Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
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Ob diese Interpellationen, deren Bekanntwerden in den Kreisen der leicht zu fanatisierenden Massen die übelsten Folgen haben kann, von dem' Minister Stolypin, der sich in seiner Stellung sehr unsicher fühlt und die allgemeine Aufmerksamkeit ablenken will, bestellt sind oder nicht, jedenfalls sind sie ein trauriges Zeichen der Zeit.' Daß in einer gesetzgebenden Körperschaft jenes unsinnige und verhängnisvolle Märchen wieder aufgewärmt wird, und daß es, wie anzunehmen, bei vielen der halbasiatischen Barbaren, die zu Gesetzgebern eines großen Reiches berufen sind, Glauben findet, das ist so unsäglich traurig, daß man keinen puffenden Ausdruck dafür findet. Leider machen sich die Folgen der Interpellationen schon bemerkbar. Ein Telegramm des „Berliner Tageblatt", datiert Petersburg den 15. Mai, meldet: Infolge der sogenannten „Ritualmordaffäre", welche jüngst die Duma beschäftigte, hat sich der jüdischen Bevölkerung Kiews wachsende Erregung bemächtigt. Die Pogromhetzer behaupten dort ganz öffentlich, ohne die Spur eines Beweises, daß der Ende März tot aufgefundene Knabe Andrei Juschtschinsky einem Ritualmord zum Opfer gefallen sei. Man befürchtet jetzt infolgedessen den Ausbruch jndenfeindlicher Unruhen, ja die Veranstaltung eines Pogroms. Zahlreiche Familien verlassen die Stadt, uw ihr Leben und das ihrer Kinder in Sicherheit zu bringen. * Erfreulicher sind folgende Nachrichten. Zunächt eine aus Italien. Wie das italienische Amtsblatt meldet, wurde Senator Ludwig Mortara znm. Generalprokurator am Kassationshofe in Nom ernannt. Die italienischen Blätter schreiben dieser Ernennung eine große Bedeutung für die weitere Entwicklung, besonders der Zivilprozeßordnung in Italien zu. Mortara ist nämlich der Verfasser eines Kommentars zur gesamten italienischen Gesetzessammlung und ist der Begründer einer modernen, liberalen Richtung auf dem Gebiete der Gerichtsbarkeit. Eine zweite über den bulgarischen Ministerpräsidenten und die Juden ist der N. I. K. entnommen: Unser neuer Ministerpräsident Iwan Geschow empfing dieser Tage eine Abordnung der bulgarischen Juden, bestehend aus dem Großrabbiner Dr. M. Ehrenpreis, dem stellvertretenden Borsitzenden und dem Sekretär der Sofioter jüdischen Gemeinde und einer Anzahl jüdischer Notabeln aus der Hauptstadt und der Provinz. Rabbiner Dr. Ehrenpreis hielt eine kurze Ansprache an den Premier, in der er hauptsächlich der Erwartung der bulgarischen Judenheit Ausdruck gab, daß das neue Kabinett die Rechte der religiösen und Wohlfahrtsinstitutionen der bulgarischen Judenheit bestätigen und ihnen die Möglichkeit der freien Entwicklung sichern werde. In seiner Antwort betonte Ministerpräsident Geschow, daß er stets ein aufrichtiger Freund und Bewunderer der Juden gewesen fei. Das bulgarische Volk habe niemals judenfeindliche Neigungen, wie sie in anderen Ländern häufig zutage treten, bekundet. Schließlich versprach der Ministerpräsident, die Frage der Korporationsrechte der jüdischen Gemeinde-Institutionen, gemäß dem Wunsche der Abordnung, einer günstigen Erledigung entgegenzuführen. - ' - 3r Dieselbe Korrespondenz enthält den nachstehenden Bericht über Organisationsbestrebungen unter den Juden in Kairo. Die hiesigen jüdischen Gemeindeverhältnisse boten, bis vor kurzem ein Bild trostloser Zerfahrenheit. Die Aschkenasim waren in unzählige kleine Betgenossenschaften zersplittert, die keinerlei Zusammenhäng miteinander hatten. Infolgedessen fehlte es der hiesigen jüdischen Bewohnerschaft auch an den notwendigsten Gemeinde- Instituten und Wohlfahrtseinrichtungen. Seit kurzem macht sich nun in unserer Stadt das erfreuliche Streben bemerkbar, die