Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Erst wenn Man von dem Inhalt Kenntnis erhält, wird man eurtei len können, inwieweit die Angaben des Dr. JuveliuS über die Bedeutung der Ziffernschrift im Buche Ezechiels zutreffend gewesen sind. Dr. Iuvelius hat finnländischen Zeitungsvertretern erklärt, daß er seinerzeit, um sich davon zu vergewissern, daß er nicht das Opfer eines Selbstbetrugs geworden sei, auch die Bücher Mosis, insbesondere das Deuteronomion. genau studiert habe; das Deuteronomion habe seine jetzige Gestalt ungefähr um dieselbe Zeit erhalten wie das Buch Ezechiels (626—500 v. Chr. Geb.); auch das Deuteronomion habe ähnliche Mitteilungen-in Ziffernschrift wie das Buch Ezechiel über den geheimen Aufbewahrungsort der Tempelschätze enthalten; nur sei der Bericht des Teuteronomions bedeutend kürzer gewesen. Diese Berichte klingen noch immer höchst seltsam und geheimnisvoll und lassen es sehr fraglich erscheinen, ob irgend welcher Gewinn für die Wissenschaft erreicht worden ist. Namentlich der letzte Abschnitt lautet außerordentlich unklar und bedenklich. Wie dem auch sei, das Vorgehen, durch Bestechung zu Schätzen zu gelangen, wird kein ehrenhafter Freund wissenschaftlicher Forschung billigen. mc Die Schulsktion der Urselitilchen Miau? %vl Wien für die Juden in Gslüien. m 10. d. M. fand in Wien die Generalversammlung der Wiener Israelitischen Allianz statt. Den Hauptgegenstand der Beratung bildete die Frage der kulturellen und wirtschaftlichen Hebung der Juden in Galizien, deren traurige Lage in mancher Beziehung noch miserabler gestaltet ist, als die der Juden in Rußland und Rumänien. Während llnsere Glaubensgenossen dieser Länder hauptsächlich unter dem Druck von außen, unter den für sie geschaffenen und täglich neuentstehenden Ausnahmegesetzen leiden, selbst aber kulturell emporzusteigen bestrebt sind und jede sich darbietende Gelegenheit, die eine Besserung ihrer sozialen Verhältnisse verspricht, dankbar ergreifen, verharren die dem weltfremden Chassidismus ergebenen Juden in Galizien noch immer in kultur- und bildungsfeindlichen Anschauungen, die zum Teil nicht nur mit die Schuld an ihrer beklagenswerten wirtschaftlichen Notlage tragen, sondern auch jede für sie eingeleitete Hilfsaktion wesentlich erschweren, ja nicht selten geradezu unmöglich machen. Um so höher ist es darum einzuschätzen, daß die Wiener Israelitische Allianz, unbekümmert um erlittene Mißerfolge, die von ihr vor 30 Jahren begonnene, dann von der Baron Hirsch-Stiftung übernommene und weitergeführte Schul-- aktion in Galizien im Einvernehmen mit dem Kuratorium der genannten Stiftung wieder ausgenommen hat und zielbewußt sortzusetzen und durchzuführen entschlossen ist. In dem demnächst zur Ausgabe gelangenden 38. Jahresbericht gibt die Wiener Allianz die bei ihrer Hilfsaktion sie leitenden Grundsätze bekannt, die schon aus dem Grunde der weitesten jüdischen Öffentlichkeit mitgeteilt zu werden verdienen, weil die kulturelle Tätigkeit der Wiener Allianz erst vor einiger Zeit ganz unbegründet den Anlaß zu heftigen publizistischen Angriffen gegen sie gegeben hat: ‘ Es ist ein volles Jahrhundert, seitdem die in der neueren jüdischen Geschichte bekannten ersten Versuche gemacht wurden, in' Galizien moderne Schulen ins Leben zu rufen, welche zu schweren Kämpfen zwischen den Freunden moderner Bildung und fanatischen- Gegnern geführt haben. Aber der Wandel der Zeiten zeigt sich, gerade in der großen Verschiedenheit zwischen der Bewegung anfangs des 19. Jahrhunderts und den Bestrebungen in unseren Tagen. Zunächst ist der Unterschied bezeichnend, daß damals die Regierung mit lebhaftem Interesse die Bildungsbestrebungen unter den Juden förderte, und z. B. Josef Perl, der im Jahre 1815 zuerst in Tarnopol eine jüdische Musterschule errichtete, vom Kaiser eine Auszeichnung und besondere Privilegien erhielt, während man gegenwärtig, wenn man zur Entlastung der politischen Instanzen, welche den gesetzlich bestehenden Schulzwang