Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228982--67477-3279696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schulbesuch aufgefaßt werden, so mußten wir doch den mit zerfetzten Kleidern und zerrissenen Schuhen zur Schule kommenden Kindern bei notorischer Armut der Eltern Winterkleider, Schuhe und teilweise auch Wäschestücke spenden, um der verbreiteten Unsauberkeit entgegenzuwirken. - Eine andere Frage, mit der wir uns zu befassen hatten, war die über das Verhältnis unserer Schulen zum hebräischen Unterricht, wo er durch private Lehrer (Aelamäim) erteilt wird. Auch hier die reichen Ersahrungen der Baron-Hirsch-Stiftung anwendend, haben wir, um den rein praktischen Charakter unser Anstalt festzuhalten und keinerlei Jnger.nz ans die religiösen Anschauungen nehmen zu müssen, den theoretisch nicht einwandfreien, aber durch die Verhältnisse einzig gegebenen Weg gewählt: wir haben den hebräischen Unterricht, so wie er von Alters her besteht, dem Belieben der Eltern überlassen und es abgelehnt, ihn in unserem Lehrplan aufzunehmen. An einem der Orte wollten die Chassidim die von uns begründete Schule dadurch unmöglich machen, daß sie den in dieselbe eingetretenen Schülern den Besuch des hebräischen Cheders untersagten. Sie rechneten darauf, daß die Eltern, so gern sie ihren Kindern Elementarbildung verschaffen wollen, auf dieselbe verzichten werden, um nicht des in religiöser Beziehung ihnen unerläßlich scheinenden Cheder-Unterrichts für die Kinder verlustig zu werden. In diesem Fall blieb uns nichts übrig, als dem Schulkomitee ausnahmsweise eine angemessene Subvention für die Besoldung eines eigenen Melamed für unsere Schüler zu gewähren, ohne jedoch dabei diesen Unterricht organisch in unseren Lehrplan einzufügen und dadurch auf seine Gestaltung, den Inhalt und die Methode Einfluß zu nehmen. Mit welchen großen Schwierigkeiten die Allianz in ihrem löblichen Streben, allgemeine Bildung unter den galizischen Juden zu verbreiten, zu kämpfen hat, zeigt folgende Mitteilung über die Gründung einer Schule in Niemirow: „Niemirow, im Bezirk Rawa ruska, ist ein kleines entlegenes Städtchen mit einer Gesamtbevölkerung von 2966 Personen, darunter 1725 Juden, die zum größten Teil in den armseligsten Verhältnissen leben. Es liegt im äußersten Nordosten Galiziens und gehört zur Einflußsphäre des bekannten Beizer Großrabbis, der ein entschiedener und zäher Gegner aller modernen Kulturbestrebungen unter den Juden ist. Nach eingehender Beratung mit der Leitung, der Baron- Hirsch-Stiftung. an der auch die Inspektoren der Stiftung in Galizien teilnahmen, faßten wir den Beschluß, gerade hier eine den modernen Anforderungen entsprechende jüdische Volksschule zu begründen, um in diesem Teil des „dunkelsten" Galiziens den Kampf gegen die Weltfremdheit und Unwissenheit aufzunehmen und dadurch der Erwerbslosigkeit und wirtschaftlichen Not entgegenzuwirken. Nur mit großer Mühe gelang es uns, gegen eine verhältnismäßig hohe Miete ein Lokal für unsere Schule zu bekommen, da es niemand wagte, uns gegen das Verbot der allmächtigen Chassidim von Belz sein Haus zu vermieten. Die wenigen am Orte ansässigen, den intelligenten Kreisen angehörigen Juden kamen unserem Werke mit größter Freude entgegen und unterstützten uns nach Kräften. Es wurde ein Schulkomitee gegründet, 'unter dessen Aufsicht das gemietete Gebäude entsprechend adaptiert wurde, so daß es allen hygienischen Anforderungen vollkommen entsprach. Da wir dabei keine Kosten scheuten, gelang es uns zu erreichen, daß unser Schulgebäude das Gebäude der öffentlichen Schule, das sich, wie auch offiziell zugegeben wird, in sehr schlechtem Zustande befindet, in jeder Beziehung übertraf. Anfang September wurden die Einschreibungen vorgenommen, die angesichts der fortwährenden Gegenagitation einen sehr erfreulichen Erfolg zeitigten: es wurden 26 Knaben angemeldet, und Ende September konnte der Unterricht beginnen. Die Schulgegner ruhten aber nicht. An den hohen Feiertagen wurde die Bevölkerung in den Bethäusern vor dem Besuch der Allianz- Schule eindringlich gewarnt; es wurde ein Ausruf in hebräischen Lettern verteilt, der mit den charakteristischen