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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-02 · Heft 22 (2.6.1911) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 22 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
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den Juden hat, nicht.erschüttern lassen, trotz des merkwürdigen - Verhaltens gewisser reicher und in Prominenter Stellung be-rs findlicher „Glaubensgenossen". In Madrid lebt solch ein wahrer Jude. Als man mich in Madrid an ihn wies, als an einen Mann, der mir über die Verhältnisse der heutigen Juden in Spanien wertvolle Aufschlüsse geben könnte, dasagte man mir: „Das ist ein Mann, ber praktisches Judentum betreibt."; Jose de I. Faxache empfing mich sehr liebenswürdig. Ein. vornehm aussehender und hochgebildeter Mann, durchaus,; modern und mit dem Selbstbewußtsein, das der Jude, der. zugleich englischer Untertan ist — Herr Farache ist aus. Gibraltar —, zur Schau tragen kann. * Von Beruf ist Herr Farache Kaufmann — er handelt mit Bergwerksprodukten. In seinen Mußestunden ist er Gelehrter —s' vor allem auch jüdischer Gelehrter. An Pulidos großem Werke , über die Juden Spaniens hat er mitgearbeitet. Aus seiner' Feder stammen zwei Uebersetzungen: Die „Hastara von Tischa Beaw" und „Keter Malchut" von Salomon Ben Gabriol.. Erstere Broschüre ist nicht, nur wegen ihrer tadellosen Sprache in elegantestem Neukastilisch erwähnenswert: es ist das erste, von einem Juden über ein rein jüdisch-theologisches Themas edierte Buch, das seit 1492 in Spanien gedruckt und öffentlich > verkauft wurde. Deshalb erregte dieses kleine nur wenige' Blätter starke Büchelchen in den interessierten — nicht jüdischen — Kreisen einiges Aufsehen. Die Juden interessieren sich mehr' für den neuesten pikanten Roman, vielleicht gar für Stiergefechte. Herr Farache hat sich bemüht, die einigen hundert Juden, darunter viele ausländische, auch deutsche, zu einer Gemeinde zu vereinigen, ohne jedes Resultat. Die Juden Madrids haben,; keine Synagoge, keine Gelegenheit, rituelle Vorschriften zu,, befolgen, keinen Gottesacker. . Sie werden entweder auf dem, protestantischen oder auf dem Zivilkirchhofe begraben, , ohne^ jede Zeremonie. Im Hause eines Bankiers, Herrn Salzedo, findet alljährlicham Jom Kippur — nur an. diesem einen Tage — nach sephardischem Ritus eine Art Gottesdienst statt, den Herr Farache zelebriert. Seit dreißig Jahren findet dieser Gottesdienst statt, aber mit schmerzlichem Lächeln versicherte mir.- Herr Farache, daß er glücklich sei, wenn er während des Morgengottesdienstes an diesem Tage für eine Stunde Minjan zusammenbekomme ... Das ist das religiöse Leben der Juden in Madrid. Herr Farache hat weder Mühe noch Kosten gescheut, um die Indolenz wachzurütteln, aber, wie er mir resigniert mitteilte, vergeblich. Und unter den Juden sind reiche Leute, für die es eine^ Kleinigkeit wäre, für ein bescheidenes Gotteshaus Sorge' zu tragen. - - Besser, liegen dje Verhältnisse in Sevilla. Dort .existiert bereits seit dem Jahre 1866 eine kleine jüdische Gemeinde mit einer Synagoge und einem Rabbinrr, der zugleich Mohel und > Schochet ist, so daß die Strenggläubigen .auch die Möglichkeit haben, Koscherfleisch zu erhalten. .? Sonst ist in ganz Spanien .von einer religiösen Gemein-" schaft oder einer Stätte für Gottesdienst nichts bekannt. Ausgenommen ist natürlich das englische Gibraltar. Dieses besitzt f sogar vier Synagogen und einen Chiefrabbi, einen alten marokkanischen Talmudisten der orthodoxen Schule, ein be-? deutender Kenner hebräischen