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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-26 · Heft 21 (26.5.1911) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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dieser konstituierenden Sitzung im Zeichen der Versöhnung, der Eintracht und des Verlangens nach gemeinsamer Arbeit. Dies kam besonders dadurch zum Ausdruck, daß zum erstenmal einem Aschkenasi Sitz und Stimme im Zentralkonsistorium eingeräumt wurde. Daß die Wahl hierbei auf die umsichtige und opferfreudige Person des Präsidenten der aschkenasischen Gemeinde, Herrn Henry G. Reisner gefallen ist, darf als besonders glücklich bezeichnet werden. Und mit Recht konnte der Chachambaschi in der Begrüßungsrede bei der Eröffnung der-Sitzung seiner Ueberzeugung Ausdruck geben: „daß, einmal im Hafen angelangt, der Sturm nunmehr ruhen und auf die vielen Kämpfe jetzt die Arbeit folgen wird!" Sir Juden und Spanien. Von I. Schidlof. l. (Nachdruck verböte».) er Niedergang Spaniens — der intellektuelle ebenso, wie der wirtschaftliche — datiert von der Vertreibung der Juden aus Spanien durch das Edikt vom März 1492. Das ist eine historische Tatsache, und diese Tatsache, daß mit den Juden zugleich der gute Geist Spanien verlassen hat, mag Juden und Judenfeinde zum Nachdenken anregen. Juden wieder ins Land zu ziehen, wurde wiederholt versucht .und von vernünftigen und patriotisch gesinnten Politikern angeregt. Die Lockungen blieben bis in jüngster Zeit vergeblich. Spanien, ein Land, das durch seine geographische Lage, sein Klima, seine Bodenschätze bedeutende Erwerbsmöglichkeiteu bietet, vermochte auf den immer so sehr betonten Erwerbssinn der Juden keine solche Anziehungskraft auszuüben, um sie zu einer Ansiedlung auf der pyrenäischen Halbinsel zu veranlassen. Die Ursache dieser Reserviertheit, dieser Abneigung zu erforschen, mag eine dankbare Aufgabe eines Völkerpsychologen sein. Er mag konstatieren, weshalb sich Juden in ihnen verbotenen Distrikten Rußlands aufhalten und, trotz der ständig drohenden Ausweisung und unter der Knute russischer Polizeiwillkür, am Wohnsitz so lange es nur geht festklammern, aber nicht nach dem viel schöneren Spanien gehen. Daß Tausende und aber Tausende von Juden im Osten unter ständiger Angst für Hab und Gut, Leib und Leben ausharreu, ohne auch nur den Versuch zu machen, ob sie durch eine Einwanderung in Spanien nicht ihre Lage doch verbessern könnten. Vielleicht sind die Juden doch mehr Russen, als ihre Gegner ihnen zugestehen, sind die unter einem drakonisch gehandhabten Fremdengesetz leidenden Juden doch mehr Rumänen, als es die Patentpatrioten gestatten wollen, und dieses Anklammern an die Heimat mag die Ursache sein, weshalb die Immigration Spaniens durch die/Juden trotz der 1869 publizierten Religionsfreiheit nicht erfolgt. Lieber ganz auswanderu, weit übers Meer — in Europa aber will man der 'Heimat treu bleiben. Gewiß, es mag auch andere Gründe geben. Merkwürdig bleibt es aber doch, daß die über die ganze Erde zerstreute Judenheit vor den Toren Spaniens Halt macht, trotz guter Erwerbsaussichten. Ganz judenrein ist Spanien allerdings nicht, und ein .echter Antisemit, der jeden Tropfen jüdischen Blutes verabscheut, dürfte nicht nach Spanien gehen. Das spanische Volk < ist in dieser Beziehung sehr, gemischt, und jüdisches Blut findet sich bis in die allerhöchsten Kreise, das-Königshaus nicht ausgenommen. Jüdisches Blut und maurisches Blut. Es gibt aber auch wirkliche Juden in Spanien, die der Konfession nach Juden sind