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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-09 · Heft 23 (9.6.1911) · p. Seite 270

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
Seite 270 (sequence 6)
Language
German
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flössen immer reichlicher, die Zahl der Zöglinge, die infolgedessen * ausgenommen werden konnte, vergrößerte sich. DiAdr äußeren Entwicklung entsprach auch die innere Organisation. Die Klassen und damit auch die Zahl' der Lehrkräfte konnten nach und nach vermehrt werden. ‘ , ' - . - Dem Dahin^eschiedenen wurde Zeit seines Lebens von allen, die mit ihm in Berührung kamen, von Juden und. Christen, von. Freunden und Verwandten, von Lehrern und Schülern die größte Hochachtung, Liebe und Verehrung gezollt. Dazu kam, daß er sich, besonders am Anfang seiner segensreichen Tätigkeit, zudem noch behördlicher Wertschätzung erfreute. Auch kurz ' vor seinem Lebensende wurde ihm, und damit, auch seiner Lebensarbeitwieder eine staatliche Anerkennung zuteil. Nach einer Besichtigung der Anstalt durch den Vertreter des Provinzjalschulkollegiums, Herrn Geh. Regierungsrat Ullmann, wurde' ihm im Oktober 1909 der Königliche Kronenorden verliehen: Die längst geplante Erweiterung der Anstalt wurde endlich in diesem Jahre in Angriff genommen, die Fertigstellung hat Direktor Reich leider nicht mehr erlebt. Im 68. Jahre seines reichgesegneten Lebens ist er einer heimtückischen Krankheit erlegen. Reich war ein vielseitig gebildeter Mann. Außer dem umfangreichen Wissen und Können in seinem Spezialfach besaß er - auch hebräische und religionswissenschasttiche Kenntnisse. Er beschäftigte sich ferner gern und eingehend mit physikalischen und technischen Dingen. Säge, Bohrer, Hammer und andere Werkzeuge verstand er ebenso geschickt zu handhaben wie die' Feder. Seiner Familie war er ein liefe* voller Gatte und Vater, seinen taubstummen Schülern ein vortrefflicher Lehrer und treu sorgender Erzieher, den aus der Schule entlassenen und erwachsenen Taubstummen ein väterlicher Freund und Berater, seinen Mitarbeitern ein leuchtendes Vorbild. Er war" ein edler, hilfreicher und guter Mensch. Fast 38 Jahre hindurch hat er das von ihm gegründete Institut gewissenhaft geleitet. Sein für das Judentum und die Menschheit so segensreiches Werk wird für alle Zeiten fort-' bestehen und der Name Markus Reich mit der israelitischen' Taubstummen-Anstalt für Deutschland unzertrennlich ver-. knüpft bleihen. J. K. : .wi ..1 Zum Lentmsrium Leopold Löws. Von Professor Dr. Gottlieb Klein, Rabbiner in Stockholm. m jüngstvergangenen Wochenfeste hatte die Gesamt-' judenheit ein Recht und eine Pflicht, die Säkularfeier' eines großen Toten zu begehen. Doch nein, nicht eines Toten/ sondern eines. Lebenden; denn nach einem bekannten AuSspruch des Talmud leben die Gerechten auch nach ihrem Tode fort. Ein solch „Gerechter", ein solch Lebender ist für uns, soll für' uns Leopold Löw sein. > In diesen Blättern hat bereits Professor Samuel Krauß,; fer Archäolog dem Archäologen, der Fachmann dem Fachmanne einen Kranz der Verehrung und Dankbarkeit geflochten.'^ Allein für. uns ist Leopold Löw. mehr als ein..Fachmann, für uns ist er in erster und letzter- Linie der Theologe, und zwar der -größten und der modernsten einer der nachmendelsohnschen Zeit. Und die Geschichte der jüdischen Reformbewegung wird nicht umhin können, ihm dereinst einen Platz neben Abraham Geiger einzuräumen, denn beiden hat ein großes Ziel vorgeschwebt: den Geist des Judentums aus seiner Formenstarrheit zu befreien, und dieses selbst seiner prophetischen Bestimmung, Wcltreligion zu werden, entgegenzuführen. Beide habendurch Vertiefung in Schrift und Tradition das Zentrale, das Ewigbleibende in unserer Religion klarzustellen gesucht. Beide haben ihre immense Gelehrsamkeit in den Dienst der Theologie gestellt. Beide haben-als Historiker und Altertumsforscher die Entstehung und Entwicklung der Halacha zum Gegenständ ihrer scharfsinnigen Studien gemacht, aber nicht etwa zu. dem Zweck, um neue^ Halachot zu fixieren, um die morschgewordenen Mauern des Schulchan Aruch zu befestigen, sondern um dem Judentum Luft und Licht zu schaffen,' um den prophetischen Ideen zu ihrem Rechte - zu verhelfen. Mit einem Worte: um das Judentum zu entlasten. Professor Krauß tadelt an Löw, daß ihm die jüdische Altertumskunde zur the ologischen Disziplin geworden. Er sagt: „Die talmudische Archäologie sollte viel-" mehr von der Theologie ganz und gar getrennt werden, und um so mehr, von den Parteifragen der Orthodoxie und des Neologismus und von jeder Tagesfrage." — Dieses Postulat mag dem Archäologen vom Fach gegenüber, dem seine. Disziplin sein Alles, das einzige Objekt seines Sinnens und Denkens ist, berechtigt sein, aber nicht Leopold Löw gegenüber. Seine Lebensaufgabe sah er in etwas anderem. Wohl hat er sich aufs lebhafteste interessiert für „die spontanen Erscheinungen privaten Charakters" und Fragen über „Wohnungsbau, Speise und Trank, Kleidung und Medizin" hat er als der belesenste Kenner des jüdischen Altertums in den Bereich seiner Forschungen gezogen. Aber selbst solche Fragen hat er 8ub speoie aeteruitatis untersucht.. „Die Literatur," sagtLöw, „geht, mit ihrer leuchtenden Fackel voran, das Leben wird ihr Nachfolgen. „Groß", sagt der Talmud, „ist die Theorie, denn. sie. ist. es, die zur Praxis führt." / Theorie und Praxis, Wissenschaft und Leben, sie dürfen nicht streng voneinander geschiedene Reiche bilden. Das war Leopold Löws Standpunkt, für den er als Einsamer in der vom Parteiwesen unterwühlten ungarischen Judenheit Jahrzehnte hindurch mit bewundernswertem Mut in Wort und Schrift gekämpft und gelitten. Und gerade das macht ihn zu dem großen Meister, der berufen ist, nach seinem Tode erst recht zu wirken durch die Geistesschätze, die er uns hinterlassen. — Es kann hier nicht auf die einzelneu Schriften, die sich durch Gedankenschärse und eine klare, einfache und doch eigenartig originelle Darstellung auszeichnen, eingegangen werden. Hervorgehoben sei indes Löws Tätigkeit als Redakteur, der Wochenschrift „Ben Chananjah". Schon diese Benennung belehrt uns über seine praktischen wissenschaftlichen Intentionen^ Dem rigorosen Zeitgenossen Josua ben Chananjahs, Elieser ben Hirkanos gegenüber, der von der überkommenen Tradition Nicht lassen wollte und streng am Buchstaben hastete, dev Markus Reich 1844—19t!.

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