Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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mit seinem, alle Disputation abschneidenden: „so Hab' ich's gehört" von einer Entwicklung der Lehre nichts wissen wollte, wählt L ö w sich zum Vorbilde den milden, klugen, im Hillelschen Sinne erleichternden Ben Ehananjah. Und in der Tat: vertieft man sich in die inhaltsreichen Jahrgänge dieser Wochenschrift, so findet man in derselben ein geistiges Arsenal, aus dem Jünger der jüdischen Wissenschaft Waffen entnehmen können, um siegesgewiß gegen Feinde des Lichts, gegen Unglauben und Aberglauben zu kämpfen. Dank dem Fleiße Immanuel Löws sind die wichtigsten Aufsätze aus dem sehr selten gewordenen „Ben Ehananjah" in Leopold Löws Gesammelten Schriften (5 Bände) jetzt jedermann, zugänglich. In diesem Denkmal der Pietät, das der'tüchtige Sohn seinem großen Vater und — sich selbst gesetzt hat, lebt der Geist Leopold Löws für alle Zeiten fort. — Und an dir Israel der Gegenwart, liegt es, diesen Geist auf dich einwirken zu lassen. Vertiefe dich in-denselben und du wirst nicht allein seine Zeitgemäßheit bewundern, sondern in ihm den Wegebereiter der Religion der Zukunft finden. So rufen wir denn den Manen Leopold Löws zu.-! p'HX Das Andenken der Gerechten , wird zum Segen! ' 5^ Sfr Kapitalismus der Juden und die jüdilche Orligion. Von Tr. I. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. „Wer'den Dichter will verstehen muß in Dichters Lande gehen." ' ' . I. V ^^rofessor Werner Sombart hat in seinem Buche „Die 1/ Juden und das Wirtschaftsleben" vier Thesen ausgestellt und ihre Richtigkeit nachzuweisen unternommen. Diese Thesen sind: 1. Die Juden gehören zu den Schöpfern des Kapitalismus; mindestens zu dessen einflußreichsten und zielbewußtesten Förderern. 2. Die Juden wurden zum Kapitalismus durch gewisse „objektive Umstände" geführt, wie räumliche Verbreitung, Fremdheit, Halbbürgertum und Reichtum. 8. Die jüdische Religion hat die Juden besonders geeignet gemacht für den Kapitalismus. 4. Der Kapitalismus der Juden ist eine Folge ihrer eigentümlichen Rassenanlagen. Unter diesen vier Thesen dürfte wohl das regste Interesse jene beanspruchen, die versucht, den engen Zusammenhang des Kapitalismus mit der jüdischen Religion aufzudecken; sie bildet auch den eigentlichen Kern des Buches. Folgen wir Sombart auf dem Wege, der ihn zu seiner These geführt hat. Den Kapitalisten kennzeichnet seine jederzeit sich gleich bleibende kühle Erwägung, seine Besonnenheit und Zweckbedachtheit' Gefühlsregungen, Schwärmerei sind ihm vollständig fremd; rücksichtslos gegen andere denkt er nur an den eigenen Vorteil. Er betrachtet alles vom Standpunkt des Geschäfts, regelt alles geschäftsmäßig.' Jedes Ding hat sein Konto, richtige Buchführung ist für den Kapitalisten erstes Erfordernis. Sein Ziel ist ausschließlich erwerben, Geld auf Geld. Sein Herz hängt nicht an der Ware, die ist ihm etwas ganz Unpersönliches^ nur Objekt, Mittel zum Geldmachen. Er hat immer nur eins im Auge: .das Steigen seiner Aktivpost. Alle diese Eigenschaften finden wir bei den Juden scharf ausgeprägt. Vor allem den überragenden Intellektualismus, die Geistigkeit. Der Jude ist kein Mystikerkein Schwärmer, kein Enthusiast, kein Gefühlsmensch, sondern durch und durch Herstandesmensch. Was er tut, muß einen Zweck, muß .