschliche Eitelkeit, obgleich diese eine große Rolle bei solchen Sammlungen spielt. Denn nur dieser ist es zuzuschreiben, daß gar manche naive Leute wirklich sämtliche Vereine nennen, deren Mitglieder sie sind, gewissenhaft ihre Kinder aufzählen; Ordensdekorationen treulich buchen u. dgl. mehr. Aber abgesehen von diesen menschlichen Schwächen die ja freilich-keinen Schaden stiften, muß man sagen, daß das Buch gerade für den journalistischen Betrieb äußerst nützlich ist; ich selbst habe in diesen Blättern und auch sonst bei 60. oder 70. Geburtstagen, auch bei Todesfällen von diesem nützlichen Führer häufig Gebrauch gemacht. Ter Führer ist nützlich, weil die Angaben nicht etwa aus beliebigen Büchern zusammengerafft sind, sondern meist, von den betreffenden Männern und Frauen durchgesehen, ergänzt, ja geradezu von ihnen geschrieben sind. Natürlich wiegen in diesem umfangreichen Verzeichnis die Schriftsteller vor. Aber Großkaufleute, Militärs, Staatsmänner, Künstler, Gutsbesitzer, Politiker, hohe Adlige und viele andere Kreise sind vertreten. Tem Haupteil, dem biographischen und bibliographischen, gehen Verzeichnisse der Pseudonyme, Zusammenstellung der Pflegestätten des Geistes: Universitäten, Bibliotheken, Archive, sowie eine. Liste der regierenden und nichtregierenden europäischen und nicht europäischen Fürstenhäuser , voran. Aber das Wichtigste bleibt natürlich der Hauptteil, der biographische Notizen auf fast 1500 zweispaltigen enggedruckten Seiten, enthält. Sie bilden ein höchst brauchbares Nachschlagehuch, das nicht bloß für jede.Redaktion unentbehrlich ist, sondern das sicherlich dazu dient, auch Privaten die ersprießlichsten. Dienste zu leisten. Schon die Tatsache, daß seit dem Jahre 1905, da das Werk zum.erstenmal erschien, die 5. Ausgabe notwendig geworden ist, beweist unumstößlich die große Brauchbarkeit des Werkes, dessen Preis bei dem großen Umfange äußerst mäßig genannt werden muß. Da die Kosten eines derartigen Unternehmens für den Verleger überaus beträchtliche sind, so.bedarf es der Teilnahme eines großen Käuferkreises, um das Buch auf der Höhe zu halten und es zu einem, wirklich mustergültigen zu gestalten. . . l o. Drück und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. " verantwortlich für die Redaktion: Max Dauchwitz in.Bttlin. . .

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