Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
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so auffallend mit unserer jüdischen Anschauung' überein, die ja durch die Bibel auch Gemeingut der christlichen, und islamischen Welt geworden ist, daß hier eine religionsgeschichtliche Tatsache von höchster Bedeutung Vorlage, wenn dieser Anfang der masaischen zehn Gebote echt wäre. Das ist noch zu beweisen. Mir will folgendes am wahrscheinlichsten dünken: Merker -fand einen Kern alter Ueberlieferungen bei den Masai vor, der aber durch Einflüsse islamischen oder christlichen Ursprungs überdeckt ist. Es wäre auch wunderbar, wenn die Masai, die ein seit alter Zeit von Karawanen durchzogenes Gebiet bewohnen, einer solchen Einwirkung entgangen wären. Möglich ist auch, daß Merker aus seinen alten Masai- Leuten mehr herausgefragt hat, als in ihren Ueberlieferungen vorhanden war. Die Masai sind nach seiner eigenen Angabe höchst verschlagen. Es ist anzunchmen. daß seine Gewährsmänner bald merkten, was der weiße Krieger wissen wollte, und ihre Aussagen darnach einrichteten. An Erfindungsgabe und dichterischem Talent soll es den Masai ja nicht fehlen. Doch dem sei, wie es wolle, eins steht fest: In ihrer Sprache, ihren religiösen Anschauungen und ihren Sitten und Gebräuchen bewahren die Masai sicher viele uralte semitische Züge. Ihr kriegerischer Charakter gleicht ganz dem der Beduinen in der arabischen Wüste; ihr Jmprovisationstalent, anderseits ihre Unbekanntschast mit der darstellenden Kunst finden wir hier wie dort. Daher dürfen wir Merker wohl beipflichten, wenn er annimmt, die Masai seien in unvordenklichen Zeiten aus Arabien, dem unerschöpflichen Mutterland aller semitischen Auswanderungen, nach dem ostafrikanischen Steppenland gezogen. Merker entscheidet sich auch in betreff der Zeit; er glaubt, der Einzug der Masai sei lange vor dem ersten Auftauchen ägyptischer Urkunden, also in das vierte Jahrtausend vor Christi Geburt anzusetzen. Einen Beweis für seine Behauptung vermag er. nicht zu erbringen. Ich halte eine sehr frühe Einwanderung der Masai ebenfalls für wahrscheinlich und glaube einen Termin für die Zeit in folgender Erwägung zu finden. Wenn wir die Tracht der Masai-Frauen auf den Abbildungen in Merkers Buch betrachten (z. B. S. 11 und S. 53), so fällt uns ihr reichlicher Metallschmuck auf. Es find spiralförmige Ohrringe und Halskrausen, Ober- und Unterarm- Manschetten, Fingerringe, Beinschienen, alles aus Kupferdraht gewunden. Eisendraht gebrauchen die Masai nur ausnahmsweise und behaupten, er stamme von den Wakikuyu, einem Negerstamm. Die Spirale als Ornament ist aber eine Errungenschaft der frühesten Bronzezeit; vielleicht stammt sie noch aus der jüngsten Steinzeit. In Aegypten ist der Beginn der Bronzezeit spätestens ins dritte Jahrtausend vor Christi zu setzen. Damals findet sich dort auch schon das Spiralornament. In der Eisenzeit, die im mykenischen Kulturkreis des Aegäischen Meeres spätestens mit dem Schluß des zweiten Jahrtausends vor Christus einsetzt und in Aegypten sicher noch früher beginnt, ist es verschwunden. Die Masai bewahren also ihren Schmuck als einen Ueberrest des Bronzezeitalters, vielleicht sogar der ihm vorangehenden Kupferzeit, da sie ja reines Kupfer dazu verwenden. Die Eisentechnik ist ihnen überhaupt bis heute etwas Fremdes; sie wird von den von ihnen verachteten Schmieden ausgeübt, die eine eigene niedere Kaste bilden. Ihre höchst primitive Eisengewinnung und Verarbeitung stammt wohl aus dem Sudan, wo wir vielleicht