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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-02 · Heft 22 (2.6.1911) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 22 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
Seite 259 (sequence 7)
Language
German
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Uebereinstimmung mit Vogelstein, der in seinem mir bekannten Gutachten für Stettin ganz denselben Anschauungen Ausdruck gegeben. hat.. Keineswegs liegt in meinen Ausführungen der 'Gedanke, daß den Hinterbliebenen der religiöse Beistand versagt werden solle. Nur habe ich ausdrücklich betont, daß alles bei hem Beisetzungsakte permieden werden solle, was den Anschein erwecken könnte, als ob die Feuerbestattung vom jüdischreligiösen Standpunkt gestattet wäre. Denn ich habe die Feuerbestattung im Hinblick auf die in den maßgebenden Religionsquellen des Judentums, herrschenden Anschauungen als .unzulässig erklärt und nicht, wie Vogelstein behauptet, aus Äm einen Grunde, weil die Erdbestattung als uralter Brauch gilt.' Wo findet sich in meinem Aussatze der Satz, gegen den Vogelstein kämpft und den er mir, weil Porges ihn aufgestellt, ebenfalls zuschreibt, daß eine seit den ältesten Zeiten herrschende'Sitte den gleichen. Respekt wie eine religionsgesetzliche Vorschrift zu beanspruchen hat? Vogelstein vermag es nicht .einzusehen, warum die Feuerbestattung das fromme Gefühl verletzen und religionswidrig sein soll, weil er eben nur den einen.Grund gegen dieselbe in Betracht.zieht, daß die Erdbeftattung uralter Brauch ist und gar nicht daraus eingeht, daß sie sich als allgemeine Regel, ja als Norm herausgebildet hat und in der rabbinischen Zeit religionsgesetzliche .Kraft hatte. — Die Feuerbestattung aber ist unzulässig, weil die. prophetische Anschauung (Amos 2, 1) dagegen spricht, und weil jede Verletzung einer Leiche religionsgesetzlich verboten ist. Höchste Pietät ist ihr gegenüber geboten, und vor jeder Entehrung und Entwürdigung soll sie bewahrt werden. Würden die Angehörigen eines Verstorbenen, die nur dem feierlichen Akte im Krematorium vor der Verbrennung beiwohnen, auch bei dem Prozesse selber anwesend sein und die Handhabung am- Feuerherde, das Zusammenfegen der Asche usw. sehen, so müßte sie ebenso wie die zu solcher Handhabung bestimmten Personen Entsetzen erfüllen, wie unwürdig mit dem Körper eines Menschen durch Menschen umgegangen wird und es fühlen, daß solche Handhabung eine arge Verletzung des religiösen Gefühles ist. Denn so wie der Mensch kein Recht zur Selbstverstümmelung, zur Selbstschwächung und zum Selbstmord hat, so hat er auch kein Recht anzuordnen, daß man seinen toten Körper verletze, beschädige und entwürdige. Ebensowenig hat irgendein Mensch das Recht, solche Entwürdigung dem Körper seines Nebenmenschen anzutun. Denn der Körper ist nach religiöser Anschauung von,, dem höchsten Wesen dem Menschen zur Erfüllung der höchsten menschlichen Pflichten überlassen und muß, sobald er nach, .depr Tode diese . Aufgabe nicht mehr erfüllen kann, unverletzt dem All zurückerstattet werden. . Hiernach kann , die Anschauung desjenigen, der die Feuerbestattung als religiös unzulässig erklärt, nicht als starres Festhalten an dem Ueberkommenen, als starrer Formalismus bezeichnet werden, und der Vergleich mit der orthodoxen Anschauung über Unzulässigkeit jeder Neuerung und Veränderung im Gottesdienste, wie Einführung deutscher Gebete usw. ist hier gar nicht am Platze. . Ob die Propheten, wenn sie heute lebten, über die Leichenverbrennung milder urteilen würden, weil die Anschauungen sich geändert, und sehr angesehene Personen, Männer in hohen Stellungen sich durch