Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- Seite 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sabbat entweiht hätte. Der Schmerz brannte ihn, die Ver-.. Lweiflung drückte ihn zu Boden, das Sündenbewußtsein nagte^ an seinem Herzen, und er kämpfte und rang mit sich selbst und wollte das Ungeheuer, welches ihn mit diesen unreinen Flammen anhauchte, mit seinen mageren Fingern erdrosseln.^ In dem fürchterlichen Seelenkampf war er der Schwächere; das Ungeheuer siegte über ihn. Und jetzt — und jetzt, wo er auf schneeweißen Kissen daliegt, gedenkt er lächelnd seines schrecklichen Seelenkampfes. Warum hat er eigentlich gekämpft? Und gegen wen hat er gekämpft? Jenes Ungeheuer ist ja gar kein Ungeheuer, sondern ein buntgefiedertes Singvögelchen, das sich mit warmem Körper an ihn schmiegt. Ach, wenn es doch nicht mehr fortfliegen wollte, ach, wenn es doch nicht mehr stille würde. .Und in dem traulichen Zimmer lauschte er dem Liede, welches ihm die Liebe sang. Nun, dies war freilich eine andere Melodie als jene, die von früh bis spät im Beshamedresch ertönt. Es wäre auch gar nicht gut, wenn man dort erfahren würde, auf welchen Nigun^) er jetzt das Lied der Lieder singt. In der, zu asketischer Lebensweise erzogenen Jeschiwa verzeiht man die erotischen Vergehungen nicht. Spott, Geringschätzung, Boykott und Exkommunikation ist als Strafe daraus gesetzt Demzufolge verheimlicht dort jeder seine Herzensangelegenheiten; denn die strenge Selbstzucht vermag nicht jeden ^zu schützen, und immer findet sich hier und da ein Bocher von heftigerem Temperament, welcher in Liebe schmachtet. Dies würde er aber um keinen Preis der Welt verraten. Liweitzer hatte mehr als tausend Gründe, auf sich acht zu geben, um sein Geheimnis nicht zu verraten. In der Jeschiwa spitzen sich die satirischen Neigungen der Studenten sehr scharf zu. Nirgends bemerkt man so rasch die Gegensätze als dort und nirgends weiß man das Komische, das darin steckt, so herauszuschälen,, als eben in der Jeschiwa. Welches Gelächter, Verhöhnen, Wortpfeileschießen könnte entstehen, wenn die Studiengenossen erfahren würden, daß er die Tochter des reichen EschkeleS liebe. Es ist aber auch wirklich zum Lachen. Liwnitzer knirschte mit den Zähnen und ballte die Faust, als er daran dachte. Warum ist es denn lächerlich? Zählt denn nur der Reichtum? Nur der Besitz des Geldes? Jener des Wissens zählt nichts? Nichts der Anstand, nichts die Ehrenhaftigkeit? Unmöglich, daß auch Esterchen solche Gesinnung hegt. Sie mißt Menschenwert sicherlich nicht mit dem Goldmaß. Sie anerkennt gan^ gewiß auch das Wissen als großen Wert. (Fortsetzung folgt.) „yjifey. rips Literarische Mitteilungen. — Deutsches Mädchen buch, ein Jahrbuch,der Unterhaltung, Belehrung und Beschäftigung für junge Mädchen, Stuttgart, H. Thienemanns Verlag, Band 18. Deutsches Kn oben buch, ein Jahrbuch der Unterhaltung, Belehrung und Beschäftigung für unsere Knaben. ' Stuttgart H. Thienemanns Verlag, Band 24. Diese beiden vorzüglich ausgestatteten Sammelwerke, die auch diesmal, wie alljährlich, pünktlich in den letzten Wochen des Jahres erschienen sind, bedürfen kaum mehr-einer Empfehlung. Es ist genüg, wenn man wiederholt, daß sie sich auf der Höhe ihrer, alten Bedeutung erhalten haben. Bei beiden wiegt das Erzählende vor; in dem für die Mädchen bestimmten Buche werden unter den belehrenden Abhandlungen Astronomie und Luftschiffahrt, bei dem für die Knaben bestimmten: Kunstgeschichte, Naturwissenschaft, auch i) Liturgische Melodie Korrumpiert Nigun). * Kolonialwesen bevorzugt. Dem eigentlichen Sport wird, in beiden Büchern keine sonderliche. Beachtung