Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-26 · Heft 21 (26.5.1911) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228983--67493-3279713
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der jüdischen Gemeinschaft gesondert hatten, weil die römischen .. Behörden den dogmatischen Unterschied zwischen Juden und Christen nicht berücksichtigten. Um auch Politisch als eine J besondere, von den Juden getrennte Religionsgenossenschaft zu I gelten und nicht in das Verhängnis der Juden hineingezogen > zu werden, gaben nun die Judenchristen die. von ihnen bis 1 dahin beobachteten jüdischen Gesetze auf, nahmen den dog- « matischen Inhalt des Christentums an, wie er sich unter den 1 heidenchristlichen Anschauungen ausgebildet hatte, und stellten zum 8 Beweis ihrer völligen Lossagung vom Judentum einen unfces | schnittenen Bischof an dieSpitzeihrerGemeinde. VondieserZeitan f hörte jede innere Verbindung zwischen Juden und Christen auf. Mutter und Tochter hatten sich für immer voneinander, getrennt. Das Judentum zog sich resigniert in das Lehrhaüs zurück, um nur noch das geistige Erbe der Väter zu pflegen, es als Schutz- und Zufluchtsstätte fürspatere Geschlechter auszubauen, und suchte für die erlittenen Niederlagen Trost und Beruhigung in den Verheißungen einer glücklichen Zukunft. Das Christentum hingegen, bewaffnet mit dem römischen Liktorenbeile, trat seinen Siegeszug durch die Welt an, und glaubte später seine Mission am gewissenhaftesten dadurch zu erfüllen, daß es das vielfach mißverstandene Wort seines Stifters: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde; ich bin nicht gekommen Frieden zu senden, sondern das Schwert" (Matthäi 10, 34) auch gegen die Juden anwendete. Doch nein, nicht auch, sondern und hauptsächlich gegen die Juden! „Die Juden haben unseren Heiland gekreuzigt, sie müssen sterben oder sich zu ihm bekehren," war das wilde Geschrei der entmenschten Kreuzfahrer, die in den Wochen "zwischen Passah und Schabuoth wie wilde Bestien, über die Juden besonders in Deutschland herfielen und weder Kinder noch Greise schonten. Nicht anders lautete das Wort der Verkünder des Christentums unter den Juden in Spanien und Portugal, nicht anders, als infolge des schwarzen Todes die Judenschlächterei wie ein unaufhaltsamer Brand sich durch ganz Deutschland wälzte, und nicht anders, als Bogdan Chmielnicki mit seinen verwildertenHaidamaks die jüdischen^GWUnden in Polen und Litauen verwüstete- Wer erschauert nicht in der Tiefe seiner Seele bei der Erinnerung an die gräßlichen Leiden, die unsere Vorfahren während der Omer-Zeit ausgekostet haben? Wer kann ohne innere Erregung die Namen der vielen jüdischen Märtyrer auszählen, die während der Sephira-Tage lieber in den Tod gingen als ihrem Gott und seinem Gesetz untreu zu werden? In den Synagogen mit altem Ritus ertönt noch heute am Sabbat vor dem Wochenfeste der erschütternde Klageruf: „Die Thora ward zerrissen, verbrannt, zertreten, das geläuterte Gotteswort in Blut geschwemmt. Die das Gesetz beobachteten, wurden verdammt, verachtet, gemartert und erschlagen. Nahe am Feste der Wochen trafen" Ms viele Leiden, und Zerrüttung war in Israel, ü Führe, o Gott, schnell unsere Erlösung herbei, denn deinetwegen lassen wir uns erschlagen." Ja, für Gott und die Thora, das war das Losungswort Israels sowohl in den Tagen nationaler Selbständigkeit als auch in der langen finsteren Nacht des Exils. Es trug die ihm täglich neu erscheinende Väterlehre durch ein Meer von Blut und Tränen, es verteidigte sie über seine Kraft, es liebte sie.und -gab für ihre Verherrlichung freudig sein Leben hin; niemals aber.versuchte es, sie mit Gewalt anderen aufzudrängen, sie durch Feuer und Schwert zu verbreiten. Nicht umsonst haben unsere Weisen der Vorschrift des Omer-Zählens und den Sephira- Tagen eine so hohe Bedeutung beigelegt. Sie erinnern uns an gar große und bedeutsame Ereignisse unserer Geschichte, aus denen wir geläutert und gekräftigt hervorgingen, und mahnen uns, selbst wenn die Stürme des Hasses und der. Verfolgung noch so gewaltig um uns toben, nicht zu verzagen und zu verzweifeln, nicht dem'Feinde. Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern unbeirrt vorwärts zu schreiten, vorwärts dem Licht entgegen, das vom Sinai ausstrahlte, uin die gesamte- Menschheit zu erleuchten und zu beglücken. Die Woche. - Berlin, den 23. Mai. wei Angelegenheiten, von denen in diesen Uebersichten schon die Rede war, , sind in der vergangenen Woche in deutschen parlamentarischen Körperschaften zum vorläufigen Abschluß gelangt. Im Deutschen Reichstag ist — wenigstens.in der Kommission — der Verfassungsentwurf für Elsaß-Lothringen angenommen worden. Was uns speziell an diesem Entwurf interessiert, ist zweierlei: Die Gewährleistung voller Religionsfreiheit und die damit zusammenhängende .Zusicherung, daß die Berechtigung zur' Bekleidung von Staatsämtern. jeder Art unahhängig ist von dem religiösen Bekenntnis. Und ferner die Bestimmung, daß in der ersten Kammer auch ein Vertreter der israelitischen Konsistorien Platz zu nehmen berufen sei. Eine der ersten ähnliche Bestimmung ist freilich den Juden in Preußen schon im Jahre 1812 aus dem Papier gewährt worden, hoffentlich wird sie in den Reichstanden Mehr als eine papierene sein. Dazu ist gute Hoffnung vorhanden, denn das Elsaß besitzt bereits einen jüdischen Landgerichtsdirektor und an der Universität Straßburg sind mehr jüdische Ordinarien angestellt als in sämtlichen deutschen Universitäten zusammen. Die letztere Bestimmung bezeugt eine offizielle Anerkennung der jüdischen Organisationen, wie wir sie in keinem anderen deutschen Staat mehr finden. Denn wenn auch in Preußen gelegentlich einmal ein Jude ins Herrenhaus berufen wurde, so geschah dies der persönlichen Ehrung halber, nicht aber um damit einen Vertreter der Judenheit der hohen Kämmer einzugliedern. : « r . r; Im preußischen Abgeordnetenhause ist nach langen Debatten das,Feuerbestattungsgesetz mit einer sehr kleinen Majorität angenommen worden; das heißt, das Gesetz, welches möglich macht, daß auch in Preußen, wie bisher nur in Gotha, Hamburg und verschiedenen Städten Süd - Deutschlands Leichenverbrennungen stattfinden dürfen. Gar mannigfach ist in diesen Beratungen der religiöse.Wandpunkt geltend gemacht. Von vielen Rednern ist auf Grund der sogenannten christlichen Anschauung die Leichenverbrennung als etwas Unerlaubtes, Irreligiöses hingestellt worden. Die Verteidiger des Entwurfs haben sich mit Recht auf den Standpunkt gestellt, daß durch das neue Gesetz die religiöse Anschauung keines einzigen Menschen angegriffen wird, weil ja keinerlei Zwang stattfinden soll, und daß die Ermöglichung der Leichenverbrennung in, Preußen ausschließlich Rücksicht nimmt auf den nun, einmal in. weiten Kreisen verbreiteten Wunsch, die Leichen teurer Angehörigen nicht dem langen Verwesungsprozeß preiszugeben. Wie. freisinnige und strenggläubige jüdische Theologen diese Frage beurteilen, ist in diesen Blättern mannigfach auseinandergesetzt worden. ' . . . 4r •. :. :•; . ■. ^>Deip '„Deutsch-Israelitische Gemeindebund" schreibt nns?;iSteh Angriffen gegenüber, die einzelne, hyperorthodoxe und zionistische Organe der jüdischen Presse wider die von dem Ausschuß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.