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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-09 · Heft 23 (9.6.1911) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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...... „Warteich verstech mich auch-" .sagte er.' gut gelaunt. - „Hörst Du, das ist großartig." . Und er kroch unter den Tisch. ... „Kuck,. Esterchen, guck!" rief er fröhlich und"wälzte und krümmte sich vor Freude auf dem weichen Teppich, denn' Esterchen suchte ihn mit großem Eifer überall, nur nicht unter dem Tische. Endlich kroch der Alte, hervor. Er war so vergnügt, als ob ihn der Gedanke an den Tod niemals erschreckt hätte. „Du," sprach er geheimnisvoll zu Esterchensie zur Tür ziehend, „ich weiß schon, was ich tun werde. Ich Hab' einen großartigen Gedanken." Er tanzte beinahe vor Freude. „Du," fuhr er mit gedämpfter Stimme fort,' „ich werde ihn. hintergehen." „Wen, Großvater?" „Den Tod." „Den Tod?" „Ja, den. Du, wie heißt jener Bocher?" „Er heißt Gedalje." Der Alte machte ein äußerst Pfiffiges Gesicht. „Also, schau' her!" sprach er zu Esterchen und schlich zu Liweitzers Zimmer hin. Dort angelängt, riß er Plötzlich die Tür auf, steckte durch die Oeffnung den Kopf hinein und schrie: „Guck, Reb Jossele, guck!" Esterchen blieb starr vor Erstaunen. Dieses selbstsüchtige, alte Kind wollte den Tod auf solche Art hintergehen, daß er dem Kranken seinen Namen aufdrängte. Jetzt darf der Tod kommen. Wenn er Reb Jossele suchen wird, so wird er ihn im Nachbarzimmer suchen. XIX. . Reb Jossele freute sich dieses Einfalls, wie das Kind sich seiner Bleisoldaten freut. Und, um seiner Sache noch sicherer zu sein, lockte er Macerl, sein jüngstes Enkelkind, in das Zimmer, stopfte ihm den Mund mit Malzbonbons voll und sagte zu ihm: „Macerl, weißt Du wohl, wer in dem zweiten Zimmer ist? Der Bocher ist drinnen, Macerl, und der Bocher ist krank. Geh' hinein zu ihm, Macerl, und frage ihn, wie er sich befindet." „Krieg' ich Zuckerl, Großvater?" frug der Schelm. „Ja, Du kriegst. Du kriegst.' Und auch eine Mute werde ich Dir kaufen und ein Zidakl; Y nur geh' hinein zu ihm und frage: Onkel Jossele, wie befinden Sie sich? Onkel Jossele, vergiß es nicht.. (Fortsetzung folgt.) > Litersnlchr Mitteitungen. I. U. Dr. M. Epstein, emsr., mährischer schlesischer Landesadvokat in Brünn: „Das älteste Liebeslied der Welt", das Hohelied Salomo ns (II. Teil der Poesien des Alten Testaments im deutschen Gewände). Verlag von J. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1911. Der alte Rabbi Akiba und Eleasar, Sohn des Asarjah, haben e alle „Schriften" der Bibel für heilig, das „H ohelied" für aller, heiligst erklärt. Die ganze Welt ist dem ersteren nicht soviel wert, wie der Tag, an dem dieser Sang Israel gegeben wurde. In der Tat:. Sulamit ist das Ideal der reinen irdischen Liebe, und weder Griechenland noch der ganze Orient haben ein ähnliches Lied der Liebe herborzubringen vermocht. — Seit Herder bemühten sich die » h Ein westenartig ausgeschnittenes Gebettuch, .welches man auf i dem Hemde trägt. > ^VLbelerklärer, das „Hohelied" auf seine ursprüngliche Kunstform ,sArrückzufüchren. Hem Dufte seiner Poesie wurde viel Zwang, an- ^getan. Franz Delitzsch hat in seinem Kommentar (1875) eine ^ethische Erklärung dieses einzigen Gedichts gegeben. E. Meyer hat ein „dramatisches Idyll" in sieben Bildern, dargestellt, die freilich der Vorsätze, Uebergänge und anderer Zutaten bedürfen, um in ihrer ganzen