gezollt. Die beiden -trefflichen Bände gewähren für jugendliche Wesen eine höchst bekömmliche. Nahrung, Unpassendes und Abenteuerliches, ist möglichst vermieden,, eine wirklich gesunde Anschauung herrscht vor. Sie verdienen daher, beide auch in unseren Kreisen.weiteste Verbreitung. . L. G. SpreMal. Kurze Betrachtung über jüdische und kommunale Armenpflege von Registrator N. Cohn, ülfach ist dieses Thema in Wort und Schrift behandelt worden und wohl alle, die auf armenpflegerischem Gebiete tätig sind, haben sich mit dieser Materie beschäftigt. Außerhalb dieser Kreise aber bestehen noch gar viele falsche Anschauungen in dieser Frage, Die kommunale bzw. interkonfessionelle Armenpflege darf keinen Notleidenden seiner Not überlassen, sondern ist verpflichtet, dem, der sie in Anspruch nimmt, wenigstens das Existenzminimum, d. h. den Betrag zu gewähren, der zur Bestreitung des notwendigsten Lebensunterhaltes erforderlich ist. Dies ist eine gesetzliche Verpflichtung, während die jüdischen. Armcnpflegestellen, freie Wohlfahrtsinstitute und jüdische Gemeinden lediglich eine freiwillige und ergänzende Tätigkeit auszuüben in der Lage sind. ■> Die jüdischen Armenpflegestellen, welche auf modernen Grundsätzen ansgebaut sind, weisen daher mit Recht alle Bittsteller, besonders die, die sie für regelmäßige Unterstützung als geeignet erachten, auch an die Stadtgemeinde, indem sie die selbst zu gewährende Unterstützung oft von dem vorhergehenden Eintreten der städtischen abhängig machen, da sonst infolge der Unterstützung seitens der jüdischen Gemeinde die städtische Armenverwaltung ein Eintreten ihrerseits oftmals für überflüssig hält. ' Die Stadtgemeinden bzw. ihre Organe haben sich bei diesem systematischen.Vorgehen immer mehr daran gewöhnt, auch den jüdischen Armen gegenüber die Pflichten zu erfüllen, welche das Armengesetz vorschreibt. Leider aber besteht erfahrungsgemäß in manchen Kreisen der jüdischen Bittsteller die ganz unbegründete Furcht vor der städtischen oder, wie sie von vielen fälschlich genannt wird, christlichen Armenpflege. Diese Furcht muß überall mit Nachdruck bekämpft und auf die Bedürftigen belehrend eingewirkt werden. Es muß ihnen immer und immer wieder klar gemacht werden, daß die Unterstützungsmittel der Stadtgemeinden aus dem allgemeinen . Steuersäckel herrühren, den alle Bürger ohne Unterschied der Konfession füllen helfen. Die jüdischen Armenpflegestellen werden, selbstverständlich nach wie vor voll und ganz das ihrige tun, aber'immer gern Vorzugs' weise da eintreten, wo die Stadt schon das ihrige getan hat. Es wird dabei trotzdem nicht selten Fälle geben, in denen man Bittsteller nicht an die Stadt weisen mag, solche Ausnahmen werden vielfach zugestanden werden können. Eine strikte Befolgung dieser Grundsätze wird sicher mit der Zeit zu einer Verbesserung der sozialen Verhältnisse unserer armen Glaubensgenossen führen. Wenn ich durch diese kurze Betrachtung, der ich weiteste Verbreitung wünsche, eine Anregung für manche bisher in alten Vorurteilen Befangenen gegeben habe, dann ist ihr Zweck erfüllte rÄM Druckkrhirrbrrichtigmig. Der Aufsatz G. Caros mußte gedruckt werden, bevor die Korrektur des Autors eintraf. Es ist zu lesen S. 244. Sp. 1 Zeile 24 von unten „über den modernen Kapitalismus", statt über die Ent» stehung des Kapitalismus. S. 245 Sp. 1 Zeile 33 ist „mehr" zu streichen. S. 245 Sp. 2 Zeile 1 „Wie der Einfluß" statt „Wie die des Einflusses". S, 245 Sp. 3 Zeile 23 „Phantasterei" statt „Phantastereien". Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Beranlwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.