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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-26 · Heft 21 (26.5.1911) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78. Jahrgang Nr. 21 Berlin, 26. Mai 1911 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Vese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Sr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition stnd an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung de» Judentum»", Berlin SW., Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rnosfe, Berlin. Sephirn-Vetrachtung. Von Albert Katz. — Die Woche. Sombarts Bull) über die Juden und das Wirtschaftsleben. Von G. Caro. — Noch einmal der Versassungsentwurf und die Rabbiner. Von Rabbiner Dr. Kalischer. — Jüdisches Geineindeleben in Kvnstantinopel seit der türkischen Revolution. Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. — Die Juden in Spanien. Von I. Schidlof. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilungen. — Büch ereinlaus. Dev Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Rakel, Lissa, Aus der Provinz Posen, Hamburg, Herne, Köln, Karlsruhe, Wien, Warschau. — Von Nab und Fern. Lrphirs-Lktrschtung. Von Albert Kotz. ie Tage zwischen dem Passah- und dem Schabnothfeste, werden sowohl Omerals auch Sephira-Tage genannt. j Beide Bezeichnungen haben ihre Richtigkeit, entstammen dem f Wortlaut einer biblischen Vorschrift, die trotz ihres hohen \ Alters von den Juden der ganzen Welt noch bis auf den l heutigen Tag mehr oder minder beobachtet wird: „Und ihrj sollt zählen vom anderen Tage nach der (Passah) Feier, von dem Tage, da ihr dargebracht das Omer der Schwingung, daß es sieben volle Wochen seien (Levit. 23,15)." Freilich hat diese Vorschrift ihre ursprüngliche Bedeutung längst verloren, ist wie so manche andere für das Israel in der Diaspora illusorisch geworden; allein sie soll und darf aus unserem Gedächtnis nicht schwinden, denn sie spricht zu uns als Zeugin einer großen Vergangenheit, aus der wir Kraft für die Gegenwart und Hoffnung für die Zllkunst schöpfen. Die sieben Wochen zwischen Passah und Schabuoth r erinnern uns zunächst an die zwei bedeutsamsten Ereignisse unserer Geschichte: an die Befreiung aus der geistesumnachtenden Knechtschaft in Aegypten und an die lichtverbreitende Gesetzgebung am Sinai, an jene Gnadenzeit, in der Israel, zum Propheten der Völker ernannt, die Richtlinie für seine spätere Wanderung durch die Geschichte vorgezeichnet $ jj worden ist. Da nach einem Ausspruch der Alteydie MM- / I erobernde Lehre unserer Väter uns an jedem Tage^so neu er- / scheinen soll wie an dem Tage, da wir sie am Sinai erhielten, so müssen wir uns auch an jedem Tage , den VD "in den großen Moment der Offenbarung am Sinai vergegenwärtigen, durch innere Reinigung und gewissenhafte Vorbereitung der uns zuteil gewordenen göttlichen Bevorzugung würdig zeigen. Aus diesem Grunde bezeichnen die Kabbalisten, die unsere Liturgie stark beeinflußt haben, die sieben Wochen zwischen Passah und Schabuoth, an denen jener erhabene Akt der Gesetzgebung am Sinai vor sich gegangen ist, als als sieben Renngungswochen, die wir ebenso wie die einzelnen Tage genau zählen und als Zeit | gehöriger Vorbereitung für das Offenbarungsfest betrachten r und ausnutzen sollen. * Aber auch an traurige historische Ereignisse erinnert uns die Omer-Zeit: an jene tränenreichen Sephira-Tage, an denen I Israel, entsetzlichen Verfolgungen preisgegeben, die Tage und | Wochen seiner Leidenszeit gezählt und, wie ihm einst prophezeit; wurde, am Morgen mit Ungeduld den Abend und am Abend bangenden Herzens den Morgen herbeigewünscht hat. — Von einem dieser traurigen Ereignisse erzählt uns mit wenigen .. Worten der Talmud (Jebamoth 62 d). Er berichtet von einer verheerenden Seuche, die in den Wochen zwischen Passah und!■ Schabuoth in Palästina gewütet und 24 000 Jünger des j Rabbi Akiba hinweggerafft habe. Wahrscheinlich handelt es j ' sich^hier um die von Rabbi Akiba für den Ausstand gegen f Hadrian angeworbenen und angeseuerten jüdischen Krieger, jj die unter der Fahne Bar Kochbas für die Wiedereroberung!. des verlustig gegangenen^ nationalen Bodens gekämpft und ihren Wagemut in der blutigen Schlacht bei Betar mit ihrem Leben bezahlt haben. Es dürfte, nicht ausgeschlossen sein, daß der Talmud für diesen Aufstand und seine blutigen Folgen absichtlich die Bezeichnung „Seuche" gewählt, wie er den? Namen' des tapferen Anführers Bar Kochba in Bar Kosiba; (Lügensohn)umgeschrieben hat, umvielleicht dadurch zu dokumentieren, daß die Mehrzahl der damaligen geistigen Führers in Israel keinen anderen Ausgang dieses Aufstandes, der \ ansteckend wie eine Seuche auf die große Masse des j Volkes gewirkt, erwartet hat. Aus diesem Grunde und, wohl auch aus Angst vor dem erbarmungslosen mächtigen j Feinde, der ohnehin jeden Anlaß benutzt hat, über die j Unterlegenen herzusallen, wurde zur Erinnerung an die Zerj störung Betars keine besondere Trauer vorgeschrieben — mit \ f Ausnahme der einen Anordnung, die Bräute nicht mehr, wie j bisher, in Prachtsäusten in das Haus des Bräutigams zu § tragen. Wie aus einigen midraschischen Berichten zu ersehen ' ist, durfte Israel in jener fürchterlichen Leidenszeit weder seiner Freude über einst erfochtene Siege noch seiner Trauer über erlittene Niederlagen öffentlichen Ausdruck verleihen. Es mußte seine Freude verbergen, seine Trauer unterdrücken, Hoffnung und Verzweiflung in der Tiefe des Herzens vergraben, und konnte nur im geheimen seinen Tränen freien Lauf lassen und mit dem Dichter klagend leise vor sich hin sprechen: „Kein Wunder, kein Zeichen, kein prophetisches Gesicht! Und wenn ich verlange zu schauen, wann das wunderbare Ende kommt, antworten mir die Weissagungen: „Du verlangst zu viel". Die harte hadrianische Verfolgung traf aber nicht bloß die Juden, sondern auch die Judenchristen, vielleicht auch, wie Grätz richtig vermutet, sämtliche Christen, obgleich sie sich von

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