in der Praxis durchzuführen verpflichtet wären, mit großen Opfern moderne erziehliche Anstalten begründet, nicht nur auf Gleichgültigkeit, sondern auf eine gewisse Resistenz der Verwaltungsorgane stößt, und man jede Bewilligung eines Schulbetriebes sich mühsam erringen muß. Ein fernerer Unterschied ist, daß damals im Lande selbst eine zwar nicht zahlreiche, aber begeisterte Schar von Freunden der Bildung sich befand — 311 ihnen gehörten Männer wie der Gelehrte Salomon Jehuda Rappaport, der spätere Oberrabbiner von Prag, sowie der humoristische Schriftsteller Jsak Erter — welche für die geistige Hebung der zurückgebliebenen Glaubensgenossen mit Wort und Tat eintraten, während jetzt die in allen Städten des Landes ziemlich breite Schicht der gebildeten Juden zumeist auf jede Initiative verzichtet und sowohl die kulturellen wie die wirtschaftlichen Hilfswerke von Korporationen außerhalb Galiziens angeregt und geleitet werden müssen. Ein wesentlicher Unterschied in den Verhältnissen ist aber auch nach der Richtung festzustellen, daß, während in früheren Zeiten die Aufklärungsbestrebungen unverkennbar mit einer Propaganda für freiere religiöse Anschauungen verbunden waren und daher mit einem gewissen Rechte das Mißtrauen der Chassidim hervorriefen, gegenwärtig die Begründung von Schulen und Kindergärten oder der Wunsch, die Chedarim zu reorganisieren, ganz ausschließlich von dem Bestreben diktiert ist, den im wirtschaftlichen Elende und in der Erwerbslosigkeit schmachtenden Juden den Weg zur Selbsthilfe, zu einer menschenwürdigen Existenz, zu ebnen. Es fällt dabei niemand ein, auch nur im geringsten auf die religiösen Anschauungen eine Jngerenz nehmen zu wollen. Es handelt sich jetzt darum, die oft als Opfer der eigenen Unwissenheit unter den armseligsten Verhältnissen in gänzlicher Apathie vegetierenden galizijchen Juden davon zu überzeugen, daß sie durch Erlernen von Lesen- Schreiben und Rechnen und Zulassung des Unterrichtes ihrer Kinder in diesen Gegenständen, durch Berücksichtigung der elementaren hygienischen Forderungen, durch eine moderne rationelle Lebensweise wenigstens zum Teil aus eigener Kraft sich wirtschaftlich heben könnten. Von diesem Gesichtspunkte geleitet, und auf Grund eingehender Beratungen mit der Leitung der Baron Hirsch- Stiftung, entschloß sich die Allianz, bei der Gründung neuer Anstalten von den größeren Städten, wo eine gewisse kulturelle Entwicklung bereits besteht, und die jüdische Bevölkeruung sich zum großen Teile bereits daran gewohnt hat, die Kinder in öffentliche Schulen zu schicken, zunächst abzusehen und vorzugsweise jene ganz obskuren Ortschaften aufzusuchen, wohin kein Strahl moderner Bildung jemals gedrungen ist, kein einziges jüdisches Kind auch nur die elementarsten Schulkenntnisse erwirbt, wo die Not die schrecklichsten Formen angenommen hat und Hilfe am allerdringendsten ist. Der Bericht fährt fort: Aus Berichten über einzelne der von uns an solchen Orten begründeten Schulen, die wir im nachfolgenden mitteikn, ist zu ersehen, in welchen desolaten Verhältnissen die jüdischen Familien leben, deren Kinder wir unterrichten, wie z. B. diejenigen Schüler beneidet werden, welche auch nur an einem Wochentage eine marine Speise genießen und wie entgegen den Vorstellungen, die man über die Frömmigkeit und die Kenntnis des Hebräischen unter den galizischen Juden hat — von 20 eingeschriebenen Schülern nur fünf hebräisch lesen konnten, während alle. anderen, darunter acht- und neunjährige Knaben, noch nicht das Beten.erlernt hatten. Wir haben natürlich angesichts dieses grenzenlosen Elends häufig neben der Erhaltung der Schule auch materielle Unterstützungen zugunsten der ärmsten Schüler in das Hilfswerk einbeziehen müssen. Obwohl derartige Unterstützungen an . den Orten, wo. der moderne Unterricht von den Chassidim bekämpft wird, aus pädagogischen Gründen unterlassen werden sollte, da sie häufig von der. unwissend.tzp Bevölkerung als Prämien für den in ihren Augen zwecklosen