verschiedenen kleinen Vereinigungen und Zwerginstitute zu einer geordneten Gemeinde zusammenzuschließen und die Verwaltung der einzelnen Anstalten in die Hände eines gewählten Gemeindevorstands zu legen- 'Der Erfolg dieser Bestrebungen scheint gesichert zu sein. Im Zusammenhänge mit den organisatorischen Bemühungen der hiesigen Iudenschaft steht auch die vor kurzem erfolgte Gründung eines großen jüdischen Krankenhauses, das gegen Ende dieses Jahres schon in der Lage sein wird, seine Tätigkeit aufzunehmen. Auch ein jüdisches Greisenasyl ist vor kurzem in Alt-Kairo in der Nähe der uralten Synagoge „Esra" (die die bekannte .Genisah" beherbergt) erbaut worden. * Die Kämpfe in Marokko, die das allgemeine politische Interesse in der letzten Woche in Anspruch nahmen, und von denen man nur hoffen kann, daß, sie keine europäische Verwicklung Hervorrufen, haben, wie der „llnivers Israslite" berichtet, wenigstens einmal eine Probe jüdischer Tapferkeit gezeigt. Die Stadt Mequinez wurde von einheimischen Stämmen umzingelt, fünf Tage lang belagert, mit besonderer' Erbitterung das jüdische Viertel. Die bewaffneten Israeliten verteidigten mutig ihr Viertel und hinderten dessen Plünderung. Sie warfen ihre Gegner mit Verlust zurück, erlitten selbst geringe Verluste und trugen dazu bei, die Ordnung in der Stadt wiederherzustellen. * Schon seit einiger Zeit sind die Blätter voll von Nachrichten über Entwendungen englischer Forscher aus der Omar-Moschee zu Jerusalem. Diese Nachrichten waren alle etwas unklar; eine genauere Schilderung gibt erst jetzt nach finnischen Blättern die „Vosfische Zeitung". Daraus sei folgendes erwähnt: Der finnländische Gelehrte Dr. Walter Iuvelius entdeckte bei seinen Vorarbeiten zu einer Abhandlung über die Zeitrechnung der Juden eine sehr komplizierte Ziffernschrift, die in gewissen hebräischen Büchern angewendet war. An der Hand dieser Schrift fand er im ^Buche Ezechiel hochbedeutsame Angaben über einen^ geheimen Aufbewahrungsort in Jerusalem. Aus den betreffenden Stellen des Buches schien hervorzugehen, daß an jenem Ort die Gesetzestafeln Mosis, das Tempelarchiv und die Tempelschätze verborgen waren, und zwar glaubte Dr. Iuvelius annehmen zu müssen, daß das Versteck sich ziemlich tief unter der Erde befinde und mit der Wasserleitungsanlage in Verbindung stehe; um dorthin zu gelangen müßte man einen Kanal passieren, der zunächst trocken gelegt werden müßte. Zu dem Tunnelnetz, innerhalb dessen der Aufbewahrungsort sich befinde, sollte man nach der Angabe des Dr. Iuvelius auf drei verschiedenen Wegen gelangen können. Der eine Weg führte von der Omar-Moschee in die Tiefe und durfte nicht betreten werden. Die beiden anderen Wege botenzwar (immer nach der Angabe des Dr. Iuvelius) außerordentliche Schwierigkeiten, daaber die Schätze, die zu suchen waren, von außerordentlich hohem Werte waren, mußte man die Schwierigkeit^ unter allen Umständen überwinden. Für die Ausführung dieser Pläne, um die von König Salomo bei Jerusalem verborgenen Schätze zu entdecken, bildete sich 1908 eine englische Gesellschaft, die mit Iuvelius arbeitete, der mit einem Viertel des Gewinnes beteiligt war. während die Hälfte des Wertes der Türkei entrichtet werden sollte. Im Jahre 1908 fing man mit dem Graben an. Die Arbeiten wurden zunächst von Dr. Iuvelius geleitet. Sein erster Gehilfe war Pertti Uotila. Im Dezember 1909 mußten die Arbeiten einige Monate unterbrochen werden. Im Frühjahr 1910 wurden sie wieder aufgenommen und nunmehr vom Engländer Kapitän Parker geleitet, der, da er nicht anders Vordringen konnte, durch Bestechung der Wächter der Omar-Moschee von dieser Moschee aus in die Tiefe drang. Es soll ihm in der Tat gelungen sein, zehn Kisten ans Tageslicht zu bringen. ' '