Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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die Glaser gesammelt und nach Europa gebracht hat, befinden sich jetzt in den Museen von Berlin, London und Wien. Nicht minder wichtig jedoch als diese meist schon veröffentlichten Denkmäler sind, wie das „Orientalische Archiv" ausführt, die Papierabklatsche, denn sie bieten etwa 1000 neue wichtige Inschriften in authentischer Form und in vorzüglichen Abklatschen dar. Und die Tagebücher und Kartenskizzen Glasers werdest neben den Inschriften für Geschichte und Geographie Südarabiens und Vorderasiens neue und wertvolle Quellen bieten. Eduard Glaser war jahrelang ein fleißiger Mitarbeiter unseres Blattes. •9t Nach einer Mitteilung der in Wien erscheinenden „Wahrheit" beschäftigt sich die Prager Statthalterei gegenwärtig mit der Untersuchung der Verletzung des im Archiv der Prager jüdischen Gemeinde aufbewahrten Adelsbriefes des historisch wohlbekannten Hofjuden Kaiser Ferdinands II., Baffewi, von dessen Nachkommen einige heute in Galizien als Schankpächter leben. Auf Grund dieses Adels- und Privilegienbriefes, der für immerwährende Zeiten ausgestellt war, wollen diese im Gnadenwege vom Kaiser eine Belastung in ihren alten Schenkerkonzessionen anstreben. Bassewi war ein Italiener aus Niedersavoyen, der, zu Beginn des XVII. Jahrhunderts mit besonderen Privilegien Kaiser Ferdinands II. ausgestattet, nach Oesterreich übersiedelt war. Cr hatte schon im Jahre 1599 einen besonderen Freibrief erhalten, der ihm nicht nur gestattete, ohne die damals den Juden vorgeschriebene gelbe Kokarde öffentlich zu erscheinen, sondern ihm und seinen Dienstleuten auch das Ansiedlungsrecht in allen Staaten Böhmens zusprach. Er entwickelte eine umfassende geschäftliche Tätigkeit, insbesondere auch im Interesse der Finanzen des Kaisers, so daß ihm im Jahre 1622 durch den Kaiser der Adel mit dem Prädikat „von Treuenburg" verliehen wurde. Bassewi war hiermit der erste geadelte Jude in Oesterreich. Mit dem Sturze Wallensteins verlor auch Bassewi, der mit dem großen Heerführer geschäftlich eng verbunden war, sein Vermögen, und die Familie geriet bald in so große Bedrängnis, daß sie ihr altes Stammhaus auf dem Dreibrunnenplatz in Prag um 5000 Kronen losschlagen mußte. Auch an die Aufrechterhaltung des verliehenen Adels dachte niemand mehr. In neuester Zeit haben sich aber Familienmitglieder, die unter verschiedenen Namen wie Basch und dergleichen noch heute in Prag, Wien, Budapest. Galizien leben, für die Geschichte ihres Ahnherrn lebhaft interessiert und Nachforschungen gepflogen. Dabei ergab sich, daß, wie bereits erwähnt, im Archiv der Prager jüdischen Gemeinde wohl der Freibrief von 1599 und die Adelsurkunde im Original vorhanden waren, daß aber aus der Adelsurkunde das Wappen der Bassewi herausgeschnitten und das kaiserliche Siegel abgetrennt war. Man kann annehmen, daß eine diebische Hand sich Zugang zu den Dokumenten verschafft und die als Sammlerkuriositäten wertvollen Teile der Urkunde zu persönlichen, Zwecken herausgeschnitten hat. Unerklärlich bleibt aber die Frage, wieso esmöglich war, daß die Dokumente so wenig sorgfältig verwahrt waren, und daß der Verlust bis heute.von niemand bemerkt wurde. Selbstverständlich ist. dadurch diesen Dokumenten eigentlich ihre Beweiskraft geraubt worden, und es ist begreiflich, daß sich der Familienmitglieder wegen dieser Tatsachen eine starke Entrüstung bemächtigt. hat. In ihrem Aufträge ist nun ein Familienmitglied am letzten Dienstag beim Statthalter Grafen Thun in Audienz erschienen und hat zugleich mit einer ausdrücklichen schriftlichen Eingabe das Ansuchen gestellt, es mögen die auf die Familie Bassewi bezüglichen Papiere, ebenso wie andere wichtige Dokumente in Hinblick auf die zutage getretene mangelnde Sorgfalt bei deren Aufbewahrung aus dem