Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-26 · Heft 21 (26.5.1911) · p. Seite 251

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228983--67502-3279722
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

251 — trommelt er auf ihr herum? Aber das ist noch nichts. Erst jetzt kommtdie richtige Komödie. Ernimmt eine Trompetehervor und legt ihm sie aus das Herz. Na, denk' ich mir, kannst lange warten, bis Dir das Herz trompeten wird. Er hat auch warten können, nicht einen Ton Hab' ich gehört. Jener Schwindler schüttelt nur den Kopf; dann nimmt er wieder etwas hervor und steckt es ihm in die Achselhöhle. Wissen Sie, was er gemacht hat? Er hat seine Wärme gemessen. Also haben Sie schon so etwas gehört? Dann hat er die Medizin verschrieben und hat gesagt, daß ich ihm aus den Kopf Eisumschläge geben soll. Im Winter! Und er hat gesagt, ich soll ihm einen frischen Bettüberzug geben. Im Winter! Und er hat gesagt, daß ich das Fenster ausmachen soll. Im Winter! Na, ich Hab' ihm aber auch meine Meinung gesagt. Er ist auch erschrocken und er hat sich aussöhnen wollen, denn wie er schon auf der Schwelle war, hat er mir zurückgerufen: „Lüsten, Frau, lüften! Nicht im tausendsten Hause ist solch' ein penetranter Geruch." „Das hat er gesagt?" „Ja, ich soll leben. Penetrant hat er gesagt; ich Hab' mir's gemerkt. Nun, das ist wahr, daß ich viel auf Reinlichkeit gebe,^und wenn die Luft nicht wohlriechend ist, so kann ich gar nicht in ihr leben. Ich Hab' den penetranten Geruch sehr gern und wenn man diesen irgendwo findet, so ist es bei mir. Wer mir Gutes gönnt, soll immer in solcher Luft leben." „Nun, und haben Sie die Fenster geöffnet?" „Gott behüte! Damit ich die gute Luft hinauslassen soll?" „Aber der Kranke?" „Der Kranke braucht keine Luft. Wissen Sie, was der Kranke braucht? Der Kranke braucht gute Hühnersuppe und zarten, weichen Hühnerbraten und eingesottenes Obst und guten Wein. Das braucht der Kranke und Holz braucht er, damit man ihm gut einheizen kann." So sprach sie bei Eschkeles und so sprach sie auch anderswo, und die wohltätigen Seelen sandten gute Hühnersuppen, Hühnerbraten, Eingesottenes, guten Wein und auch Holz. Und Tante November setzte sich an das Bett des Kranken, und sie aß die Fleischsuppen und den Braten mit. den eingekochten Früchten und sie trank dazu den guten Wein und ließ dabei dicke Zähren auf ihren Teller fallen. . „Mein armes, krankes Lämmchen ... Du liegst nun da, wie ein Stück Holz und issest nicht. Und Tante' November muß essen, damit die vielen teuren Speisen nicht zugrunde gehen." So ging dies drei Wochen lang. Als der Doktor sah, daß es mit der Besserung noch immer nicht vorwärts gehe, begab er sich zum Rabbi und erklärte ihm, daß er für den Kranken keine Verantwortung übernehmen könne, wenn man ihn weiter in jener ungesunden Höhle ließe. Der Rabbi erschrak, beschied Eibisch und Eschkeles zu sich und redete diesen zu Herzen, sie möchten doch etwas für den armen Kranken tun. Eschkeles wußte alsbald guten Rat. „Wissen Sie was, Nebbe, schicke man ihn zu mir. Ich habe neben dem Zimmer meines Vaters eine unbenutzte Stube mit großen, hellen Fenstern; dort können wir ihn unterbringen. Für das übrige wird schon der liebe Gott sorgen." Der Rabbi entsandte sechs ^stämmige Bachurim, damit sie den kranken Liweitzer zu Eschkeles hinübertragen sollten. Eschkeles aber eilte