und einige — sehr wenige — die es auch den: Glauben nach sind. Die Gesamtzahl beträgt nach ungefährer Schätzung 2500, Sepharden und Aschkenazim. Eine genaue Statistik läßt sich nicht seststellen, denn die meisten leben den Spaniern vollständig assiiniliert und sind in religiöser Beziehung derart indifferent, daß man aus etwaigen religiösen Handlungen ihre Zugehörigkeit zum Judentum nicht erkennen kann. Dabei gibt es unter ihnen Persönlichkeiten/in ganz hervorragenden Stellungen, und bei den letzten Corteswahlen wurde ein Jude in die Volksvertretung gewählt. Ein Jude in Spanien Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft! Seit 1492 ein unmöglich gewesenes Ereignis! Die jüdischen Blätter aller Länder nahmen mit Freude und Genugtuung davon Notiz. Auch die Juden in-Spanien. Sie erwarteten mit Recht, daß der neue Parlamentarier für die Interessen seiner Glaubensgenossen etwas übrig haben könnte. Er denkt garnicht daran. Das einzig gute ist, daß er sich gleich klar darüber aussprach und es ganz kurz ablehnte, irgend etwas für die Juden zu tun. Dabei ist der Herr — er ist Vertreter des ersten jüdischen Bankhauses der Welt — sehr reich und von großem Einfluß. Er wird übrigens 'wohl kaum mehr lange Jude bleiben, trotzdem die jüdische Presse freudig mitgrteilt hat, er sei — im Gegensatz zu seinem Onkel, der katholischer Geistlicher geworden war und als Beichtvater einer für die Geschicke ihres Landes verhängnisvoll gewesenen Herrscherin eine interessante Rolle gespielt hat — ein glaubenstreuer Jude. So viel steht fest: seine Schwester wurde katholisch, um einen Herzog zu heiraten, sein Bruder wurde katholisch und ist ein eifriger Anhänger der Klerikalen, der alljährlich aristokratische Wallfahrten nach Rom arrangiert, und er selbst, zwar noch Jude, lehnt es ab, in irgendeiner Form sich öffentlich als solcher zu bekennen und für seine Glaubensbrüder zu wirken. In Spanien gibt es Juden. Da ist der Direktor eines großen Verkehrsunternehmens. Vor wenigen Monaten ließ er sich taufen. Als man ihn fragte, aus welchem Grunde er die Religion seiner Väter verlassen habe, sagte er ernsthaft: „Ich war so trostbedürstig! —-" Die Spanier mögen aber die getauften Juden nicht. Sie sind ihnen gegenüber mißtrauisch, wie sie vor Jahrhunderten den aus Opportunitätsgründen Christen gewordenen Juden auch nicht trauten. Damals aber war das Entsetzen vor Folterkammer und Scheiterhaufen sicherlich ein Entschuldigungsgruud. Drohten diese nicht. in grauenhafter Nähe und Deutlichkeit, so blieb man seinem Glauben treu. Heute hat man solche Dings nicht zu fürchten — in Spanien weniger, wie anderswo. Deshalb sieht man in diesem Lande keine rechte Ursache, weshalb ein Jude nicht Jude bleiben sollte — oder man sieht die Ursache und wendet sich verächtlich ab. In Madrid lebt eine Familie — Eltern und sechs Kinder — die kürzlich sämtlich zum Katholizismus übertraten. Die Folge war beinahe ein gesellschaftlicher Boykott — trotzdem die Leute sehr reich sind. So denkt man augenblicklich in Spanien. Nicht als ob die Spanier ihre Tradition verleugneten und mit einem Male große-Judenfreunde geworden wären; aber noch weniger sind sie Freunde der getauften Juden. Doch es gibt, auch Judenfreunde in Spanien, wohl den wenigen Juden — ich meine wahren Juden — die in diesem Lande leben. Diese Judensreunde sind hervorragende Gelehrte und bedeutende katholische Geistliche. Vor allem Kenner der jüdischen Geschichte, des jüdischen Glaubens, des jüdischen Wesens.

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