Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-02 · Heft 22 (2.6.1911) · p. Seite 262

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 22 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
Seite 262 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228984--67518-3279739
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

damals vorliegenden Gesetzentwurf und tat dar, daß die Forderungen der liberalen Partei durch den Entwurf keineswegs verwirklicht waren. Er sprach , dann über die praktische Durchführung einer Emanzipation, berührte spöttisch die Speisegesetze als vermeintlichen Hinderungsgrund wirklicher Gleichstellung und meinte launig, so lange Rothschild in Frankfurt glänzende Diners 'veranstalte, an welchen die ganze hohe Diplomatie lebendigen Anteil nehme, könnten die separatistischen Bestimmungen einen Verkehr zwischen Juden und Christen nicht hindern., Er führte ferner aus, daß die Juden vielleicht die Sehnsucht hätten, nach Jahrtausenden in ein ideales Jerusalem zurückzukehren, daß sie augenblicklich jedoch nach Zion kein Verlangen, trügen. Erschloß mit dem Gedanken, jeder Redner und Gesetzgeber sei von dem Bestreben erfüllt, den Standpunkt des Rechtes zu wahren. Seine Darlegungen gipfelten in den Worten: „Und von diesem Standpunkte aus möchte ich nur das Recht vindizieren, einen Ausspruch womöglich für alle Folgezeit realisiert zu sehen, zu dem sich der größte Monarch bekannt hat, der bis , 1786 auf dem preußischen Thron saß, nämlich Friedrich der Große. Wenn er auch von späteren Ministern verdunkelt worden ist, von Ministern wie Wöllner, und verdunkelt werden wird von anderen, die ihm gefolgt sind oder folgen werden — so soll doch immer der erhabene Spruch als das würdigste Exempel preußischer Negentenweisheit in Wirksamkeit bleiben: „In meinen Staaten kann jeder nach, seiner Fasson selig werden." Lrttings Lrieke." Von Ludwig Geiger. er sich und seinen Freunden eine wirkliche Fruede bereiten will, der greife zu diesem Buch. Es klingt ja wie ein Märchen, aber es ist wahr: seit 160 Jahren ist eine Ausgabe von Lessings Briefen an verschiedene Korrespondenten überhaupt nicht separat erschienen, sondern nur als Bestandteil großer Ausgaben der Werke, wie der sogenannten Hempelschen, von Redlich veranstaltet und der neubearbeiteten Lachmann - Maltzahnschen, herausgegeben von F. Muncker. Der einzige Briefwechsel mit Eva König ist gesondert ediert worden. Nun haben wir eine hübsche Auswahl, enthaltend 160 Briefe. Diese Briefe sind teils an Familie, Vater, Mutter, Schwester, Brüderbesonders Karl Gotthelf, den eifrigsten Korrespondenten des großen Bruders, Eva König,, Elise Reimarus, aber auch an die Freunde: Gleim, Nicolai, Ramler, Mendelssohn gerichtet. An den letzteren sind nur sieben Briefe ausgenommen, eine ziemlich geringe Zahl, wenn man sie , mit den zwölf an Nicolai und mit den dreizehn an Gleim abgedruckten vergleicht. Indessen muß /man sich daran erinnern, daß viele Briefe an Mendelssohn nur eigentlich die Briefform haben, in Wirklichkeit philosophisch-ästhetische Abhandlungen sind. Die Briefe Lessings sind in dreifacher Beziehung von hohem Wert. Erstens, sie sind trefflich geschrieben, zweitens, sie sind inhaltreich, drittens, sie sind von großer Bedeutung für die Erkenntnis des Menschen. Erstens: trefflich geschrieben! Nicht etwa, daß sie durch Eleganz bestechen, noch durch irgendwelche sichtbare Kunst überraschen, sondern gerade das .Einfach-natürliche, das „Schreibe wie du sprichst", der unmittelbare Ausdruck des Gefühls, der Empfindung, macht diese Briese zu einer so angenehmen Lektüre. 