Klarheit uns vor Augen geführt zu werden. Wir: sehen dabei ab von der allegorischen Erklärungsweise unserer Alten und dem Spiritualismus der katholischen Kirche, welcher das „tiantioum eautioorum" in Fesseln schmiedete,.es auf die Liebe Gottes oder auf die Kirche deutete, während es den Sieg reiner und treuer Liebe im Gegensatz zu den Verlockungen des Königs und seinem Haremsleben schildert. Diese Hypothese scheint uns die richtigste und wahrscheinlichste zu fein. Der jüngste Uebersetzer des Liedes, der durch seine vortrefflichen Arbeiten auf diesem Gebiete gut bekannte Dr. M. Epstein in Brünn, hat sich an die Annahme E. Meyers nicht.gehalten. Auch hat er den Reim verwendet und damit seiner Uebersetzung ein modern-künstlerisches Gewand gegeben. Man lese übrigens darüber die Vorrede des. Uebersetzers. »Er", „Sie" und der „Chor" sind die in ihr hervortretenden Gestalten, die Personen des dramatischen Idylls. Nach Dr. Epstein bilden die Verse 1 bis 4, Kapitel I, einen Dialog zwischen „Ihr" und „Ihm", und mögen als Probe hier angeführt werden: - ■ß „Q gewähre mir einen holden Kuß, Als Deines Mundes wärmsten Gruß; r Deine Liebe schmeckt so süß und rein, ' Wie der blinkend^ Perlenwein. Der Duft, der Dib entströnü, ist so mild, < Wie der Duft, der Deinem Rufe gilt; ' Drum bringen Dir auf allen Wegen Die Jungfrauen ihre Lieb' entgegen." ' . Nach E. Meyer stellen diese Verse bis „O, zieh' mich Dir nach! O,^ laß uns eilen", einen Monolog Sulamits dar, die sich im königlichen Harem Salomos nach der Vereinigung mit ihrem Geliebten sehnt, und das Selbstgespräch gibt, der lyrischen Grundstimmung in wundervoller Weise Ausdruck. Man siebt schon aus dem Angeführten, wie verschiedenartig' die Auffassungen des „Hohenliedes" sind. Wir wollen nicht darüber streiten, welcher man sich am besten zuwenden sollte. Freuen wollen wir uns vielmehr, daß es unter uns noch Idealisten gibt, die, wie der greise Dr. Epstein, nicht beirrt von der Prosa des Alltagslebens, mit unseren heiligen Schriften sich beschäftigen .und voll Jünglingsfeuer daran gehen, die Glut des Orients, welche uns aus diesem ältesten Sange von Jugend, Liebe, Leben, Frühling entgegei.weht, in markiger Uebersetzung wiederzugeben. Man liest sie mit Andacht und Wonne zugleich. So empfehlen wir sie denn auf das beste Gelehrten und Laien. Man wird von neuer Ehrfurcht erfüllt werden für die. Dichtung der Bibel und besonders für dieses „Hohelied" der „leidenschaftlichsten Sinnlichkeit und der. reinsten Sittlichkeit". . Die Ausstattung des Büchleins macht der Offizin Markus Kra in Brünn, in der es gedruckt wurde, alle Ehre. - D. M. Grünfeld. ■ ■ 4 — Der Mann von fünfundvierzig. Bekenntnisse an einen Jugendfreund von H. O. Mosum. Leipzig. Georg Wiegand. 1. bis 6. Tausend. 2 Mark. Es war vorauszusehen, daß das viel besprochene Buch von Karin Michaelis: „Das gefährliche. Alter" ins Männliche übersetzt wurde. Nur schade, daß der Bearbeiter, der sich unter dem Pseudonym (H. O. Mosum — homo sum — ich bin ein Mann) verbirgt, so gar nicht ahnt, wie unlogisch er verfahrt. Das neue in dem Buch der Frau Karin Michaelis, das, was• die Frauenwelt so empörte,/ war ihr offenes Bekenntnis — über dessen Wert oder Unwert wir nicht entscheiden wollen —. daß die Frau über 40 Jahre auf ihre erotischen: Neigungen nicht verzichtet, sondern oft einen Johannistrieb: in sich, fühlt;, darüber, daß dem Mann solche Triebe eignen, brauchten: wir

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