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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-09 · Heft 23 (9.6.1911) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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feine Priester-, Tempel- und Zeremonialgesetze erst dann erhalten' haben, nachdem sein Reich aufgelöst war? Nimmermehr! Ob alle diese Verordnungen erst spät gesammelt und' der Thora eingesügt wurden — diese Frage ist für uns nicht. entscheidend — genug, nach Mose waren es die Priester, die die gesetzgeberische Tätigkeit handhabten; sie waren nicht bloß Kultusdiener und Aerzte, bei ihnen sollte man auch Thora lernend) Ist nun auch der größte Teil der gesetzlichen Be-5 stimmungen außer Uebung gekommen, so ist uns trotzdem die Thora nicht bloß ein Literaturwerk, ein veraltetes Pergament, bei dem die einzelnen Blätter zusammengetragen und künstlich aneinander geheftet sind; sie ist das wunderbare Buch unserer Jugendgeschichte; sie ist uns ein „köstliches Geschenk", das unser „Allerheiligstes" als das „Erbgut der Gemeinde Jakobs" bewahrt; sie ist uns. ein „Baum des Lebens", der in jedem Zeitalter neue Blüten und Früchte gezeitigt hat und dem Volke die Richtung gab: „Höre, Israel, der Ewige ist ' unser Gott, der Einzig-Ewige! Und Du sollst lieben den Ewigen, Deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit Deinem ganzen Vermögen!2) ' II. " - Mit dem Aufruf, den Einzigen zu bekennen und ihn zu lieben, haben wir den Uebergang gefunden zu den Propheten. So wenig sich der Monotheismus ans dem Polytheismus entwickelt hat, so wenig ist der Prophetismus aus der Mantik d. i. der Wahrsagerei und dem Orakelwesen der Heiden hervorgegangen. Gegensätze, nichts als Gegensätze! Was noch den Anschein eines Orakels haben könnte, die Rechtssprechung des Hohenpriesters vermittels der Urim und Tumim, die sich in seinem Rechtsschilde befanden, diese Art von Bescheiden schwand hin, als das Rechtswesen geordnet war. Was sind uns die Phropheten? Auch sie verkünden uns als Männer Gottes seinen Willen, aber in welch besonderer Art! Nichts von Verzückung und Raserei — vom heiligen Geiste getrieben offenbaren sie aus ihrem innerlichen Gottschauen die Wege des Heils. Die unsagbare Ergriffenheit von der Heiligkeit Gottes, der geheiligt wird durch Gerechtigkeit, erschloß ihnen eine sittliche Weltordnung, und aus der tief aufwühlenden Erkenntnis von der Einzigkeit Gottes ward ihnen der Allvater kund. Nach rückwärts und vorwärts erhellt sich ihr Blick, und so geben sie der Geschichte einen religiös menschheitlichen Charakter; ihr messianisches Zukunftsideal ist die geistige, sittliche und soziale Vollendung der Gesamtheit. Blickten sie nun von. ihrer alles überragenden Warte hinab auf das gottlose Treiben des so tief gesunkenen Volkes, so konnten sie nur seine Zuchtmeister werden, und so trat ihre gewaltige Persönlichkeit auch unwürdigen Priestern, falschen Propheten und gewissenlosen Königen entgegen. Wie eine Posaunenstimme durchbraust die Anklage der Verworfenheit ihre Rede, und das allein Heilsame und Ewige durchzittert ihr Wort in unerbittlicher Wahrhaftigkeit. Indes, Gesetzgeber wie die Priester waren sie nicht. Sie verkündeten nur allgemeine Heilswahrheiten; das Gesetz war für sie Voraussetzung. „O Mensch, es ist Dir gesagt worden, was der Herr als das Gute von Dir fordert: Recht tun, Liebe hegen und in Demut wandeln vor Deinem Gott!"3 *) Worin sich aber Recht, Liebe, Demut im einzelnen äußern, das geben die Gesetze an. Die Propheten tasteten nicht einmal das Zeremonialgesetzliche an. Sie sprachen nur eine Verurteilung aus, wenn die Gesetzesübung nicht von einem sittlichen Wandel begleitet war; sie eiferten gegen das Opserwesen, gegen die Werkheiligkeit und