Worten überschrieben war: „Niemirow schreit Gewalt!" In diesem Ausrufe wurde die Allianz mit der Baron-Hirsck-Stiftung identifiziert und gegen den Begründer der Stiftung, den verstorbenen Baron Hirsch, der lächerliche Vorwurf erhoben, er habe es sich zum Ziel gesetzt, „alle Juden zur Schmad (Taufe) zu führen". Die gleiche Absicht wurde auch unserer Allianz und unserer Schule unterschoben, und alle jene, die sich an unserer Anstalt beteiligten oder ihre Kinder in unsere Schule zu senden beabsichtigten, mit den gräßlichsten Flüchen belegt. Im Bethause wurde der Obmann unseres Schulkomitees, Herr Apotheker Kaczko, öffentlich als gefährlicher Sünder bezeichnet. Dreimal wurde er wegen angeblich schlechter Führung seiner Apotheke bei der Statthalterei in Lemberg denunziert. Die einflußreichen Chassidim lagen den Behörden fortwährend in den Ohren, die Allianz-Schule womögl'ch zu unterdrücken. Man ging sogar soweit, daß man, um dieselbe als überflüst g erscheinen zu lassen, den öffentlichen Schulzwang. der seit Meuschengedenken nie zur Anwendung gekommen war, nun mit großer Strenge handhabte. Mehr als hundert jüdische Knaben wurden in die öffentliche Schule „eingeschrieben", ohne daß sie diese freilich auch wirklich besucht Hütten. Leider fanden unsere Gegner bei den Bezirksbehörden Gehör. Im September wurde eine eigene Kommission nach Niemirow entsendet, die das Schulgebäude einer strengen Prüfung unterzog und einige Mängel konstatierte. Wir ließen nun ohne Rücksicht auf die hohen Ausgaben die Mängel sofort beheben. Nichtsdestoweniger wurde die Anstalt Ende Dezember behördlich gesperrt. Dieses Verhalten der Behörden wurde auch anläßlich der Landes-Enquete zur Linderung des Elends unter den Juden in Galizien öffentlich zur Sprache gebracht und einer scharfen Kritik unterzogen. Auch die polnischen Blätter befaßten sich mit dem Falle Niemirow, und der galizische Landesschulrat fühlte sich endlich, nachdem auch zahlreiche maßgebende Persönlichkeiten in dieser Angelegenheit interveniert hatten, Ende Februar bestimmt, die Wiedereröffnung der Anstalt zu genehmigen." Mit aufrichtigem Bedauern konstatiert der Bericht, berauch bemerkenswerte Mitteilungen über die Lage der Juden in Rußland und Rumänien enthält, daß trotz der vielfachen Hilfswerke, die feit einem Menschenalter von Wien aus, seit einer Reihe von Jahren von der „JCA" und den Deutschen Hilfskomitees für die Juden in Galizien geleistet wurden, die Notlage unter ihnen während der letzten Jahre so sehr gewachsen ist, daß sogar die Landesregierung sich veranlaßt fand, eine Enquete über die Frage einzubernsen, durch welche Maßregeln dem unsäglichen Elend unter den dortigen Juden entgegenzuwirken wäre, und daß sich die großen westeuropäischen Hilfsorganisationen im verflossenen Jahre mit dem Projekt eines großzügigen gemeinschaftlichen Hilfswerkes befassen mußten. Leider sind die Ursachen der stetigen Verarmung der galizischen Juden, wie aus einer im Bericht reproduzierten Darstellung der traurigen Situation durch den galizischen Landtagsabgeordneten Dr. Nathan v. Löwenstein in der „Neuen Freien Presse" hervorgeht, derartig kompliziert, daß wohl noch viele Jahrzehnte verstreichen dürsten, ehe es den opferwilligen und hilfsbereiten Organisationen gelingen wird, eine Wendung zum Besseren herbeizuführen. Die Wiener Israelitische Allianz aber, die in erster Linie die kulturelle Hebung unserer galizischen Glaubensgenossen an strebt, mag auf ihrem eingeschlagenen Weg nur unentwegt fortschreiten und in gesteigertem Maße als bisher unter den galizischen Juden Licht und Wissen verbreiten, die allein zu ihrer wirtschaftlichen Hebung führen können und sicherlich auch führen werden. A. K. Lum Lrntensrium Leopold Löws. Von Professor Dr. Samuel Krauß in Wien. m 22. Mai jährt es sich zum hundertsienmal, daß Leopold Lö w in einem kleinen Ort Mährens geboren wurde. Noch ist es in den Fachkreisen unvergessen, was dieser Mann für Belebung und Veredelung des Judentums, was er als Prediger und Seelsorger von großen Gemeinden, was er als Bahnbrecher der jüdischen Wissenschaft geleistet hat. Speziell in seinem zweiten Vaterland, in Ungarn, in den