Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Am 24. Januar 1909 wurde Rabbi Nahum mit überwältigender Majorität zum Chachambaschi gewählt und knapp drei Monate :* später durch ein kaiserliches Jrade als Oberhaupt der jüdischen Nation (mil'let) bestätigt — nicht ohne freilich, daß in der Zwischenzeit Intrigen zum Zweck einer Annullierung der^ Wahl beim Justizminister im Gange waren, so daß allein durch energische Vorstellungen seitens der jüdischen Deputierten sowie des Konsistoriums selbst beim damaliges Großvesir Halil Pascha die Erledigung der Sache herbeigeführt werden konnte. IV. ' : - - Groß waren die Hoffnungen. In seiner Eidesleistung; schwor Rabbi Haim Nahum „der großen jüdischen Nation treu zu sein und bis zum letzten Atemzuge zu arbeiten an der Erhöhung der Ehre des jüdischen Namens". Und anläßlich der kaiserlichen Investierung des Erwählten schrieb in einem begreiflichen Ueberschwang der Gefühle eine große Zeitung: „Man kann die Bedeutung dieser historischen Tatsache nicht - leicht überschätzen. Nicht mehr und nicht weniger als ein letzter Rest der einstigen völkischen Selbständigkeit liegt darin> beschlossen. Kein anderes Land der Welt als die Türkei gesteht uns so viele autonome Rechte zu und so weitgehende' Anerkennung als nationale Körperschaft. Der Chachambaschi ist ein. wahrhaftiger Fürst in Israel, ein allerletzter Abglanz der alten Königsherrlichkeit. Er ist vor Staat und Herrscher das wirkliche Oberhaupt unserer Nation, wie der ökomenische Patriarch das der griechischen . . . Rabbi Haim Nahum mag wissen, daß die Nation, die ihn heute zu seiner Berufung beglückwünscht. Außerordentliches von ihm erwartet. Niemand' kann in seinen Ernst und seinen heiligen Willen, die er heute' an geweihter Stätte vor der Bundeslade und den Vertretern seines Volkes in bewegten Worten bekundete, einen Zweiseb setzen. Wir wollen ihm wünschen, daß seine Kräfte das Vertrauen von Millionen nicht enttäuschen mögen . . ." Aber schon beim geringsten Versuch, etwas Positives zu leisten, stieß man auf schier unüberwindliche Schwierigkeiten^ Schwierigkeiten, die teils in den alten Verhältnissen ihre Wurzeln hatten, teils durch die neugeschaffene Situation sich unheimlich auftürmten. Als sich die Aschkenasim-Gemeinde nach Proklamierung der Konstitution neu konstituierte, fanden sich bei Uebergabe der Kasse an den neuen Vorstand 35 V2 Piaster Silber, fünf Mark und 34 Pfennig als Bareigentum der aschkenasischen Kultu^gemeinde vor. Und die Gemeindeverwaltung, der Sephardim besaß überhaupt weder eine Buchführung noch Bücher, noch eine Bücherkontrolle! Nun stand dem Konsistorium nur eine einzige Einnahmequelle zur Verfügung: die Fleischsteuer oder die sogenannte Gabella, welche in einer Höhe von rund 12 Pfennig pro Kilogramm erhöben wurde. Allein mit der Befreiung der Türkei vom alten Regime schien auch diese Einnahmequelle der Gemeinde versiegen zu wollen. Die Fleischer erklärten sich gleichfalls für frei — frei von der Bezahlung der Fleischsteuer. Freiheit und Anarchie werden ja oft miteinander verwechselt. Und hier bedeutete in der Tat die Einstellung der Gabellaentrichtung die anarchische Auflösung der Gemeindeorganisation. Denn man mag über die Fleischsteuer denken wie über jede indirekte Steuer und sie gerade in diesem Fall als eine ungerechte Belastung besonders des armen Konsumenten verwerfen; vor der gesetzlichen Einführung einer neuen Gemeindeordnung und eines besseren Systems der Kultussteuer mußte an ihr festgehalten werden. Es galt also nicht allein in das Kastenwesen Ordnung, sondern auch in die Kassen Geld zu bringen. * Mit einer erfreulichen rücksichtslosen Energie ging Rabbi Nahum an die Erfüllung dieser Aufgabe. Die Fleischer streikten, - so untersagte er den Schächtern/Mr sie zu schlachten und hielt als Gemeindeschlächtereien diejenigen Betriebe offen, lvtzlche die Gabella bezahlten. Die Streikenden verübten Gewalttätigkeiten gegen die.