Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 239 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228982--67483-3279702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Und ich Nagymäny!" Es meldeten sich fünfzehn und jeder schenkte Srole Posbenak ein Dorf. In fünf Minuten halten sie seinen Strich zu einem netten kleinen Reich abgerundet. Am Berliner Kongreß hätte man sich mit so etwas monatelang geplagt und während dieser Zeit Hunderttausende verschwendet. In der Jeschiwa zu Nagysöröd hatte man das binnen fünf Minuten erledigt. An dem Lage gab es in Nagysöröd keinen glücklicheren Menschen als Srole Posbenak. Ausgenommen Berele, den der Erfolg in der ersten Nacht der Ausübung seines Amtes über alle Maßen stolz gemacht hatte. Obwohl ihn erst das Morgengrauen nach Hause gebrächt hatte, erhob er sich schon um neun Uhr von seinem Lager, da ihn die Eitelkeit nicht ruhen ließ. Es trieb ihn zu den Nachbarn, zuden Bekannten, nicht um zu prahlen, sondern um deren Lob einzuheimsen. Denn, daß man ihn beloben'würde, das war todsicher. Vergangene Nacht wurde in Nagysöröd kein Diebstahl begangen. Er wurde in seinen Erwartungen nicht getäuscht. Jedermann belobte ihn, sogar Eschkeles auch. „Nun, wissen Sie, ich fürchte mich vor meinem eigenen Schatten nicht." Auf die Belobungen war dies stets seine Antwort. Er war überaus guter Laune, als er um die Mittagszeit heimwärts trabte. Im Vorhinein freute er sich, als er daran dachte, wie stolz Bruchele auf ihn sein würde. (Fortsetzung folgt.) - Litrrsrilchr Mitteilungen. — Nug. Wünsche. Aus Israels Lehrhnllen. Band 3: Kleins Midraschim zur jüdischen Eschatologie und Apokalyptik; Band 4: Kleine Midraschim zur jüdischen Ethik, Buckstaben- und Zählen- Symbolik; Band 5 (erste Hälfte): Der Midrasch Samuel. Alle zum erstenmal ins Deutsche übersetzt, Band 3 durch religionsgeschichtliche Exkurse erläutert. Verlag von Eduard Pfeiffer. Leipzig 1909/1910. Es erübrigt sich, auf das Alter, den Inhalt und den literarischen Wert dieser nun ins Deutsche übertragenen Midraschim näher einzugehen. Den Fachgelehrten sind sie längst bekannt, und das Laienpublikum, für welches die Uebersetzung in erster Reihe bestimmt ist, kann alles Wissenswerte aus der Lektüre des Dargebotenen leicht erfahren und selbst beurteilen. Es sei daher hauptsächlich auf das jedem Bande vorangehende Vorwort des Uebersetzers hingewiesen, das gewissermaßen als eine Art Einleitung in diese Midraschim aufzufassen ist. Dem dritten Band, der die Midraschim zur jüdischen Eschatologie und Apokalyptik enthält, schickt Professor Wünsche folgende instruktive Bemerkung voran: „Die Entstehung der jüdischen Eschatologie und Apokalyptik beginnt schon in der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts, in der talmudischen Zeit liegt der ganze Vorstellungskreis bereits in seinen Grundelementen abgeschlossen vor uns, die eigentliche Ausgestaltung jedoch gehört dem Mittelalter an. der Zeit, wo die Midraschliteratur ihre herrlichen Blüten treibt. Es war eine merkwürdige Zeit, als Eschatologie und Apokalyptik hervortraten. Ein Strom von verschiedenen Diesseits- und Jenseitsvorstellungen durchflutete die Welt und machte seinen Einfluß ebenso auf das Judentum wie auf das Christentum geltend." Recht lehrreich wenn auch nicht neu, sind die Ausführungen des Verfassers über den Ursprung der Eschatologie und Apokalyptik, die er auf Babylon und Assyrien, auf den Parsismus und den Mhtenkreis des Hellenismus zurückführt. „Josephus, Jüdischer Krieg 11, S. 11, bezeugt ausdrücklich, daß bei der. Ausgestaltung der jüdischen Eschatologie auch griechische Vorstellungen mit eingewirkt haben. Die Essäer sollen die. Vermittler gewesen sein." Wie dem aber auch sei, jedenfalls beweisen die in diesen Midraschim enthaltenen Schilderungen, daß deren Verfasser es vorzüglich verstanden, auf die Gemüter durch ihre poetische Gestaltungskraft ebenso erhebend wie erschütternd zu wirken. Für die Charakteristik des jüdischen Volksgeistes ist, - wie Wünsche treffend hervorhebt, die jüdische Eschatologie und Apokalyptik insofern von großer Bedeutung, als in ihr nicht