Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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. f- AiJUwV Auf diese Bemerkung cntgegnete der Minister mit der überraschenden Behauptung, daß alle Nachrichten über neue Drangsalierungen und Beschränkungen von Juden absolut falsch seien. Die Behauptung Kokowzews wirb von dem Mitarbeiter der »Russischen Korrespondenz" in einem Telegramm aufs entschiedenste bestritten. Nie, so führt, er aus. war die gesamte Lage der russischen Juden so schlimm wie jetzt. So ist erst neuerdings einer Reihe von Judenkategorien, deren Wohnrecht aus Entscheidungen der höchsten Instanzen — so des Senats und desWeichsrats — basierte, dieses Privileg abgesprochen worden, und die vorhandenen Beschränkungen erfahren Interpretationen, welche die Zeiten PlehweS in den Schatten stellen, so daß niemand mehr in seinem Domizil sicher ist. Täglich kommen aus den verschiedensten Gegenden, zuletzt aus Kiew. Riga, aus dem Gouvernement Smolensk und anderen Orten, die traurigsten Nachrichten über Ausweisungen, zum Teil selbst jahrzehntelang angesessener Familien, und selbst die Kinderausweisungen aus Moskau, die soviel Staub aufgewirbelt haben, werden noch nicht redressiert. Augenblicklich wird sodann zahlreichen in Petersburg angesessenen Juden der Sommeraufenthalt in der Umgegend verwehrt, und das Beispiel Petersburgs findet bereits in vielen anderen Städten des Reichs Nachahmung. Jammervoll ist insbesondere die Lage der Tausende jüdischer Jünglinge, die zufolge eines auch von den Oktobristen als ungesetzlich erklärten Zirkulars des Unterrichtsministers vom Abiturientenexamen zurückgewiesen werden. Die angeführten Beispiele sind nur einige Blüten der neuesten Judenverfolgungen, die Kokowzew einfach ableugnet. * Unter den wenigen Werken der Bildhauerkunst im russischen Pavillon in der römischen Weltausstellung nimmt, wie die „Oesterreichische Wochenschrift" berichtet, die Büste des französischen Chemikers Berthelot, ein Meisterwerk des aus Rußland stammenden, in Paris lebenden jüdischen Bildhauers Leopold Bernstamm, den hervorragendsten Platz ein .Bernstamm, der einem Besucher des russischen Pavillons mit Stolz zurief: „Ich bin Jude, Jude aus der Tiefe meines Herzens!" wurde sowohl dem italienischen Königspaare als auch dem russischen Großfürsten anläßlich ihres Besuches der Ausstellung als der „bedeutendste russische Künstler" der Gegenwart präsentiert. Bernstamm hat die Büsten mehrerer Monarchen und selbst die Büste des Papstes Leo XIII. und des Kardinals Rampolla geschaffen. Auch Li-Hung-Chang, der Bismarck des fernen Ostens, wollte feine Büste von Bernstamm haben. Außer dem Bildhauer Bernstamm zeigt der russische Pavillon zahlreiche Werke russisch-jüdischer Künstler, auf welche Rußland in Italien stolz ist, während ihnen zu Hause nicht einmal die Freizügigkeit gewährt ist. * Aus Konstantinopel wird dem „Berliner Tageblatt" unter dem 1. Juni gemeldet: Der hiesige Großrabbiner erhob .heute nachmittag auf der Pforte Vorstellungen wegen Pogroms, die ihm telegrophisch aus Syrien und Arabien gemeldet worden sind. Die türkische Regierung, die darüber noch keine Meldungen erhalten, hat sofort telegraphisch Nachfrage angeftellt- Der Großrabbiner soll mitgeteilt haben, daß an mehreren Orten Arabiens und Syriens gleichzeitig Angriffe auf jüdische Niederlassungen stattgefunden hätten, wobei geplündert und Häuser niedergebrannt worden seien. Die Angreifer wären überall mit dem Ruf „Nieder mit den Feinden des Reiches" gegen die jüdische Bevölkerung vorgegangen. Der Großrabbiner, den ich in dieser Angelegenheit aufsuchte, erklärte mir: „Ich erhielt am Dienstag abend