Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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großen Gemeinden von Kanizsa und Päpa und in der zweit-' größten Stadt des Landes, in dem kernungarischen Szeged, ist ihm ein treues Angedenken sicher. Er war der erste, der-, in diesem Land die magyarische Sprache von der Kanzel er-, tönen ließ, der erste> der noch vor dem Revolutionsjahr 1848; durch die Macht des Wortes und der Schrift wacker und! mutig für die Gleichberechtigung seiner Glaubensgenossen ein-, trat, der in ungarischer und deutscher Sprache das alte jüdisches Wissen zu erwecken suchte und nie aufhörte zu verkünden, daß? Wissen eine Macht sei, mit der man rechnen muß. Seine Zeitschrift „Ben-Chananja" (1858—1867) war eine Zeitlang, das einzige wissenschaftliche Organ des Judentums. Es wäre schwer, in einem kurzen Artikel alles zusammenzufassen, was den Lebensinhalt dieses hochbegabten und für die jüdische Sache begeisterten Mannes gebildet hat. Er war Führer und Erwecker des ungarischen Judentums in mancher Beziehung, was er aber für die Wissenschaft tat, hat für das ganze Judentum nachhaltige Bedeutung. Aber auch da wollen wir nur diejenige Seite seiner reichen literarischen Tätigkeit würdigen, welche sich aus die talmudische und überhaupt auf die jüdische Altertumskunde bezieht. In Leopold Löws wissenschaftlicher Individualität erscheint am besten der Altertumsforscher ausgeprägt. Das Gebiet, auf dem wir Löw am häufigsten begegnen und aus dem wir auch heute noch gern auf ihn zurückgehen, gehört ohne Zweifel der Archäologie an. Schon 1865 veröffentlichte er in „Ben- Chananja" einen mit Herz und Gefühl geschriebenen Artikel über „Die Pflege der talmudischen Altertumskunde"?) Mit Bedauern nimmt er wahr, daß während dem biblischen, hellenischen und römischen Altertum eine überaus reiche Literatur gewidmet ist, während jene in zahlreichen Lehrbüchern, Monographien und Forschungen eine allgemein wertgeschätzte Disziplin bilden, die talmudische Archäologie, die nicht minder wichtig wäre, brach darniederliege. Die talmudische Archäologie erwartete. Löw von der jüdischen Theologie. Gerade diejenigen, die sich mit der Halacha beschäftigen, seien am ehesten berufen, diese Disziplin zu schaffen, ddnn erstens sind sie es, die die Texte am besten verstehen und die an der talmudischen Archäologie am meisten interessiert sind, da die Literatur, mitder sie sich ihr ganzes Leben hindurch beschäftigen, ihnen durch die Kenntnis der Realien zugänglicher und verständlicher wird; zweitens aber ist die Halacha die reinste Quelle der talmudischen Archäologie. Löw freilich wußte es sehr wohl, daß, wer die Halacha an-.? wenden will, im Herzen keine Sehnsucht nach der archäologischen und historischen Erkenntnis der Dinge trage und daß umgekehrt, wer sich für das letztere ereifert, die Halacha nicht s praktisch verwerten will. „Wer das Haus nicht betreten will, kann des Schlüssels leicht entbehren/?) Vor einem halben,! Jahrhundert ist diese Klage laut geworden, und die Geistesrichtung unserer Talmudbeflissenen hat sich seitdem nicht; geändert. Mit den Männern der alten Richtung mag Löw., gar nicht rechten; von ihnen ist nichts zu erwarten. Aber . *) Gesammelte Schriften 3, 1—11. 2) Graphische Requisiten, Vorwort. * von der jüngeren Generation, welche an systematischen Studien Gefallen gefunden hat, fordert er, daß sie die Halacha nicht von sich weise, daß sie sich darin vielmehr als dem obersten Erfordernis ihres Berufs , vertiefe. Heute, nach so langer Zeit, können wir konstatieren, daß dieser Wunsch Löws nicht in Erfüllung ging. Noch weniger ging ein anderer Wunsch Löws in Erfüllung. „Nach den Aeußerungen gewiegter Sachkenner," so schreibt er, „dürste es sehr förderlich sein, wenn talmudische Archäologen sich als wisfenschaftlich-talmn bischer Verein zu dem Zweck verbänden, die Ausarbeitung eines umfassenden Werks über das talmudische Altertum nach einem gemeinschaftlich auszuarbeitenden Plan zu übernehmen, sobald die hierzu erforderlichen philologischen und archäologischen Vorarbeiten geliefert sein werden."^ Leider ist es aber selbst bis zu den Vorarbeiten nie gekommen. Allerdings konnte Löw schon zu ^seiner Zeit eine Reihe von Werken neueren Datums aufzählen, welche verheißungsvoll waren für die von ihm herbeigewünschte neue Richtung?) und in dem 1 2 * halben ' Jahrhundert, das seitdem verflossen ist? sind noch außerdem viele Werke von Wert und Wichtigkeit erschienen, in denen bereits eine Anzahl talmudischer Stoffe von archäologischem Standpunkt verarbeitet wurde, aber im ganzen genommen sind diese Monographien viel zu spärlich und viel zu mangelhaft, als daß wir sagen könnten, es sei gegeben, was wir brauchen. Hinsichtlich des Charakters der Aufgabe war sich Löw ganz im Klaren. Ihm schwebte ein Werk vor, welches fast das ganze talmudische Material umfassen würde. Die jüdische Altertumskunde beschränkt sich nicht, wie die christliche, aus kirchliche Objekte und Institutionen. Sie zieht das ganze Leben mit allen seinen Richtungen und Einrichtungen, Erzeugnissen und Ereignissen in ihr Bereich: Landwirtschaft und Industrie, Handel und Kreditwesen, Wohnung und Kleidung, Speise und Trank, Recht und Sitte, Familie und Gemeinde?) Ein ausgezeichnetes Programm. Wir hätten daran einstweilen genug, obzwar der Talmud auch noch manch anderes enthält. Auch bezüglich dieser ungenannten Dinge gilt das, was Löw aus diesem Anläße-bemerkt: „Das Religionsgesetz hat sich gegen keines dieser Momente gleichgültig verhalten; jedes derselben wurde von seiner Einwirkung berührt, wo nicht gar geregelt und normiert. Die jüdische Altertumskundedie hierüber gewissenhaft zu referieren hat, ist daher von religionsgeschichtlichen Untersuchungen unzertrennlich." Dies war Löws Ueberzeugung, und auch an einer dritten Stelle4) behauptet er,. die jüdische Altertumskunde sei eine theologische Disziplin. Damit entschuldigt er sein Vorgehen, daß er in seinen archäologischen Arbeiten Forschungen anstellt, welche die auf dem Titelblatt gezogenen Grenzen weit zu überschreiten scheinen. Löw nämlich, der gleichmäßig h Gesammelte Schriften 3, 10. 2) Vgl. meinen Artikel: „Das Talmudstudium, wie es ist und wie es sein sollte", in „Allgemeine Zeitung des Judentums", Jahrgang 59, Nr. 40, Seite 475 ff. 8) Graphische Requisiten I, Vorwort, Seite VII. 4) Lebensalter, Vorwort. Leopold Löw (1811—1875).