„Tachlis" haben. Nichts geht ihm höher als erwerben, und zwar Geld erwerben, ohne Rücksicht auf den anderen. Die Ware ist ihm Nebensache, wichtig ist ihm nur, was aus ihr -herauszuschlagen. Er wechselt ohne jede Schwierigkeit seinen Beruf, seine Beschäftigung: heute dies, morgen jenes Geschäft; Reichten Gemütes gibt er etwas auf, trägt anderes mehr. Keiner ist so beweglich, keiner von einer solchen Anpaffungs- Fähigkeit wie der Jude. Wie ist aber der Jude dieser Kapitalist geworden? Durch die Diaspora allein? Haben Druck und Ausnahmezustand ihn dazu gemacht? Oder hat er außer diesen „objektiven Umständen" auch noch eine persönliche Note mitgebracht, persönliche Eigenart, Rassenbegabung? Wie so viele, hat auch Sombart darüber nachgedacht, ohne eine befriedigende Antwort gefunden zu haben. .; Da kam ihm die Erleuchtung durch Max Webers Abhandlung „Die protestantische Ethik und der ,Geist' des .Kapitalismus", in der schlagend nachgewiesen wird, daß jene auffallende Tatsache, daß Industrie und Kapitalismus vor. wiegend in protestantischem Ländern anzutreffen seien, aufs Ängste zusammenhänge mit der religiösen Ethik des Protestantismus; daß gerade diese Ethik wesentlich dazu beigetragen habe, die Bewohner protestantischer Länder zu Kapitalisten zu machen. Nun fielen Sombart die Schuppen von den Augen. Ist denn Puritanismus nicht Judaismus, und sind nicht puritanische Kapitalisten von derselben Art wie die jüdischen? Und Sombart ging ans Forschen und fand, -was er suchte. Die jüdische Religion hat in ihrem Wesen, ihrem System eine ganze Reihe von Zügen und Prinzipien, die zum Teil selbst kapitalistisch sind, zum Teil außerordentlich geeignet, den kapitalistischen Sinn zu fördern. Da aber die Religion der Juden das Volk selbst ist, muß geschlossen werden, bas kapitalistische Talent der Juden sei ein angeborenes- ^as will nicht die Bedeutung der eigentümlichen Verhältnisse unter denen dre Juden in Europa lebten und leben, für die Heranbildung der Juden zum Kapitalismus abschwächen öder gar leugnen. Nur soll die Erkenntnis, reifen, daß die Verhältnisse das angeborene kapitalistische Talent der Juden zur vollen Entfaltung gebracht haben. Welche sind nun jene wesentlichen Prinzipien der jüdischen Religion — selbstverständlich kommen modern - jüdische Religionsideen hier nicht in Betracht —, die sich so auffallend mit dem Wesen des Kapitalismus decken? 1. Wie der Kapitalismus vor allem zweckbedacht ist, jeder Schwärmerei abhold, so kennt auch die jüdische Religion keine Schwärmerei, keine Mystik, keine Herzensinbrunst. Alles an ihr ist mechanisch-kunstvoll abgezirkelt, nüchtern und verstandesgemäß zurechtgelegt, kühl auf ein bestimmtes Ziel hinstrebend. . 2. Wie der Kapitalismus alles geschäftsmäßig betreibt und regelt, genau über alles Buch führt, so ist in der jüdischen Religion das Verhältnis des Menschen zu Gott rein vertragsmäßig geordnet. Israel bringt und Gott bringt: ohne Leistung keine Gegenleistung. 3. Wie der Kapitalismus unpersönlich ist, wie ihm die Ware an sich gar' nicht am Herzen liegt, er nur fragt, was bringt mir dies, was jenes, so sind auch in der jüdischen Religion Sünde und Guttat nur als Dinge angesehen, die Schaden oder Nutzen, Lohn oder Strafe bringen. Nicht die sündhafte oder edle Persönlichkeit wird beurteilt, sondern jede Tat für sichunter die Lupe genommen, die Zähl der Sünden und Verdienste abgewogen/ Die ganze Religiosität