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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-19 · Heft 20 (19.5.1911) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 20 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
Seite 235 (sequence 7)
Language
German
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bewandert war im „Meere" des Talmud wie in dessen Abzweigungen, in den Codices, den Decisoren und der Responsenliteratur, geht in seinen Forschungen bis in die allerjüngste Zeit zurück und versäumt es nie, einzelne Punkte durch die Jahrhunderte hindurch zu verfolgen. So gelangt er sozusagen zu den Tagesfragen. So behandelt er z. B. das Eherecht, die Orgelfrage. die Konfirmation usw. Die Richtigkeit dieses Löwschen Standpunktes kann bezweifelt werden. Die talmudische Archäologie sollte vielmehr Von der Theologie ganz und gar getrennt werden, und um so mehr von den Parteifragen der Orthodoxie und des Neologismus und von jeder Tagesfrage. Ihre Wurzeln stecken allerdings, in der Theologie, aber ihr Leben ist davon unabhängig. Die spontanen Erscheinungen privaten Charakters sind es, welche meines Erachtens in erster Reihe den Stoff der talmudischen Archäologie bilden. Der Wohnungsbau, Speise und Trank, Kleidung und Medizin, und wie alle diese Materien noch heißen, sind an sich wert, behandelt zu werden. Die Beziehung zur Theologie mag sie wichtiger erscheinen lassen, sie werden aber dadurch weder interessanter noch klarer; diese Eigenschaften müssen ihnen ihrem Wesen nach anhaften. Löw allerdings hat nicht bloß die talmudische, sondern die jüdische Altertumskunde ins Auge gefaßt. Wenn Löw von einem Verein das Heil erwartete, so sollte seine Hoffnung, wenigstens was die Aeußerlichkeiten anlangt, halbwegs in Erfüllung gehen. Sein Werk „Graphische Requisiten und Erzeugnisse" (2 Bände, Leipzig 1870) wurde vom „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur", dem Vorläufer der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums", herausgegeben. Aber das Wesen der Sache, dasjenige, das viel schwerer war, die wissenschaftliche Forschung, wurde von keinem wie immer gearteten Verein in Angriff genommen. Dazu wäre eine Akademie, oder gar ein Verband der Akademien, nötig gewesen, aber die Juden besitzen keine Akademie. Wenigstens hätten sich die jüdischen Gelehrten der verschiedenen Länder oder mindestens die desselben Landes zusammenschließen müssen: aber wo in aller Welt und für welchen Zweck konnten sich je die jüdischen Gelehrten auf gemeinsamem Arbeitsfeld zusammenfinden? So mußte denn Löw allein zur Arbeit greisen, und wenn er auch sein Programm nicht im ganzen Umfang verwirklichen konnte, so hat er doch soviel Material aufgearbeitet, daß wir ihn getrost den Vater der jüdischen und damit auch der talmudischen Archäologie nennen können. Löw wollte in einzelnen Bänden und nach Themen den riesigen Stoff der talmudischen Archäologie bewältigen. Seine diesbezüglichen Werke versah er bescheiden mit folgendem Titel: „Beiträge zur jüdischen Altertumskunde." „Die graphischen Requisiten und Erzeugnisse" hatten den ersten, die „Lebensalter in der jüdischen Literatur" den zweiten Band gebildet, und noch in der Vorrede des letzteren (1874) verspricht er, binnen Jahresfrist den dritten Band der „Beiträge" zu liefern, der folgende Studien enthalten sollte: 1. Der synagogale Ritus, 2. Die Arbeitsteilung. 