die Wiege der Eisentechnik zu suchen haben, die über Aegypten nach Asien und Europa gelangte. Die Masai befinden sich also heute noch in einem Kulturzustand, der im Orient seit etwa 3500 Jahren überwunden ist; sie haben demnach ihre Wanderung in die sie von den Kulturvölkern abtrennende Steppe spätestens zu Anfang des. zweiten Jahrtausends vor Christi, wahrscheinlich aber noch früh er angetreten. Unsere Skizze konnte natürlich nur Weniges aus dem ethnographisch und kulturgeschichtlich höchst interessanten Werke Merkers hervorhebcn. Wir erfahren daraus noch vielerlei über die Kriegsführung, die Lebensweise, den Besitzstand an Vieh, die Rechtsbegriffe, die sehr bedeutenden medizinischen Kenntnisse usw. der Masai. Das Werk ist zudem mit zahlreichen meist vortrefflichen Illustrationen versehen, die den Text in der wünschenswerten Weise veranschaulichen. Nicht nur für jeden Deutschen ist seine Lektüre wegen der intimeren Bekanntschaft mit unserer ostafrikanischen Kolonie, Land wie Leuten, zu empfehlen, sondern auch für den Juden ist das Buch höchst wertvoll, da es ihm uralte Beziehungen seines Volkes und seiner Religion zu einem Stamme aufdeckt, der seine Urheimat gleichfalls in der Völkerkammer Arabiens suchen darf. Iüdilches Grmrindelrden in konltsntinopel leit drr türkischen Nroolution. Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. I. ie türkische Revolution war auch für das Gemeinwesen der Judenheit Konstantinopels von entscheidender Bedeutung: Mit der Einführung des neuen Regimes kam zugleich frisch pulsierendes Leben in die jüdische Welt, deren Sinn erst jetzt für die Bedeutung der politischen Organisation erwachen zu wollen schien. Und es ist charakteristisch, daß nach der Proklamierung der Konstitution es an einem und demselben Tage war, an dem sowohl unter den Aschkenasim als auch unter den Sephardim, den beiden das Konstantinopeler jüdische Gemeinwesen bildenden Elementen, Delegationen zusammengetreten sind, um über das künftige Geschick der Gemeinde zu beraten und die für die nächsten kommunalen Reformen unerläßlichen Maßnahmen festzustellen. Freilich war es die Erfüllung ganz verschiedener Aufgaben, die dabei zur Geltung kam. Als Nächstliegendes Ziel der Aschkenasim erwies sich die Notwendigkeit, sich zu organisieren und die ersten Vorbedingungen zur Bildung einer Gemeinschaft zu schaffen. Denn wohl hatten wir schon immer unter den aschkenasischen Juden Gemeinden, aber keine in sich geschlossene Gemeinde. Da gab es die vor rund 60 bis 70 Jahren ins Leben. gerufene „Kertscher Judengemeinde", ferner die „Autarkster Gemeinde" die sich später in die „Synagogengemeinde Or-Tora" auflöste, dann weiter die von der Schneidergesellenzunft begründete und mehrere hundert aus Rußland und Oesterreich stammende Familien umfassende „Tempelgemeinde des Schneidergesellenvereins", sowie endlich die den etwas abstrusen Namen tragende „deutsch-österreichisch-israelitische Kultusgemeinde". Wir hätten selbst noch von einer fünften Gemeinde, der zwar sehr einladend klingenden «Ilscbnassat Orchim“, in der sich aber die Schandelemente des Konstantinopeler Judentums, die Vertreter der Kupplerzunft, rekrutieren, reden können, wenn sie nicht schon erfreulicherweise allseits mit Verachtung übersehen und damit von vornherein aus dem kommunalpolitischen Leben ausgeschaltet worden wäre. Seit ihrem Bestehen haben nun die vier erstgenannten Gemeinden nicht aufgehört, ihre „völkische Eigenart", die Eigenbrödelei und die Faktionsbildung zu pflegen.. Nicht nur, daß sie weit davon