Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
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245 Vornherein darauf verzichtet, historische Entwicklung zur Darstellung zu bringen, seinen Zweck vollständig erfüllt haben bei Hinweglassen des dritten Abschnitts, der erklären soll, „wie jüdisches Wesen entstand", ohne aus die gesamte äußere und innere Geschichte der Juden auch nur in ihren Hauptmomenten einzugehen. Länger schon als Die Naturwissenschaften strebt die Geschichte nach genetischem Verständnis der Erscheinungen, und fest genug find ihre Methoden ausgebildet, um, wenn auch noch nicht das - Ziel ganz zu erreichen, so doch das trügerische, jedweden Versuchs durchschauen zu lehren, ihm auf anderem 'Wege näher zu kommen, als auf dem einer gewissenhaften Erforschung der Entwicklungsstadien oder der Zwischenstufen, in denen die Entwicklung verlaufen ist. Ost genug hat man zur Lösung schwieriger Fragen die Nückschlußmethode angewandt. Zustände der Gegenwart oder einer nahen Vergangenheit werden, gegebenenfalls mit einigen ziemlich willkürlichen Modifikationen, um ein bis zwei Jahrtausende zurück in die Urzeit übertragen unter der Begründung, daß an so grundlegenden Verhältnissen sich nichts geändert Haben, könne. Ein berüchtigtes Beispiel bietet die Feldgemeinschaft <mü) in Rußland, die als urslawische Eigentümlichkeit galt, bis nachgewiesen wurde, daß sie im Mittelalter noch nicht vorhanden war, sondern erst später entstanden ist. Der logische Fehler, den die Nückschlußmethode sichzuschulden kommen läßt, liegt auf der Hand. Das von ihr vorausgesetzte Beharrungsvermögen existiert schlechterdings nicht mehr, weder bei Institutionen, noch der den Menschen, die sie geschaffen haben. Ans Rückschlüssen beruht nun auch die Rassentheorie oder die Auffassung volklicher Eigenart als bedingt durch die Abstammug in ihrer Anwendung auf die Juden. „Die Konstanz des jüdischen Wesens muß als Bindeglied dienen zwischen den Juden der Gegenwart und den Israeliten, die mit Moses durch die Wüste zogen." An den einen beobachtete Eigentümlichkeiten sollen auch für die anderen gelten und für sämtliche Generationen, die mittlerweile gelebt haben. Einen so wunderbaren Stillstand der Entwicklung zu beweisen, vermögen begreiflicherweise die von Sombart dargelegten Momente keineswegs, zumal höchst einseitig ist, was er über den „Reichtum" der Juden und „die auffallende Gleichheit ihrer wirschaftlichen Tätigkeit zu allen Zeiten" vorbringt. Um die Lücken der Beweisführung für die angebliche Unveränderlichkeit auszufüllen, wird von den Nassentheoretikern die exakte Naturwissenschaft herangezogen, die dem Angriff einer „zersetzenden" Kritik mit unfehlbaren; Axiomen entgegentreten würde, — wenn sie solche bereits gewonnen hätte. Indessen Sombart selbst bezeichnet sehr mit; Recht den „Unfug", der „mit der Lang-Schädel - Kurz-Schädel^- theorie getrieben worden ist und immer gelegentlich noch getrieben wird" als „geradezu unerhört"; denn: „Wir müssen frank und frei bekennen: über den Zusammenhang zwischen bestimmten somalischen (anthropologischen) . Merkmalen und dem psychischen Gehaben des Menschen — als Einzelwesen und somit auch als Gruppentyp — wissen wir schlechthin nichts." Die Beziehungen zwischen der Form der Nase und der Geistesrichtung Des Menschen sind ebensowenig „wissenschaftlich" erforscht wie die des Einflusses der Gestirnkonstellation auf sein Schicksal, sondern Sache des Glaubens. Mythologischen Charakter tragen ja überhaupt die jüdischen Rassenmerkmale,' die trotz ihrer „Dauerhaftigkeit" im Mittelalter noch kaum beachtet worden sind, weil sonst die Kirche nicht nötig gehabt hätte, den Ungläubigen das Tragen eines besonderen Abzeichens vor- .zuschreiben, um sie von den gläubigen Christen zu unterscheiden. Später sprach man etwa von dem Kainszeichen, das den Mördern Christi ausgeprägt sei? Die Entdeckung einer Physischen Ursache blieb der neuesten Zeit Vorbehalten, obgleich das „Rassenmerkmal", das lange als besonders kennzeichnend galt, nämlich der üble Geruch, seit genügender Anwendung von Wasser und Seife spurlos verschwunden ist. Ob Sombarts neuer Mythos von dem Gegensatz des Wald- und Wüstenmenschen, aus dem der Kapitalismus hervorgegangen sei, Anhänger finden wird, mag dahingestellt bleiben. Immerhin muß es als bedauerlich angesehen werden, daß ein auf solider Basis beruhendes Werk in unfruchtbare Phantastereien auslänst. Genügt doch zur Erklärung der jüdischen Eigenart vollauf die Religion in der Gestalt, wie sie im Orient ausgebildet, durch den Talmud nach dessen Abschluß den Juden des Westens überliefert wurde. Bon Geschlecht zu Geschlecht, durch sorgfältigen Unterricht der Jugend eingeprägt, hat die mosaische Lehre alles Denken und Fühlen ihrer Bekenner maßgebend bestimmt. So fest pflegt das vernunftgemäße Systenr in den Gemütern derer zu wurzeln, die es einmal ersaßt haben, daß selbst diejenigen, die aus äußeren Gründen ihm untreu geworden sind, samt ihren Nachkommen seinen Einflüssen sich nicht . entziehen können. Sombart war daher berechtigt, die zahlreichen „Scheinchristen" älterer und neuerer Zeit den Juden beizurechnen. Anderseits aber hätte ihn die Erkenntnis von der Bedeutung der Religion für das Wollen und Handeln ihrer Anhänger vor der falschen Begriffsbestimmung bewahren sollen, die ' er an die Spitze seines Werkes gestellt hat. Die Juden in ihrer Gesamtheit bilden nicht ein Volk, „das sich zum mosaischen Glauben bekennt"; denn zu einem Volke im modernen Sinne des Wortes fehlt ihnen nicht nur die geographische, politische, sprachliche und kulturelle Einheit, sondern es kann auch von einer gemeinsamen Abstammung gar keine Rede sein. Das einstmalige Volk Israel hat vor alters eine unberechenbar große Zahl Pröselyten in sich ausgenommen. mit denen es zu einer Religionsgemeinschaft verschmolzen ist. Indem nun die mosaische Lehre auch Beobachtunggewisser äußerer Vorschriften verlangte, unterschieden sich überall die Juden von ihren Nachbarn, und besonders, scharf ausgeprägt wurde die Trennung in christlichen Ländern, wo die herrschende Religion mit Hilfe des von ihr ab- : hängigen Staats Andersgläubige ihre Macht fühlen ließ. So Ähaben die Inden, durch die Religion abgesondert von der übrigen Bevölkerung, eine eigene soziale Klasse gebildet und bilden es noch heute, je nach dem Grad der Bedeutung, den abie Religion für Staat und Gesellschaft gewahrt hat. Daß -die Bezeichnungen der Juden als Volk oder Rasse schlechterdings irreführend sind, hätte' Sombart um so eher Ignaz Ruran-a.(18l1—188O.