3. Die Transportmittel im jüdischen Altertum. Zum großen Schaden unserer Disziplin wurde der Plan nicht mehr ausgeführt. Im darauffolgenden Jahre, 1875, war es'mit allen Plänen aus, der schöpferische Geist schuf nicht mehr, und der gedankenschwere Kopf neigte sich zur ewigen Ruhe. Nur vom shnagogalen Ritus sind uns beträchtliche Fragmente geblieben, die nach dem Tode des Verfassers erschienen sind- Von der „Arbeitsteilung" und von den „Transportmitteln" findet sich auch zerstreut in den Werken unseres Autors nichts vor. Wenn wir nun fragen, was hat Leopold Löw für die talmudische Archäologie getan? So lautet unsere Antwort daß auch der Gedankeder Plan und die Urgenz eine Tat sei, möglicherweise sogar eine größere Tat als der Versuch der Ausführung selbst. Nichtsdestoweniger aber sind auch die Arbeiten von großer Bedeutung. Das Werk über die graphischen Requisiten ist die erste vollständige Monographie dieser Art. „Lebensalter" ist geradezu ein grandioses Werk. Es war ein großer Gedanke, das Leben des Juden von seiner Geburt bis zu seinem Tode in archäologischem Lichte zu begleiten. Und der alte Löw hat außer dem fragmentarischen „Shnagogalen Ritus" auch noch eine Menge anderer Themata mustergültig behandelt. Diese seine Arbeiten sind zerstreut zu finden in den fünfbändigen „Gesammelten Schriften", die sein Sohn, Immanuel Löw, lange nach dem Tode des Vaters herausgegeben hat. Wir nennen daraus die „Eherechtlichen Studien", von sehr beträchtlichem Umfang und gediegenem Inhalt. „Die talmudische Nautik", „Zur Medizin und Hygiene", „Kranz und Krone", „Was lehrt der Talmud über Schauspiel, Musik und Gesang" (1861), „Die Amtstracht der Rabbinen" (1858). Zur Ausarbeitung des letzteren Themas wurde Löw infolge eines speziellen Falles von hoher Stelle an ihn ergangenen Anfrage veranlaßt, wie es denn überhaupt bemerkt werden müß, daß Löw auch von der Negierung als Autorität ersten Ränges anerkannt war. Auf Veranlassung des ungarischen Justizministeriums entstand auch seine Schrift „Der Judeneid" (Pest 1868), die einzige dieser Art, die er in ungarischer Sprache veröffentlicht hat. Löw zeigt sich in allen diesen Schriften und Arbeiten nicht nur in den Quellen außerordentlich bewandert, sondern legt auch eine erstaunliche Belesenheit in den klassischen Autoren wie auch in der Fachliteratur zutage. So gesellt sich denn bei ihm zu der versuchten Ausführung des großartigen Planes auch noch die klar erfaßte Erkenntnis dessen, was zu der Arbeit nötig sei; er wußte es, daß man nach vergleichender Methode arbeiten müsse und verstand es vortrefflich, auf den Gewinn hinzuweisen, der aus unserer Literatur für die allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit zu ziehen sei. Für all das gebührt ihm ewiger Dank, und ehrfurchtsvoll reichen wir den Lorbeer den Manen des Mannes, der der Gründer der talmudischen Archäologie war. Bit Malm. Ein ostafrikanisches Semitenvolk. Von Sigmund Feist. (Schluß.) ine merkwürdige Uebereinstimmung mit der Darstellung der Bibel zeigt die Geschichte von dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies, die Erzählung von der Sintflut und anderen Einzelheiten, so daß es mir schwer fällt, hierbei an eine originale Ueberlieferung der Masai zu glauben. Ehe aber eine Nachprüfung der Mitteilungen Merkers erfolgt ist, läßt sich eine Beeinflussung von christlicher Seite nicht mit Sicherheit behaupten. Einen solchen Einfluß erkenne ich dagegen in der Zehnzahl der Gebote der Masai, die freilich mit den zehn Geboten der Bibel außer dem Anfang, der mir der Entlehnung Höchst verdächtig vorkommt, fast nichts gemein haben. Dieser Anfang lautet: „Es gibt nur einen Gott," und stimmt

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