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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-02 · Heft 22 (2.6.1911) · p. Seite 263

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 22 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
Seite 263 (sequence 11)
Language
German
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hinneigend zu den Niedrigen, stolz gegenüber den Großen, dankbar für jede empfangene Wohltat, nicht eingebildet auf sein Verdienst, und doch bewußt seines Wertes. Ein Geistesarbeiter, ernsten Dingen hingegeben und doch empfänglich für eichten Scherz und die Annehmlichkeiten des Daseins, kein verwöhntes Kind des Glücks, und doch oder vielleicht gerade deshalb dankbar für jedes Lächeln der Freude. Ein Diener der Freiheit, selbständig denkend in religiösen Dingen und doch trotz alles Ungemachs, das ihm die Frommen bereiten, nie neigend zum Extrem, ein wirklicher Menschenfreund, aber ohne jeden Humanitätsdusel, so erscheint dieser tapfere edle Mann in seinen Briefen. Sie verdienen ein Erbauungsbuch zu werden für Deutsche jedes Glaubens und jedes Standes. Wir vor allem haben Grund, uns Lessings zu> freuen, der einer der ersten Kämpfer für die Würdigung der Juden und des Judentums war. Möchte die neue hübsche Auswahl dazu beitragen, die Briefe in den weitesten Kreisen zu verbreiten. Leim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsäni. XVII. frommen achurim zogen sich verstört hinter die Tür zurück. Josef Pollak schloß die Augen und würgte an etwas, als ob er ersticken müßte. Schmule Amster wischte sich die Stirne und blickte auf die gemalte Decke empor. Zrile Redner murmelte einen Psalm und blinzelte dabei mit einem Auge auf Esterchen; doch nur mit einem Auge, wobei er fürchterliche Gewissensbisse hatte'. Liweitzer vergaßen alle. Lange setzte man die Belebungsversuche fort, bis das junge Mädchen das Bewußtsein erlangte. Langsam öffnete sie die Augen und schaute mit müdem Blicke rings um sich. Ihr Auge wurde zusehends größer. Es war erschreckend anzusehen, wie es sich vor innerlichem Entsetzen, das erst nur als Argwohn in ihr erwachte, immer mehr weitete und dehnte. Dann setzte sie sich mit einem plötzlichen Ruck ganz aufrecht, blickte auf das Holzgerüst und ein fürchterlicher Schrei entrang sich ihrer Brust. Markerschütternd war dieser Aufschrei und die Frauen entsetzten sich davor — sie glaubten, daß das arme Kind wahnsinnig geworden sei. Sie aber schaute nur unausgesetzt das schwarze Traggerüst an, auf welchem Liweitzer mit großgeöffneten Augen dalag. Sie blickten einander an. Mit schwachem Glanze begann sich Liweitzers. Auge zu klären, gleich wie sich zur Winterszeit die Eisblumen von den Fensterscheiben schmelzen. Dann setzte er sich, leise wimmernd, auf, schaute verwirrt, noch immer verständnislos auf die Esterchen umringende Gruppe. Endlich zuckte es um seine Lippen, als ob diese lächeln wollten. „Die Schechine," stammelte er leise und sank auf die Kissen zurück. Esterchen aber nestelte mit zitternden Fingern ihre vorne geöffnete Bluse zusammen und brennende Röte übergoß ihr bleiches Gesicht. Ihr Körper erzitterte, ihre Zähne stießen aneinander, als sie sich mit einem Aechzen, welches dem Klagerufe eines Vögelchens glich, aufrichtete und ihr Köpfchen an die Brust der Mutter schmiegte. „Gehen wir," flehte sie leise stammelnd. . Die Frauen entfernten sich. In Zrile Redners Kehle blieb der Psalm .stecken.. , „ „Du," wandte er sich mit frommer Indignation an Josef Pollak, „hast Du vielleicht etwas gesehen? Du.hast die Äugen fest zusammengedrückt." Josef Pollak protestierte. „Na, jetzt könnte man den Kranken in sein Bett hineinlegen." Sie legten ihn sachte hinein und Liweitzer fiel m ruhigenerquickenden Schlaf. Josef Pollak trug die Decken zu Tante November zurück, die bei den Resten des gestrigen Mittagessens ebenso trauerte, wie Marius an den Trümniern Karthagos. - „Na," fragte sie, „man hat ihn hinweggetragen?" „Weg ja," antwortete Josef Pollak. „Und man glaubt, daß ihm jetzt besser werden wird?" „Ja, das glaubt man." „Und wie ist dort die Luft, Joßele?" „Wie sie ist? Wie soll sie denn sein?" „Nun, penetrant soll sie sein. Wenn sie nicht penetrant ist, so ist sie nichts wert. Sie meinen, weil Eschkeles reich ist, dckß sein Haus ein Himmelreich sei." Das bleibt ja wahr: Nicht jedes reichen Mannes Haus ist ein Himmelreich, vielleicht unter tausenden nicht das zehnte. Das Eschkelesffche Haus aber war ruhig, friedlich und von einer so sonnigen Helle, daß schon der bloße Aufenthalt darin für den Kranken eine Linderung war und es jedenfalls so angenehm fand, wie das Himmelreich, welches schließlich den großen Nachteil besitzt, das es uns erst nach dem Tode sein goldenes Tor öffnet. Wie sich Tante November das Himmelreich dachte, ist uns unbekannt; dagegen ist es sicher, daß Liwe tzer, der in seiner Kindheit nur die notdürftigste Armut zur Amme hatte und den, als er heranwuchs, die dürre Hand des Elends von Scholle zu Scholle geführt hatte, sich das Himmelreich nur so vorstellte: so paradiesisch hell, so geräuschlos still, wo man nur die milden Bewegungen der Engelsstügel hört und von dem Hellen Glanz, der von den weißen Engelsgesichtern strahlt, bezaubert wird. Wenn er allein war, vernahm er diese leise sunNnende Engelsmusik und selbst, wenn er die Augen schloß, sah er den weißen Engelsglanz. Von seinem Hirn wich der entsetzliche Druck und es wurde ihm so leicht um die Seele, als ob die geheimen Feuermächte Gottes die in ihr wohnende eisige Verzweiflung zu lenzesfroher Freiheit geschmolzen hätten. Die Zukunft sah er nicht, er suchte auch nicht ihren ungebahnten Weg. Was geschehen würde, wenn er gesundet, um das kümmerte er sich nicht. Er dachte an nichts anderes, als an den Augenblick, der soeben in Regenbogenfarben vor ihm lächelte und dessen Verschwinden er gar nicht wahrnahm-' denn der darauffolgende war ebenso lächelnd regenbogenfarben, als jener, der auf Sonnenrädern enteilte. Diese mein anderschmelzenden Augenblicke 'waren die Momente der Liebe. Jetzt wußte er es. . Er liebte. Ebenso wie der Schneidergeselle liebt, oder der Tischler, oder der Bauernbursche. Es ist eine ungebührliche Sache, eine verbotene Sache, unwürdig dessen, der sein Leben dem heiligen Wissenschaften geweiht hat. Noch nie hatte er eine Frau mit' dem Finger berührt, noch nie eine mit Blicken, in Gedanken geliebkost; sabbatliche Jungfräulichkeit war in seiner'Seele und siehe, jetzt bestürmten ihn innere Regungen, und er hatte' in den ersten Tagen ein beschämendes Gefühl, als ob er. den

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