Feuer bestatten, lassen, ist. mir sehr zweifelhaft. Die Propheten haben ja bekanntlich ihre Anschauungen nicht nach den wechselnden Ansichten der in höchsten Stellungen befindlichen Männer eingerichtet und umgeformt, sondern .furchtlos der Welt gegenüber ihre höchsten Wahrheiten vertreten. Haben wir die Frage zu beantworten, wie denken die Propheten über Leichenverbrennung, so haben wir doch nicht zu erwägen, wie würden sie, heute lebend, darüber sich äußern, sondern wie haben sie einst gedacht. Bei obiger Annahme müßten wir gar viele Religionsgesetze, die auch den Liberalen als solche gelten, deshalb für wertlos halten oder als Bräuche ansehen, weil Männer in angesehenen Stellungen sie ihren Ansichten gemäß nickt mehr beobachten, um ja nicht in. den Verruf sklavischer Nachahmer der Vergangenheit zu kommen, oder als Gegner der leben bigen Fortentwicklung zu gelten. — Vogelstein erklärt die Prepaganda für Feuerbestattung für religiös unzulässig, und eine solche ist nach seiner Meinung noch in keinem jüdischen Blatte unternommen worden. Unabsichtlich konnten die Ausführungen Mahbaums als Propaganda wirken, besonders weil er die Leichenverbrennung im Altertum als edlere Art der Beisetzung hingestellt hat. Deshalb habe ich, um falschen Ansichten vorzubeugen, meinen ersten Aufsatz geschrieben und das Gegenteil ebenso wie Porges nachgewiesen. Die Juden und Spornen. Von B. Schidlof. II. ^Nachdruck verböte,0 ie Geschichte der vergewaltigten Tochter des Grafen Julian ist nicht beglaubigt; historische Tatsache aber ist, daß die Söhne des von Roderich ermordeten Königs Witiza, unter ihnen Graf Julian, die Araber nach Spanien brachten. In der denkwürdigen Schlacht bei leres de la Frontera (19. bis .'25. Juli 711) verlor Roderich Thron, Land und Leben. Die Mauren kamen ins Land; Gleichberechtigung der Juden und damit begann die glänzendste Blütezeit Spaniens. Sie dauerte, bis der letzte Jude aus Spanien vertrieben war. Mit ihm auch der gute Geist des Landes. Die Weltgeschichte, dieses Menetekel, beweist es. Die gelehrten Spanier sind nicht verschlossen gegen die Mahnungen der Geschichte. Sie wissen, was Spanien den Juden verdankte und was es an ihnen verloren hat. Sie wissen, was vor allem — man lasse doch einmal die wirtschaftlichen Vorteile außer Acht — was Spaniens geistiges Leben den Juden zu danken hatte. Deshalb mögen die Finsterlinge die Juden nicht. In keinem Lande. Deshalb haben die Finsterlinge die Juden vertrieben, denn sie brauchen die Dummheit. Wo aber Juden frei und ungehindert leben, da ist auch Aufklärung, geistige Helle. - Die tut not in Spanien, besonders heute, wo es schon in vielen Köpfen dämmert. Spanien wird da sehr unterschätzt. Die Zahl der Gebildeten in diesem Lande ist größer als man annimmt, und die starke freiheitliche Strömung geht auch von den oberen Kreisen aus. Sie ist auch lebhaft unter der gebildeten Geistlichkeit, von der ein Teil äußerlich antiliberal scheint, weit sie muß, innerlich aber vielen Reformen sehr geneigt ist. Um des Vaterlandes willen, das Reformen braucht, soll es nicht gänzlich zugrunde gehen. Darum ist es nicht verzeihlich, wenn die Juden, die etwas in Spanien erreichen könnten — die Gelegenheit und die Stimmung dafür ist eine vorzügliche —, sich abseits stellen. Es ist das umso trauriger, weil die christlichen Geister Spaniens, die heute den Juden die freundliche Hand entgegenstrecken, mit unwilligem Erstaunen sehen müssen, daß die andere Seite achtlos und interesselos daran vorübergeht. Einige Ausnahmen gibt es. Die sind es, die noch immer die hohe Meinung, die man in den führenden Kreisen von

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