Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Denn damals wie heute handelte es sich darum, den Ausschluß der j üdischen Staatsbürger von allen oder einzelnen Staatsämtern mit dem Wortlaut und dem Geist der Verfassung in Einklang zu bringen. In diesen Akten des Justizministeriums wartet reiche und lohnende Arbeit auf den Historiographen preußischer Verwaliungsmaximen. Welchen Dank könnte sich der Ministerpräsident verdienen, wenn er das gesamte Material zur Benutzung für einen sachverständigen Forscher freigäbe! Für ihn hätte solche Erlaubnis auch noch ein persönliches Interesse. Sein Großvater, Herr v. Bethmann Hollweg, hat als Kultusminister gleichfalls sein Votum abgegeben. Es darf hier nicht verraten werden, ob der Ahne des fünften Reichskanzlers eine von der Mehrheit seiner Kollegen abweichende Ansicht deponiert hat. Aber wie man auch im Lichte moderner Weltanschauung üler die Neinsager von damals urteilen mag, eines muß anerkannt werden: daß sie ihre Ansichten in der abgeklärtesten Form, mit dem Bestreben, die Materie nach allen Seiten mit Gründlichkeit und Vertiefung zu erörtern, abgegeben haben. In dieser Beziehung könnt n viele Negierenden von heute, die sich mit den in Parlamenten über die staatsrechtliche Behandlung der Juden an sie ergehenden Anfragen auf ihre Art abzufinden suchen, von ihren Amtsvorgängern recht viel lernen Wir alle aber haben den berechtigten Wunsch, urkundlich festgestellt zu sehen, daß ein wegen seiner Weisheit allverehrter Monarch auch in dieser, vor ihrer vollständigen Lösung nie zur Ruhe kommenden Frage mit herzersreuender Unbefangenheit seinen eigenen Standpunkt eingenommen hat. Wilhelm I. war gewiß durch und durch konservativ und ein Mann von streng christlicher Gesinnung. Aber gerade darum ging ihm Gerechtigkeit über alles. Sombsrts Luch über die Juden und daß Wjrtlchskts leben. Von G. Caro. en Zusammenhängen zwischen Religion und Wirtschaftsleben ist, nachdem bereits früher Schmoller in ein^r lehrreichen Abhandlung die volkswirtschaftlichen Ansichten d^x Reformationszeit und der Reformatoren behandelt Hatte, neuerdings besonders eine tiefgreifende Untersuchung von Max Weber nbHr „D'e protestantische Ethik und den Geist des' Kapitalismus" Nachgegangen. Die dort gegebenen Anregungen hat nunmehr Som- ' bart, der Verfasser eines Werkes über die Entstehung des Kapitalismus, das seinerzeit in Fachkreisen zu vielen Erörterungen Anlaß gab, weiter verfolgt, und es ist jedenfalls sehr anerkennenswert, daß er sich die Mühe. nicht hat verdrießen lassen, den Quellen der mosaischen Religion, und zwar außer der Bibel vor allem dem Talmud und auch dem Schulchan äruch, soweit das durch Übersetzungen möglich war, selbständig näher zu treten. So konnte er unfraglich zu einer weitaus zutreffenderen Erkenntnis der jüdischen Anschauungsweise gelangen, als sie sich aus der von polemischen Tendenzen beherrschten christlich-theologischen Literatur gewinnen ließ. Ob freilich alles, was er in dem Abschnitt über „die Bedeutung der jüdischen Religion für das Wirtschaftsleben" vorbringt, der Nachprüfung standhalten wird, mag zweifelhaft sein. Widerspruch gegen mancherlei paradoxe Behauptungen dürfte schwerlich ausbleiben; schließlich sind wohl auch die Punkte, auf die es ihm am meisten ankommt, wie so vieles andere im Talmud kontrovers. Nichts destoweniger hat Sombart den Nachweis geführt, daß im Judentum die Beziehungen zwischen dem religiösen Leben und irdischen Händeln sich ganz anders darstellen als in der christlichen Kirchenlehre des Mittelalters und in der von ihr noch sehr stark beeinflußten Auffassung Luthers, während