ein längeres Telegramm, das bereits am Freitag abend aus Palästina abgesanpt war. Da ich den Großwesir gestern nickt aufsuchen konnte und heute nicht antraf, weil er sich zum Empfang des heute eingetroffenen Khediven begeben hatte, habe ich dem Unterstaatssekretär des Großwesirats Adil Bey Mitteilung von meiner Depesche gemacht. Darin beklagt sich der Muedir (Dorfschulze) einer jüdischen Kolonie in Palästina darüber, daß am Freitag Fellachen drei galiläische jüdische Kolonien in den Bezirken von Nazareth, Haiffa und Liberias angegriffen haben, indem sie die Ernten dieser Kolonien zerstörten, einige Diebstähle in den Kolon'eu begingen und dabei gegen die jüdische Bevölkerung gerichtete Ruse ausstießen. Ein Blutvergießen hat nicht stattgefunden. Ich habe sofort die Zusicherung der Regierung, die noch ohne Nachricht war, erhalten, daß die Täter verfolgt, bestraft und die Rechte der jüdischen Kolonisten geschützt werden." Der Großrabbiner maß der Angelegenheit keinerlei ernstere Bedeutung bej. Markus Lrich l. % m 23. Mai verschied Direktor Markus Reich, der Begründer und langjährige Leiter der israelitischen Taubstummen - Anstalt zu Weißensee, nachdem ihm vor erst vier Monaten seine älteste, treueste und hingehendste Mitarbeiterin, seine Schwester, im Tode vorausgegangen. Reich ist am 15. April 1844 zu Kolin in Böhmen geboren. Bon 1865 bis 1868 besuchte er die damals von Horwitz geleitete jüdische Lehrerbildungs-Anstalt zu Berlin. Seinem Lehrer Horwitz verdankte er nicht bloß ein gediegenes Fachwissen und das rastlose Streben nach Weiterbildung, sondern auch so manchen praktischen Wink, der ihm in seiner späteren Laufbahn sehr zustatten kam. Und in Liebe und dankbarer Verehrung hat er zeitlebens seines väterlichen. Freundes und Meisters gedacht. Nachdem er eine Zeitlang als Hauslehrer tätig gewesen war, bildete er sich in den Jahren 1870 und .1871 in der königlichen Taubstummen-Anstalt zu Berlin zum Taubstummenlehrer aus und unterrichtete auch vertretungsweise an dieser Anstalt. Bald darauf hatte er Gelegenheit, einen hochbegabten, jungen, jüdischen Taubstummen Adolf Ginsberg privatim zu unterrichten. Dieser, der später als Maler und durch seinen tragischen Tod (er wurde bei dem Erdbeben auf Jschia in: Jahre 1883 verschüttet) bekannt wurde, war einer der ersten, die Reich ermunterten, eine Anstalt für arme jüdische taubstumme Kinder zu gründen. Am 15. Juli 1873 eröffnete der Dahingeschiedene die israelitische Taubstummen-Anstalt zu Fürstenwalde an der Spree. Wohl wurde sein Unternehmen von edlen Menschenfreunden unterstützt, auch erfreute er sich des Wohlwollens der staatlichen Behörde (der damalige Dezernent des Taubstummenbildungswesens in Preußen, Geheimer Regierungsrat Sägert, war ihm wohlgesinnt), dennoch konnte er die Anstalt eine Reihe von Jahren nur mit Mühe und unter großen Entbehrungen halten. Erst als er im Jahre 1884 den Verein „Freunde der Taubstummen — Jedide Jlmim" gegründet hatte und seine Privatanstalt ein Institut der deutschen Judenheit wurde, war der Bestand der Anstalt gesichert. Wohlhabende und angesehene Männer traten in den Vorstand des Vereins ein und standen Reich bei seinen Bestrebungen zur Seite. Dem langjährigen Vorsitzenden Sanitätsrat Dr. Moritz Markuse hatte er besonders viel zu verdanken. Mit dessen Unter» stützung gelang es ihm durchzusetzen, daß die Anstalt 1890 von Fürstenwalde nach Weißensee bei Berlin, Parkstr. 18, in ihr jetziges Heim, verlegt wurde. Seitdem entwickelte sie sich zur Freude ihres Begründers und Leiters und seiner Freunde immer mehr. Der Verein „Freunde der Taubstummen", nahm von Jahr zu Jahr an Mitgliedern zu,, die Geldmittel