Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 2. Juni 19!I 75. Jahrgang: Nr. 22 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner 9r. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, [Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung ' erscheint wöchentlich. A könne ments-preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebspellen) bezogen vierteljähr ich 3 JTI. Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung de» Judentums", Berlin SW:, Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. . Verlag von - Rudolf rnosse, Berlin. UnftAlt Das Wochenfest unb sein Buch Rnth. Von Rabbiner LßNVUll. Dr. M. Salomonski-Jranksurt a. O. — Die Woche. — Dr: Philipp Bloch. — Orüanisatiottsentwurf — und kein Ende. Von Landgerichtsrat Loewe-Berlin. — - Zur Frage der Feuerbestattung. Eine Erwiderung von Silberftein-Schwerin. — Die Juden in Spanien. Von I. Schidlos. — Georg v. Vinckes Rede über dei^ christlichen Staat. — Lessiugs Briefe. Bon Ludwig Geiger. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. — Druckfehlerberichtigung. Der Gemeindeböte (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen- Königshütte, Stettin, Seesen am Harz, Wien, — Bon Nah und Fern. Dss Wochenkelt und lein Luch Luth. Von Rabbiner Dr. M. Salomonski-Frankfurt a. O. on den fünf sogenannten „Rollen" der Bibel ist dasg Buch Ruth nach alter Sitte: dem Wochenfest zugeteilt^ weil in ihm die Schönheit der Erntezeit, deren Wiederkehr ja Schabuoth auch feiert, zu lebendigem Ausdruck gebracht ist. Dieser überlieferte' Brauch wird denen Anlaß zum Nachdenken geben, die sich in die noch unbearbeitete geistige Symmetrie von Wochen- und Prophetenabschnitt vertieft haben und wissen, daß in der Wahl der Haftaroth keine Willkür herrscht, sondern oft ganz eigenartige Uebereinstimmung mit der Sidra. Nun ist zwar Ruth kein Prophetentext, und auch als Megiüah betrachtet zeigt unser Büchlein sich anders als seine vier Schwestern. Denn während Esther und Echa biblische Vertreter ihrer Festideen sind. Hoheslied und Koheleth im lyrischen oder philosophischen Gewände die Gedanken der Frühlings- und Herbstwallfahrt allegorisieren, zeigt sich Ru t h gar nicht verwandt mit Schabuoth. Denn daß dieses Idyll zur Zeit der Ernte spielt, kann als Merkmal der Uebereinstimmung mit dem Wochenfest ernstlich nicht verwertet werden. Aber dennoch gehören beide zusammen, und dem Manne, der den Dekalog und die. Novelle aus dem Landleben als ebenbürtigen Gedankenstoff zuerst empfohlen, müßte aufrichtig gedankt werden. Oder bessert Man sollte ihm gerecht werden und versuchen, seine unausgesprochenen Absichten durch eine Vergleichung der Lektüre zu verstehen und dann zu beherzigen. Die Welt der Religion im Großen und im Kleinen wird l uns nämlich hier geosfenbart. /Darum auch die unterschiedliche | Korm, ja kontrastierende Gewandung! — Die Verkündigung des sinaitischen Gesetzes und das Schauspiel der Vorgänge am Berge wirken auf den Leser zwar sehr stark, überaus lebendig, so daß er sich als Zeuge des Ereignisses fühlen kann. Dennoch tvird eines hemmend empfunden, was eben durch die Wucht der Darstellung sich erklärt: Der Befehlston ohne Milderung durch ein ruhigeres Gleichmaß, sanfterennicht ängstigenden Fluß der Gedanken und Worte. Und weil es der prägnanten Kürze des Zehn Wortes nicht möglich ist, das ganze Arbeitsfeld der Religion zu furchen — dies beweisen die anderen ethisch gesetzlichen Teile des Pentateuch, in erster Reihe das 19. Kapitel des dritten Buchs mit seiner Erziehung zur Heiligkeit —, so empfiehlt sich als höchste und fruchtbare | Belehrung neben dem Gesetz in Paragraphenform eine r Schilderung religiösen Lebens in vorbildlicher Art, jedem be- I greiflich durch schlichte und rührende Gestaltung. - > Das erreicht unser Buch Ruth. Denn hier gibt es kein „Du sollst" und „Du darfst nimmermehr", nein in friedlicher .Fassung, in geruhiger Weise wie eine sanfte Musik ziehen afi - uns vorüber und in uns ein freundlich anheimelnde Zu ge echten Menschentums und geben uns das Wesentliche der [.Religio die Erweckung und Bildung wahrer Herzensgüte, die ,ja uns allen im Keime anhaftet. Die vier Kapitel sind ein kostbarer Mikrokosmos des fi Judentumsder freilich nur dem Genießenden voll erscheint, | aber auch noch bei der Willkür, die jeder Würdigung Be-1 gleiter. ist, hell Lusleuchtet. Die Tragödie in Moab nämlich, fl Idem Lande des ungestörten Lebensgenuffes, zur Zeit da Israel Hungers schmachtet, gilt der allein verschonten Noomi selbst /schon als Strafe für die Abkehr von Volk und Gott zu schwerer Stunde — und ist auch von den Alten ähnlich gebeutet worden. Ihr Gatte und die beiden Söhne sterben . nämlich deshalb, weil sie anstatt zu helfen, was. sie kraft ihres Vermögens gekonnt, der Not der Stammesgenoffen aus dem Wege gehen, ihrem Land und damit auch ihrem Gott den Rücken. kehren. Hier winkt ein. deutlicher Hinweis auf das -zweite Gebot! Der Eifervolles den sie verlassen, sucht Elimelech und die mitschuldigen Söhne heim, begabt aber und erfüllt mit tausendfältiger Liebe die fromme Noomi. Und nun das erhabenste! Dieses Liebeswalten zeigt sich befreit von den beengenden Banden des Familientums. Es. ist keine instinktive Neigung Blutsverwandter, sondern wird dargebracht und erwidert auf der Basis reiner Nächstenliebe, hervorgerufen durch die so verständliche Gemeinschaft des Leides. Das 'Samenkorn „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", von den Vernünftigen immer so erklärt: Schenke jedem, der Deinen Lebenspfad betritt, einen Funken des Mitgesühls, hat Hier Wurzel geschlagen und treibt Blüten. . Zwei Frauen fremden Stammes finden sich zur Lebensgemeinschaft zusammen, Moabs Kind verbindet sich mit Judas- Tochter, um unter dem Schutze der in Israel geltenden Armen- und FremdeNliebe zu weilen. Wie schön öerwöben erglänzen hier jdie Vorschriften über -das Anrecht der Dürftigen und Fremden .' auf '■ den Ertrag der Einheimischen und Be sitzenden mit dem im vierten - Gebot angedeuteten gleichen Recht aller, der Männer . und Frauen. Die - Ausländerin Ruth darf aus