jüdischen Archiv entfernt und in ein staatliches oder Landesarchiv übernommen werden. Die ganze Angelegenheit wird , noch Gegenstand eingehender Untersuchungen sein. * - - In der Debatte über das Kultusbudget, die eben im ungarischen Abgeyrdnetenhause durchgesührt wird, wandte sich Graf Stephan Tisza mit gleicher Entschiedenheit gegen die Uebergriffe des Klerikalismus wie gegen die Gefahren des Atheismus und Kosmopolitismus. „Man versucht," so führte er aus, „die materialistischen, anarchistischen Strömungen mit der Judenschast in Verbindung zu bringen. Dagegen muß ich entschieden protestieren. (Lebhafte Zustimmung.) Auch in der Judenschast existieren die verschiedenartigsten geistigen Strömungen vom düstersten Bigottismus bis zum Atheismus. Daraus darf aber nicht Nahrung für eine neue Agitation geschöpft, das darf nicht dazu benutzt werden, um die Brandfackel in die ungarische Gesellschaft zu schleudern." Höchst bemerkenswert sind auch die Aeußerungen dieses hochgebildeten und streng freisinnigen Politikers über den konfessionellen Unterricht. „Ich würde es tief bedauern," sagte er, „wenn eine Epoche eintrete, die den konfessionellen Unterricht beseitigte; denn ich bin überzeugt, daß es zu einer reicheren und freiheitlichen Kultur führt, wenn der Unterricht nicht nach einer einheitlichen staatlichen Schablone erfolgt, sondern jede Kirche ihre eigene Individualität in das Knlturwerk hinein trägt. (Zustimmung rechts.) Was aber vom Unterricht ferngehalten werden muß, ist jener Sektengeist, jene Bigotterie und jener übertriebene Fanatismus, der eine große Gefahr für die Entwicklung der Nation, aber auch für die wohlverstandenen. Interessen der Konfessionen selbst in sich birgt." Nach ernsten Mahnungen vor Unduldsamkeit und Glaubenshaß schloß Graf Tisza mit den Worten: „Ein zweites Mittelalter wird Ungarn nicht ertragen!" Aus Petersburg wird dem „Berliner Tageblatt" unter dem 31. Mai gemeldet: In Nejshin ist es zu ernsten Ausschreitungen gegen die Juden gekommen. Während der Messe schrie ein Bauer, der sich von einem Juden durch falsches Papiergeld betrogen glaubte: „Haut die Juden! " Durch diese Rufe angefeuert, griffen die Bauern zu Stöcken, Deichseln und Steinen und drangen auf die jüdische Bevölkerung ein. Die Polizei vermochte zunächst gegen die wütenden Bauern nichts auszurichten. Es mußte berittene Polizei geholt werden, welche die Bauern mit Knutenhieben auseinandertrieb. Ein Schutzmann wurde schwer, mehrere leicht verwundet. Ein Jude erlitt schwere Verletzungen. 52 Bauern wurden verhaftet. ♦ Wie trostlos die Lage unserer Glaubensgenossen im Reiche des Zaren ist, zeigt folgender Bericht über eine Unterredung mit dem russischen Finanzminister: Der russische Finanzminister Ko ko wzew hatte nach einem der „Russischen Korrespondenz" aus Petersburg zugehenden Telegramm eine Unterredung mit einem Vertreter der „New Jork Times", in deren Verlauf auch die schlimme Lage der Juden in Rußland berührt wurde. Minister Kokowzew sagte, daß nach seiner Auffassung der gegenwärtige Moment ungeeignet sei, um irgendwelche Milderungen in der Lügender russischen Juden durchzuführen. Das Verhalten der Juden während der Kriegs- und Revolutionszeit hätte ein scharf ausgeprägtes Nationalgefühl gegen sie hervorgerufen, weswegen Aenderungen zu ihren Gunsten vorläufig unmöglich seien. Man müsse in dieser Hinsicht warten. Der Interviewer warf ein: „Sie sind Mitglied eines Ministeriums, das in den Augen Europas und Amerikas als ein Ministerium des neuen Regimes angesehen wird, das Rußland dem Jahre 1905 verdankt. Sie behaupten, daß die Lage des Reiches jetzt eine glänzende sei. Wie erklären Sie es aber, daß die Juden offenbar die einzigen sind, welche immer neuen Drangsalierungen ausgesetzt werden, aus Strafe dafür, daß sie zusammen mit anderen zur Einführung des neuen Regimes geholfen haben?"