„streikbrechenden" Fleischbänke — darauf ließ er Schutzmilitär requirieren und machte die renitenten Metzger kirre. Diese veranstalteten darauf eine Protestmanife^tation vor dem Großvesirat. Der Chachambaschi ließ sich aber dadurch wenig imponieren und sorgte für eine wuchtige Gegenkundgebung. Die Aufsäßigen gaben zuletzt klein bei, ohne .selbst der Gnade, von den Rückständen aus der Streikzeit befreit zu bleiben, teilhaftig zu werden. Noch freilich tobte der Kampf um das Großrabbinat. Besonders in Jerusalem schlug die Erregung hohe Wellen, wo der sephardische Oberrabbiner auf Befehl von Konstantinopel abgesetzt werden und ein anderer an deffenstatt treten mußte. Zur Beruhigung der Gemüter und zur Stärkung seines Einflusses unternahm daher Rabbi Haim Nahum im Anfang des Jahres 1910 eine auf mehrere Monate berechnete Pastoralreise nach dem Heiligen Lande sowie den anderen größeren Städten, mit deren Bevölkerung in persönliche Berührung zu kommen, ihm angemessen zu sein schien. - Nach Konstantinopel zurückgekehrt, wollte nun endlich der Chachambaschi an die Ausführung des von ihm verheißenen und von allen Seiten längst erwarteten Reformwerkes herantreten. Den Anfang glaubte .er mit einer Aenderung des Wahlrechts zum Redjless umumi machen zu müssen, in dessen Zusammensetzung er mit Recht den Grund aller Nebel erblickte. An Stelle der lebenslänglichen Amtsdauer, wie sie vom alten Gesetz vorgesehen war, wurde auf seinen Vorschlag hin eine bloß "zehn Jahre währende Amtsperiode des Medjless utnumi eingeführt, wobei jede zwei Jahre ein Fünftel der Mitgliederzahl ausscheiden und durch Neuwahl ersetzt werden sollte. Hatte< dieser Reformplan unverkennbar seine Berechtigung, so erscheint mir doch eine weitere vom Chachambaschi am bestehenden Wahlmodus vorgenommene Aenderung keines- , wegs glücklich und dem Fortschritt dienend gewesen zu sein- Das ursprünglich. ganz auf demokratischer Basis sich aufbauende allgemeine und gleiche Wahlrecht würde durch ein etwas stark verklauseliertes Pluralwahlrecht ersetzt. So sollte beispielsweise Chasköi, ein rund' 20000 Juden, im wesentlichen Arbeiter, umfassendes Konstantinopeler Stadtviertel, statt der bisher entsandten 20 Delegierten fortan nur sechs Vertreter in beii Medjless ummui schicken, während umgekehrt Galaja und Pera, wo die Zahl der jüdischen Bewohner ungefähr die gleiche ist, 30 Abgeordnete zu delegieren hätten. Diese Neuordnung des Wahlrechts verfehlte nicht die größte Erregung hervörzurufen. Es setzte ein heftiger Kampf ein, der nahezu 3/4 Jahr dauerte und alle Kräfte der Gemeinde lahmlegte. Von .den.vielen Hoffnungen, die man sich anläßlich der Wahl des jugendlichen Rabbi Haim Nahum gemacht hatte, konnten somit nur wenige in Erfüllung gehen. Man erwartete die Gründung von Schulen und die Abschaffung der kläglichen Privatschadasim (der sogenannten maestros), man versprach sich Verbesserungen aus dem Gebiet des Armenwesens der Kleingemeinden,, vor allem rechnete man mit einer energischen Bekämpfung des in Konstantinopel überaus stark florierenden Mädchenhandels. Allein von dem ist die ganze Zeit über so gut wie nichts geschehen. Endlich kamen doch die Wahlen zustande, und am 2. April trat die neue Medjüss umumi zusammen, der gleich zur Wahl be§ Medjliss djesmani schritt. Da zeigte es sich nun, daß die Kämpfe doch nicht ganz vergeblich waren. Alles stand bei