0 Lessings Briefe, In Auswahl herausgegeben voy,, Julius Petersen. Erschienen im Jnsel-Berlag, Leipzig 1911. Preis 2 Mark- Zweitens: .sie. sind inhaltreich! Lessing war kein Briefschreiber wie etwa Goethe, der ein förmlichesBureau unterhielt, oder , wie Heine, der den Zusammenhang mit den verschiedensten Menschen als notwendig betrachtete, sich gern in Positur setzte, jedem, seiner Korrespondenten anders zu erscheinen suchte, wie es diesem gerade gemäß war, oder gar wie Börne, der die Unterhaltung mit seiner Jeanette als Lebensaufgabe betrachtete und es als Notwendigkeit für sich ansah, von jedem auch dem kleinsten Vorfall die Geliebte zu unterrichten. Lessing war so wenig ein Briefschreiber, ' daß er seine Freunde durch sein Schweigen manchmal zur Verzweiflung brachte, ja, daß er einmal brer Monate verstreichen ließ, ohne seiner Braut ein Lebenszeichen,zu geben. Und doch, aus diesen Briefen, wie sie auch in dieser Auswahl vorliegen, kann man die Verhältnisse seines, Lebens/ sein Tun und sein Denken deutlich erkennen: seine Jugendkämpfe, seine prekäre Stellung in Berlin, seine Wirksamkeit in Hamburg, sein Elend in Wolsenbüttel, unterbrochen von manchen Lichtblicken, die sich durch die Aussichten für Mannheim, Wien usw. zeigten, seine Reise nach Italien, die ihm doch keineswegs das wurde, was sie etwa Goethe ward, sein kurzes Eheglück und die Miseren, die diesem folgten. Die Briefe über den Verlust der Frau und des Kindes gehören durch ihre Knappheit und- Sachlichkeit zu dem Erschütterndsten, was die deutsche Briefliteratur kennt. Auch sein geistiges Streben - wird in den Briefen behandelt. Bemerkungen über seine dichterischen, besonders dramatischen Werke, Hinweise auf seine gelehrte und amtliche Tätigkeit, Eingehen ans die Werke seiner Freunde und Gegner finden sich vielfach. Drittens: Aber das Wichtigste in diesen Briefen ist doch, daß Lessing, der Mensch, darin zum Wärt kommt; der Mensch in seiner Freude und in seiner Qual, in seiner Herbigkeit und Hingebung, der Freund und der Liebende, auch der Mann, der zu schelten und zu hassen verstand. Man mag es ewig bedauern, daß-zu den Persönlichkeiten, die Lessing nicht liebte, auch, Goethe gehörte, daß über, Götz von Berlichingen, über Werther, über das Pamphlet gegen Wieland sich wenig erfreuliche Worte in Lessings Briefen finden. Es waren eben nicht bloß zwei verschiedene Naturen, sondern zwei Zeitalters in denen diese beiden großen Männer lebten, und Man mag bedauern, daß das Mittel der Verständigung zwischen beiden gefehlt. " ' - Aber wenn Lessing jemanden schätzte, wie verstand er es da Freund zu , sein. Wie hat er. die Kleinen gefördert, un d die Gleichstehenden gekrästigt. Wie weiß erEbert, Ramler, Nicolai zu loben, und auch bei allerGüte zu tadeln, wie versteht er es, den schüchternen Mendelssohn zur Schriftstellerei zuzwingen,-!den Arbeitenden zu fördern und wie gern freut er sich der Anerkennung des Mannes, den er als einen'der/urteilsfähigsten mit schönen Worten preist. Gerade und aufrecht erscheint dieser'Marin auch den Hohen/gegenüber' auch seinen Fürsten-/c die ihn freilich schlecht genug behandelt hatten, * weiß' er ordentlich die Meinung zu sagen und schilt nicht etwa bloß hinter ihrem Rücken. Und trotz alles Schlimmen, was diesem'EdteU und Wackeren in der Welt begegnet, wird er kein Pessimist, sondern verliert nicht Lust und Freud? am Leben. Aber er ist nicht so erhaben, daß er in einer anderen Welt §u leben scheint, sondern er zeigt — und das macht ihn uns doppelt wert — auch kleine Menschlichkeiten. Dieser fleißige Gelehrte hat nicht bloß seine Momente, sondern auch Monate, in denen er nichts oder wenig , tut, auch dieser Priester der.Vernunft hofft wie ein unvernünftiger Tor ständig auf einen Lotteriegewinn und gibt weit mehr, als seine dürftigen Verhältnisse erlauben, für Lotteriespiel^ aus. Ein prächtiger Mensch mit allen Vorzügen und manchen kleinen Fehlern, aufrecht, wahrhaft, liebreich sich .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.