nach Hause, um das Zimmer in Ordnung bringen zu lassen. „Wir bekommen einen Gast," sagte er zur Frau. „Wen?" „Liweitzer. Sein jetziges Quartier ist für keinen Kranken geeignet, deshalb lasse ich ihn herbringen." Esterchen, die mit irgendeiner Handarbeit beschäftigt war, stieß einen leisen Schrei aus. „Was ist Dir?" wandte sich erschrocken die Mutter zu ihr hin. „Nichts," stammelte. Esterchen totenbleich, „ich habe mich nur gestochen." „Nun, lege nur die Stickerei beiseite, mein Kind. Man muß das Zimmer in Ordnung bringen, damit es schön sauber und behaglich warm sei, wenn man den Kranken herbringt. Gleich werde ich auch mithelfen und schicke auch die Dienstmagd, wenn sie Zeit dazu hat. Nun, gehe schon!" Esterchen preßt die Hände auf die Brust, und der verhaltene Schrecken machte ihre Stimme heiser, als sie fragte: „Ich?" „Du! Du!" lächelte ihre Mutter. Esterchen wankte hinaus. Wunderliche Gefühle beklommen ihr Herz. „Ach, wie gut wäre es, sich zu verstecken, sich äuszuweinen, wo es keiner sehen könnte." Seitdem sie ihn krank wußte, kam ihr Liweitzer gar oft in den Sinn und nur der liebe Gott weiß, was sie in dieser Zeit dachte und empfand. Und jetzt bringen sie ihn her. Und sie soll ihm das Krankenlager weich betten. Allein sie konnte sich nirgends verstecken, und sie konnte sich nirgends ausweinen. Sie mußte gehorchen, und sie ging in das Zimmer, das von nun an Liweitzers Zimmer sein sollte. Später kam auch ihre Mutter und Schwägerin herein. Das Wohltun mit Kranken ist keine gewöhnliche Guttat, daran wollte jeder teilnehmen. Binnen einer halben Stunde waren sie fertig. Das Zimmer erglänzte in Sauberkeit und Licht. Frau Eschkeles verbrannte auf glühendenlKohlenfeuer wohlriechende Kräuter, und Gitl stellte einige Blumentöpfe ins Fenster. Alles war in Ordnung, als die Studenten mit dem Kranken kamen. In der Gemeinde gab es keine Tragbahre, mittels Wagen konnte man ihn nicht hierherbefördern, also brachten sie ihn auf Sankt Michaels Roß, jenem Holzgerüst, welches zum Transportieren der Toten dient. (Sie wußten zwar nicht, daß jenes Holzpferd das Roß eines christlichen Heiligen sei.) Der Zug war sehr traurig und Frau Eschkeles bekam aus Mitgefühl bei diesem Anblick einen Stich ins Herz, während sich Gitls Augen mit Tränen füllten. Kein Wunder, daß Esterchen, die schwächste unter ihnen, leichenblaß wurde. Man brachte den Kranken herein. Esterchen wollte entfliehen, doch es war ihr, als ob ihre Füße in dem Fußboden festgewurzelt wären. Die Studenten stellten das schwarze, leiterartige Gerüst wortlos in die Mitte des Zimmers und begannen von dem Kranken langsam, behutsam die vielen Decken herunterzuschälen. Die beiden Frauen halfen mit. Als unter den Decken Liweitzers Gleiche Stirne sichtbar wurde, griff Esterchen mit lautem Wehrufe nach ihrem Herzen und brach zusammen. Aengstliche Verwirrung entstand hierauf in der kleinen Gruppe. Frau Eschkeles warf sich aus ihre Tochter und Gitl rang die Hände. „Wasser! Essig!" schrie man durcheinander. Ein Student lief in die Küche nach Wasser, ein zweiter nach Essig, der dritte alarmierte die Familie. In vier bis fünf Minuten waren alle beisammen. „Na, na," beruhigte Eschkeles seine Gattin, „es wird ihr gleich besser sein. Die Aermste hatte ein schwaches Herz. Sie kann den Anblick eines Kranken nicht ertragen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.