Schrifttums, aber weltabgewandt und modernen Einflüssen unzugänglich. Spanien ist entjudet — auch in religiöser Beziehung..i Die alten prachtvollen Synagogen, wurden niedergebrannt, u zerstört oder in Kirchen verwandelt. Mit Feuer — in buchstäblichstem Sinne — wurden alle Wurzeln ausgebrannt, aus ' denen noch neues Keimen jüdischewLebens zu befürchten war. Um so mehr wäre es Pflicht der wenigen, die noch am Glauben und der Lehre ihrer Väter anhangen, in ihrem Bestreben, sich zu gemeinsamer Gottesverehrung zu sammeln, durch tätige Beihilfe Unterstützung angedeihen zu lasten. Die Zeiten der Inquisition sind endgültig vorüber — auch in Spanien. Dieses Land, das nicht durch Paßzwang noch sonstige mittelalterliche Verordnungen und deren will- ... kürliche Auslegung — wie dies in Rußland der Fall ist — den Fremdenverkehr erschwert, hat zweifellos eine Zukunft, wieder eine Zukunft, zu der es seine Lage, sein teilweise wundervolles Klima, seine Naturschönheiten, seine Bodenschätze berechtigen. Das, was dem Lande lange gefehlt hat, war intellektuelle Weltanschauung, modernes Denken. Das beginnt aber auch in Spanien. Wissenschaftlich wird bereits sehr tüchtiges geleistet, für Kunst hatte man besonders in Spanien ja viel übrig, und nichts hindert, daß aus dem Schutt und aus den Ruinen, in die ein finsterer Fanatismus Spanien und nicht zuletzt auch besten Geistesleben gelegt haben, neues Leben erblühen werde. Man ruft die Juden zur Mithilfe, nicht zum geringsten aus historischen Motiven. Ob sie bfefe Mithilfe gewähren? Anfänge lasten sich konstatieren: an Eisenbahnen und anderen Zivilisationsfaktoren-sind Juden bereits beteiligt. Kenner versichern, daß seitdem die Eisenbahnen, die früher in einem sehr schlechten Rufe standen, sich gebessert haben, ebenso der Verkehr. Auch für das Judentum in Spanien wird dann vielleicht eine bessere Zeit kommen. Herrn Faraches Seufzer, daß „Spanien kein Land für gläubige Juden mehr sei", wird vielleicht noch an Berechtigung verlieren, jedenfalls ihm zur größten Freude-. Auf die aber, die sich ihres Judentums schämen, wird man in Spanien eben genau so verzichten lernen wie anderswo. Man braucht sie nicht. Aber es wäre nett von all diesen Herren und Damen, wenn sie auch in anderer Richtung die Leute immer vergessen machen würden, daß sie Juden sind. Was - bedauerlicherweise nicht immer der Fall ist. Georg o. Vinckes Nrdr über den christlichen Stsst. V^^n dem Leitartikel von Nr. 20 wurde auf die Rede \ Vinckes im VereinigtenPreußischen Landtage hingewiesen. Sie wurde in der Sitzung vom 14. Juni 1847 gehalten. (Für das Folgende bediene ich mich des Werkes „Vollständige Verhandlungen des Ersten Vereinigten.Preußischen Landtages über die Emanzipationsfrage der Juden." Berlin 1847, Verlag von A. Hosmann & Comp. 2, 102 ff.) Eine ziemliche Anzahl Redner, die meist auf seiten der Juden standen, hatte bereits das Wort ergriffen; unmittelbar vor Vincke hatte ein Herr v. Mylius gesprochen. Dieser erklärte sich gegen die Emanzipation, weil die Juden viel weniger eine religiöse als eine nationale Gemeinschaft seien, und wollte nicht gelten lassen, daß, wie manche Redner hervorgehoben hätten, andere Völker, z. B. das englische und das französische, sonderlich gute Erfahrungen mit der Juden-Emanzipation gemacht hätten. Darauf ergriff Vincke das Wort und sprach: „Ich kann dem letzten Redner nicht beitreten. Es haben sich über den Gegenstand so viele vortreffliche Redner vernehmen lassen' wie vergleichungsweise an einem und demselben Morgen noch nicht

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