allein die eigenartige metaphysische Welt, welche sich die Phantasie des jüdischen Volkes in den Ghettos durch fortwährende intensive Schriftverfassung geschaffen, zum Ausdruck kommt, sondern auch die ganze Zukunftshoffnung sich spiegelt, welche die Herzen erfüllte und in den leidvollen Zeiten nicht verzagen ließ. Indessen können wir uns nicht mit allen in dieser Sammlung. aufgenommenen Stücken befreunden und deren Uebertragung ins Deutsche gut heißen. Das Gesamtwerk hätte an seinem literarischen Wert keine besondere Einbuße erlitten, wenn z. B. das „Stück über die Brücken" aus dem Sefer Merkabarabba fortgeblieben wäre. Recht störend und zuweilen sinnentstellend wirkt auch die wortgetreue Uebersetzungsweise; vor einer solchen warnt schon der Talmud mit den Worten: \S1D m nn imi^D pioa (Kidduschim 49a). Unter 'TaPfl D^DDH verstehen wir nicht „Schüler der Weisen", sondern Gelehrte, lYTiri heißt ebensowenig „Priester-Thora" wie rWD »die Schmerzen des Messias" und »Rechte der Schätzungen". „fVOn" anstatt -ßpn ,,212N" dürfte wohl ein Druckfehler sein. In noch gesteigertem Maße macht sich das Störende der streugwörtlichen Uebersetzung geltend in dem vierten Band, insbesondere im Midrasch Leolam und Midrasch Gadol und Gedolah, deren ethische Vorschriften und Maximen in der vorliegenden Gestalt an dem Leser häufig wirkungslos vorüberziehen, obgleich sie, wie der Uebersetzer bemerkt, „die Form der Chokmaliteratur in sich^tragen". -- Nur einige dieser Aussprüche in der von Wünsche ihnen gegebenen wortgetreuen Fassung mögen hier folgen. S. 5: „Nimmer ziehe ein Mensch sich vom Erbarmen zurück, selbst wenn man ein gezücktes Schwert vor ihn hinlegt." Der erste Satz muß lauten „Der Mensch zweifle nie an Gottes Erbarmen." S. 8: „Immer betrachte (eig. setze) sich ein Mensch über den Worten der Thora wie einen Ochsen für das Joch und wie einen Esel für die Last".. Verständlicher und darum richtiger wäre: „Der Bensch unterordne sich immer den Worten der Lehre wie der Ochs dem Joche und der Esel der Last." S. 23: „Immer sei der Schrecken der Gesamtheit auf Dir." Das ist weder dem Wort noch dem Sinne nach richtig, für den deutschen Leser aber ganz unverständlich. Gemeint ist damit: „Bewahre Dir stets die nötige Ehrfurcht und Hochachtung vor der Gemeinde." S. 27: „Immer sei die Denkweise (Sinnesart) des Menschen angenehm mit den Menschen." Das ist unverständlich und auch nicht ganz richtig. Die Stelle in Kelhuboth 17 a JnYHSiTDI? nD‘nl?D ist nicht von 21J7 angenehm, lieblich abzuleiten, sondern von 2^1? mengen, mischen, sich in Verkehr setzen. Der Satz muß also lauten: Des Menschen Denken sei stets auf den Verkehr mit den Menschen gerichtet. Die vom Uebersetzer in einer Note gegebene ^Erklärung: „Der Mensch bestrebe sich, seinen Mitmenschen zu Liebe zu leben." ist hier nicht angebracht; sie entspricht eher der Stelle in verseil vier radba C. 7, die ausdrücklich lautet: m lniH D18 Disk IDl- S. 16: „Immer esse der Mensch weniger als er hat und kleide sich nach Maßgabe dessen, was er hat, aber er ehre sein Weib und feine Kinder mehr, als was er hat, denn sie sind an ihn gehängt (gebunden) und er ist an den gehängt, der da sprach und die Welt ward." Wort- und sinngemäß, in ein gutes Deutsch übertragen, müßte namentlich der Schlußsatz lauten: „Denn sie sind von ihm und er von dem abhängig, durch dessen Wort die Welt entstand." An der Art der Uebertragung des Midrasch der zehn Worte sowie der 13 ethischen Erzählungen, die, nebenbei bemerkt, von geschickter Hand bearbeitet, "eine empfehlenswerte Lektüre für die Jugend wären, ist weniger auszusetzen, obgleich auch diese Uebersetzungen nicht frei von Härten und Ungenauigkeiten sind, die zum Teil an der schwer zu bearbeitenden Materie, zum überwiegenden Teil aber daran liegen, daß der Uebersetzer' sich geradezu sklavisch an das Wort bindet. Auf gleicher Höhe halten sich auch die Uebertragungen der Alphabetmidraschim, die, nach der Angabe Wünsches im Vorwort, dem Tannaiten „Joseph ben Akiba" im zweiten nachchristlichen Jahrhundert in den Mund gelegt wurden. Da ein Tannaite. dieses Namens nicht existiert hat»