Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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SMS Lrim Mmpchrn. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte-Uebersetzung von Rosa Trencsäni. - XVIII. ' v ' £ in heißes Weh durchzuckte plötzlich sein Herz, als er dies dachte. Wenn.dem so. ist, und Esterchen den Menschen nicht nach seinem Reichtum, sondern nach seinem Wissen beurteilt, was kann er dann hoffen? Wie hoch dürfte^er seine Kenntnisse einschätzen, die ausgegrabene Weisheit unter Trümmern liegender Jahrtausende? Das ist nicht , die Wissenschaft der heutigen Welt, und derjenige, welcher darin lebt, ist kein Mensch der heutigen Welt. Sie beide leben in verschiedene^ Welten und können einander nicht verstehen. Verschieden ist ihre Gefühlswelt, verschieden ihre Lebensauffassung und selbst ihre Sprache ist verschieden. Selbst sprechen kann er nicht mit ihr, da ihr das Idiom des Jargons nicht ganz geläufig ist. Ach, wie ekelhaft erschien ihm jetzt dieses Idiom. Er schloß die Augen, vergegenwärtigte sich Esterchen im rosenfarbenen Kleide, wie er sie das letztemal sah. Sie hatte eine Rose im Haar und auch auf ihren Wangen blühten zwei frische Rosen. Natürlich waren nur sie. beide im Zimmer, und natürlich war es auch, daß der arme Liweitzer noch in der Erinnerung daran vor Aufregung nach Atem ringen mußte. Hätte Esterchen jetzt in Wirklichkeit vor ihm gestanden, so hätte er auch nicht mehr zittern können und sein Herz könnte nicht heftiger schlagen, wenn er das, was er eben gedacht, in lebendigen Worten hersagen müßte. Ist es doch gar so schwer, lodernde Flammen in Wort^ umzuformen. Liweitzers blasses Gesicht wurde noch bleiches und ein quälendes Kitzeln reizte seine Kehle, als er flüsterte: . „Ech hob dech take so ser lieb!"1) Das Blut strömte ihm plötzlich zum Herzen. Brennende. Scham marterte ihn. Nun, kann man s o seine Liebe gestehen? Diese Sprache verzerrt ja das Wunderbare und macht das Erhabene lächerlich. Nein, so kann man nicht sprechen. Und der arme Liweitzer drückte seine heiße Stirn in das Kissen und gelobte, sein heiliges Geheimnis niemals zu' verraten. vorderhand hätte er gar keine Gelegenheit gehabt es zu verraten. Denn ^Esterchen bekam er nicht zu sehen. Fraw Eschkeles kam öfter in sein Zimmer, um zu erfahren, ob ec[ an nichts Mangel leide. Auch Gitl sah nach ihm, nur Esterchen zeigte sich nicht. Nur einmal, ein einziges Mal schien es ihm, als ob sie an seinem Fenster vorbeigehuscht wäre, und einmal wieder träumte ihm, sie wäre im Nachbarzimmer bei ihrem Großvater. Dieser Traum war gar kein Traum, sondern Wirklichkeit. Denn es geschah, daß Reb Jossele, als man Liweitzer hierhergebracht hatte, vor Zorn außer sich geriet, so, daß man ihn nicht beschwichtigen konnte/ Bald drohte er seinem Sohne, bald seiner Schwiegertochter,. bald den Enkelkindern mit den kleinen dürren. Fäusten. »Ich weiß, ich weiß schon, was Ihr wollet." brummte er^ „Aber ich laß' mich nicht, verstanden? Ich laß' mich nicht. f Denn ich bir/noch nicht, gar so alt . . . Es wäre gut, wenn - ich sterben möchte, was?" fletschte er seinen einzigen Zahn r gegen den Sohn. „Gut wär's, nicht wahr? Und da habet Ihr $ J) „Ich liebe Dich gar sehr." mir? diesen kranken Bocher auf den Hals gebrachtdamit der Malchemowes *) nur kommen soll. Wenn er hier sein wird, kann er auch mit mir' fertig werden. Aber ich laß' mich nicht. Verstanden? Ich werde jenen Bocher hinauswerfen: Versteht Ihr mich?" . Weder Eschkeles, noch seine Frau, noch irgendwer vermochte dieses neunzigjährige Kind zu versöhnen. Bloß Esterchen gelang dies, die ihn so länge streichelte und liebkoste, bis er sich beruhigte. „Du, wenn er aber doch hierherkommt," sagte er noch immer argwöhnisch» Er dachte an den Tod. „Ei Großvater," beruhigte ihn Esterchen, „warum sollte er denn kommen? Großvater ist noch jung." Das Gesicht de8 alten Männchens zog sich aus Wonne in tausend Fältchen. „Freilich, freilich. Dreiundsiebzig Jahre ist kein hohes Alter, was?" Siebzehn Jahre hatte er abgeleugnet. , „Gewiß nicht. Und dann wird ja Großvater ohnehin bis zu hundertzwanzig leben." Reb Jossele schielte seitwärts auf Esterchen hin. „Bis hundertzwanzig sagst Du? Wie meinst Du das, was? Von dreiundsiebzig bis hundertzwanzig, ha?" „Nun ja," beeilte.sich Esterchen mit der beruhigenden Antwort. Reb Jossele kauerte sich in die Ecke des Divans. Dieses junge Ding wünschte ihm Gutes, denn wenn sie ihm die hundertzwanzig, von dreiundfiebzig angefangen, wünscht, so wünscht sie , ihm um siebzehn Jahre mehr. Er wurde hochvergnügt und kicherte vor sich hin. Plötzlich wurde er wieder mürrisch. „Es ist nicht gut, daß dieser Kranke im Hause ist>" behauptete er eigensinnig. „Was kann man wissen?" „Aber er ist ja nicht todkrank." „Um so schlimmer, um so schlimmer," murmelte der Alte. „Der Tod braucht entweder einen Kranken oder einen Alten ... Nicht einmal todkrank ist er? Was, zum Teufel, habt Ihr mir ihn dann auf den Hals gebracht? Hu, hu! Man kann sich gar nicht verstecken. Du, was glaubst Du, könnte ich mich verstecken? Esterchen war über diesen kindischen Egoismus verzweifelt, dennoch aber lächelte sie: „Gewiß könnten Sie sich verstecken. Erinnern Sie sich nicht, Großvater, als ich klein war, haben wir immer so Versteckens gespielt." „Versteckens? Wie geht das?" ' „Nun so^ Großvater. Aber nicht herschauen/' Der Alte wandte sein Gesicht zum Fenster hin. Esterchen versteckte sich rasch unter dem Tische. „Wo bin ich, Großvater?" rief sie heiter unter dem Tische hervor. Reb Jossele glitt vom Diwan hinunter, öffnete seine winzigen Aeuglein weit, sah hieher, sah dorthin, trippelte hertrippelte hin, guckte unter das Bett, hinter den Kasten, hinter den Waschtisch und hob sogar das Handtuch in die Höhe, ob vielleicht die kleine Hexe nicht dort sei. Und er lachte, daß ihm die Tränen in die Augen kamen, so viel Spaß machte ihm die Sache. „Guck, Großvater!" lachte Esterchen und steckte den Kopf unter dem Tische hervor.. : „Guck, guck," antwortete der Me und fiel unter Lachen in einen Armstuhl. . h TodeSengel.