der Calvinismus in der Gestalt, die er bei den Puritanern Englands und Amerikas annahm, dem Judentum ungleich näher stand. — Das Interesse Cromwells für Menasse ben Israel und die Rückkehr der Juden nach England hatte keineswegs nur „wirtschaftliche" Ursachen. Daß Sombärt ein wenig drastisch die reichtumsfreundliche Gesinnung schildert, die in den jüdischen Religionsschriften hervortritt, sollte nicht gar zu viel Anstoß erregen.' Wenn der Rationalismus oder das vernünftige Denken trotz teilweise sehr starker Gegenströmungen im Judentum Oberwasser behalten hat, so war es wohl nicht gut möglich, die Armut als zur idealen Lebensführung erforderlich hinzustellen, da ihr doch niemand nachstreben kann, der nicht mitsamt seinen Angehörigen in Hunger und Elend verkommen will. Das Streben nach Gewinn durch wirtschaftliches Handeln betrachtet nun aber Sombart als den ^kapitalistischen Geist, der in Deutschland ungefähr seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zur Herrschaft gelangt sei und die neueste Zeit kennzeichnend scheide von der vorangehenden Epoche des Traditionalismus, in der es nicht als Wirtschastszweck galt, Kapitalien anzusammeln, sondern möglichst bequem und mühelos des Lebens Notdurft zu erwerben. Inwieweit diese Ansicht Sombarts zutreffend ist, kann hier nicht des näheren erörtert werden. Hingewiesen sei nur auf die offenbaren Beziehungen zwischen der Anschauung, daß alles Gewinnstreben aus der Schlechtigkeit der menschlichen Natur stamme, und dem christlichen Dogma von der Erbsünde. Historisch betrachtet hat der Traditionalismus niemals das deutsche Wirtschaftsleben stärker beeinflußt als im Zeitalter des Konfessionalismus, während Reformation und Gegenreformation die Gemüter bewegten. Rückgang des oberdeutschen Handels, Ruin der Hansa — und der dreißigjährige Krieg sind die Folgen gewesen. Da zeigte sich denn die Bedeutung des Umstandes, daß die Juden wenigstens vom antikapitalistischen Geist der Zeit nicht, erfaßt waren.. Den Anteil, den sie deswegen „am Aufbau der modernen Bölksnürtschaft" nahmen, hat Sombart in großen Zügen dar-- gÄegE wobei er sich aus eine , recht umfassende Benutzung der sonst nur wenig berücksichtigten Spezialliteratur stützt. Die drei Kapitel, in denen er „die Belebung des internationalen Warenhandels" durch die Juden, ihre Tätigkeit bei „Begründung der modernen Kolonialwirtschaft" und Mitwirkung bei „Begründung des modernen Staats" behandelt, vermögen zwar nicht den Kennern der jüdischen Geschichte, wohl aber weiteren Kreisen wesentlich neues zu bieten; die an den Tatbestand geknüpften Vermutungen sind freilich des öfteren zu weitgehend oder fragwürdig. Aus sehr schwachen Füßen stehen Verdienste um die Entstehung des indossablen Wechsels, der Aktien und anderer Wertpapiere, die Sombart den Juden zuschreiben willl Besser begründet ist wiederum, was er über den „Handel mit Wertpapieren" - ausführt, den sie vor Ausbildung der Börsen und nachher getrieben haben und treiben. „Die Schaffung von Wertpapieren" durch Emissionen und Gründungen und die damit zusammenhängende „Kommerzialisierung der Industrie" gehören eben dem Zeitalter des Kapitalismus an, das herbeizuführen die Juden vollends beitrugen durch „Herausbildung einer kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung". Gerade darüber bringt Sombart sehr lesenswerte Bemerkungen, die von feinem Verständis für die Natur des Handels und seiner Funktionen im Wirtschaftsleben zeugen. Nimmt man die übrigens nicht besonders originellen Erörterungen über die „jüdische Eigenart" hinzu, so würde ein Werk, das, der Gegenwart zugewandt, von