das äußerliche Gebahren, von dem das Herz nichts wüßte; sie verwarfen ebenso Gebet und Gesang/ wenn nicht das Recht in der Mitte des Volkes zu finden war. i) , Was aus der Volksreligion zu verbleiben hätte, das zu sichten und festzustellen mußten sie der weiteren Entwicklung überlassen. Solange sie an dem Nationalen festhielten, stand ihnen auch Jerusalem im Mittelpunktwar ihnen Zion ein kostbarer Eckstein, der seine Gründung bewährt.2) „Die Völker würden alle nach Jerusalem strömen zu dem Gotteshause, dessen Höhe alle Höhen überragt, um Gottes Wege zu lernen und in ihnen zu wandeln, denn von Zion geht Lehre, aus und Gottes Wort von Jerusalem."3) „Das Haus Gottes würde ein Bethaus werden für alle Völker."^) „Von Neumond zu Neumond, von 'Sabbat zu Sabbat wird alles Fleisch kommen, vor mir zu beten, ist der Spruch des Herrn." 5) Das stimmt noch ganz zu dem Ausblick der Thora, daß die Völker Israel ob seines Gesetzes als ein weises und einsichtiges Volk anerkennen würden. 6) Und dennoch! Sollte Israel nur an Jerusalem gekettet bleiben? Wie ein Wetterleuchten fährt es hin über die national-religiösen Erwartungen; eine neue Botschaft kündigt sich an. Der Palästinische Gottesstaat strebt hin zum universellen Gottesreich. Nicht die Heldentaten des nationalen Lebens machen Israels glorreiche Geschichte aus; sein religiöser Beruf, den göttlichen Heilsplan zu verwirklichen, sein Berus ist es, der ihm die Stellung unter den Völkern anweist. Wie "sehr noch das Religiöse mit dem Nationalen zu ringen hat, zuletzt siegt das Religiöse, und aus der Volksreligion der Thora geht die Menschheitsreligion hervor. Der Propheten Gesichtskreis umspannt die ganze Erde durch die weltgeschichtliche Mission, die sie Israel zuweisen. Nachdem Israel soweit herangereift war, das nationale Band lösest. zu können, sollte es Jerusalem verlassen, sollte es für die Völker zum Licht werden, daß Gottes Heil bis ans Ende der tzrde dringe, -sollte es ungeachtet seines Martyriums als Knecht und Zeugs Gottes den Völkerbund vermitteln.?) ÄtchtMehr nationale Juden, sondern menschheitliche Israeliten! Der Einheitsgedanke verbindet alle Völker: ein Gott und eine Menschheit! -iJmWrhin, auch bei. der Menschheitsreligion verbleibt Mrael der geschichtliche Träger der Offenbarung, denn so spricht der Herr: „Wohl schaffe ich einen neuen Himmel und eine neue Erde, doch auch bei der Neuschöpfung und Neugestaltung soll euer Stamm und euer Name ewiglich bestehen!" 8) Und noch die Heilsrede des letzten Propheten klingt in die Mahnung aus: „Denkt an die Lehre meines Knechtes Mose, dem ich am Horeb für ganz Israel Satzungen und. Rechte aufgetragen."9) Mag auch dieser Schluß ein späterer Zusatz sein, wir reden darum doch nicht nur von den Propheten, wir sagen: Mose und die Propheten! ■ in. . ■ ■, r..' Der dritte Teil der Heiligen Schrift erschließt uns die persönliche Religion. Ist die Religion Sache des einzelnen oder der Gesamtheit? Wir antworten: Geht die Religion nur auf das persönliche Verhältnis des Menschen zu Gott, in welchem er sür sich allein steht mit seinem besonderen Verlangen, so ist sie eine Privatsache; bildet sie aber das einigende Band, durch das die Gleichgesinnten verbunden werden, so ist sie eine Gemeinschaftssache. Welche Genugtuung sür unser religiöses Stammesbewußtsein, daß auch die persönliche Religion gleich der 'Menschheitsreligion aus unserer Volksreligion. hervorgegangen ist! Auch das Persönlichste wird zum Allgemeinen h Amos 5. 23. 2) Jesaja 28,16. 8) Jesaja 2, 2 ff. Jesaja 56. 3 bis 7. 5) Jbid. 66, 23. «) vi Mose 4, 6 ff. h Jesaja 49, 1 ff.; 42, 43, 53. °) Jesaja 66, 22. *) Maleachi 3, 22. J) Maleachi 2, 7. H y. Mose 6, 4—5. 8) Micha 6,-8.

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