Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
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:—- L36 -- r akle wahrhaft in uns ist." Den Gegnern der vollen Gleichberechtigung der Juden hatte der Begriff des „christlichen Staates" als Hauptwaffe dienen sollen. Mit ihr hatte der Minister Thile sich bewehrt, als er den salbungsvollen Ausspruch wagte: „Das Christentum sollüber dem Staate bestehen und ihn regieren". Ihm schloß sich auch Bismarck an mit der Warnung vor dem Streben, „die Gesetzgebung aus den vagen und wandelbaren Begriffen von Humanität zu regenerieren", statt „aus dem Urquell der ewigen Wahrheit". Vincke dagegen verschoß die schärfsten Pfeile seines Spottes gegen die in der Praxis so wenig folgerechten Anhänger - „christlicher Moralvorschriften", und Camphausen gab ihnen zu bedenken: „Ich habe nicht wahrgenommen, daß die Niederlande und Frankreich, welche die Emanzipation der Juden vollzogen haben, sich durch diesen Umstand so von uns unterscheiden, daß sie aufgehört haben sollten, christliche Staaten zu sein, während wir ein christlicher Staat ' geblieben wären." Wie bedeutend dieses Auftreten Vinckes gegen die Ansicht vom „christlichen Staat" gewesen sein muß, ergibt sich aus Treitschkes Schilderung, der Vinckes Rede mit nachstehenden Worten charakterisiert: „Die christlichen Doktrinen (soll heißen: die Doktrin vom christlichen Staat) überschüttete Vincke mit der Lauge seines Hohns, in einer blendenden, aber höchst unklugen Rede. Unter schallendem Gelächter führte er aus: „ein christlicher Staat sei doch unmöglich, da die Bibel sage: du sollst nicht töten." Daß dies nicht Vinckes einziges Argument gewesen — übrigens hat kein Geringerer als Rousseau schon Jahrzehnte früher auf dies biblische Verbot hingewiesen als auf ein Zeugnis, daß die Christen schlechte Bürger seien — läßt sich wohl denken. Aber dem wackeren Politiker soll an seinem Säknlartage Dank gesagt werden, daß er in lebhafter rücksichtsloser Weise gegen das Märchen vom christlichen Staat auftrat und mit großer Entschiedenheit die Sache der Juden als die der Freiheit und Gerechtigkeit verteidigte. Er gelangte mit seinen Reden nicht zum Siege, denn das Gesetz von 1847 war nur eine dürftige Abschlagszahlung. Wir aber, die wir etwas weiter gekommen sind und trotz aller Rückfälle und Hemmungen voranzuschreiten hoffen, wollen uns gern edler Kämpen wie Georg v. Vinckes dankbar erinnern. Dir Woche. L Berlin, den 16. Mai. ^n den Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Anti- Jj semitismus liest man folgendes: „Die geschäftliche Ueberlegenheit der Juden führt das Magdeburger Antisemitenblatt, die „Sachsenschau" (6. Mai), in einer Besprechung des Sombartschen Merkes auf Grund eigener langjähriger Beobachtung der Redaktion auf folgende Erfahrungstatsachen zurück: In der Hauptsache verleiht die Erziehung dem Juden seine geschäftliche Ueberlegenheit. Wenn der Jude ein Geschäft mit einem Kunden abschließt, muß sein Junge den Verhandlungen beiwohnen und zuhören. Wenn der Durchschnittschrist geschäftlich, verhandelt, schickt er seine Jungeus hinaus. Daher hat jeder zwölfjährige Judenjunge gewöhnlich eine größere Geschäftskenntnis als 25 jährige christliche Leute.. Zweitens bringt der Jude seinen Kindern ganze andere Begriffe vom Wert des Geldes bei als der Christ. Deshalb disponieren und' wirtschaften junge jüdische Leuie ganz anders als gleichaltrige christliche Männer. Jene wissen weit besser als diffe mit Geld, umzugehen und zu wirtschaften. Zu dritt verleiht die Nüchternheit den Juden eine große tteber!- legenheit über den Durchschnittschristen. Die Juden sind deshalb weit mehr auf dem Posten als die meisten Christen. In der Regel sind die Juden von früh bis spät in ihren Geschäften, während viele Christen die Zeit mit Allotrias totschlagen. Der jüdische Geschäftsmann gibt seine letzten 100 Mark für Reklame, für Empfehlung seines Geschäfts aus. Der christliche Dürchschuittsgeschästsmann überlegt bei 10 000 Mark Vermögen noch, ob er 2O Mark verannoncieren soll. Man nimmt gewöhnlich an, daß die Juden nur durch Betrug zu Vermögen gelangen. Es gibt zahlreiche jüdische Geschäftsleute, welche ihre Geschäfte genau so reell wie reelle Christen betreiben, weil sie sich'dadurch einen treuen Stamm von Kunden erhalten. Die christlichen Geschäftsleute, welche ihr Geschäft ebenso eifrig und rationell und in moderner Weise wie die Juden betreiben, bringen ihr Geschäft auch vorwärts. - Deshalb haben wir unseren christlichen Lesern wiederholt ans Herz gelegt, daß sie ihre Kinder vernünftig und praktisch erziehen und ihnen den modernen Klimbim gehörig verekeln, der sie gewöhnlich zu den unsinnigsten Tollheiten, zu geisttötendem Zeittotschlägen und zu der dümmsten Vergeudung ihrer wirtschaftlichen Kraft führt." Ob wohl die „Staatsbürger Zeitung", die „Deutschsozialen Blätter" und die Presse des Bundes der Landwirte, soviel Courage aufbringen werden, dieses nüchterne Urteil eines gesinnungsgenössischen Blattes auch ihren Lesern zur Kenntnis zu bringen? Die „Staatsbürger-Zeitung" fährt fort als einzige Wahlparole auszugeben: „Wählt keinen Hebräer", und bemüht sich zu diesem Zwecke nicht nur zu zeigen, daß EM. Arndt, den einzelne für einen Judenfreund ausgeben, sich mehrfach sehr heftig gegen die Juden ausgesprochen habe, sondern sie paradiert auch mit einzelnen Stellen aus talmudischen und anderen Traktaten, die schon durch die Art des Zitierens, z. B. „Hagar 369, 11" auf die Gelehrsamkeit des Artikelschreibers ein eigentümliches Licht werfen. Angesichts der in unseren Blättern und anderen Zeitungen fast allwöchentlich gebrachten Mitteilungen der rohesten Judenhetzen, niederträchtiger Rechtsbeugung, schändlicher Attentate auf Freiheit und Leben der Juden muß man wirklich staunen, wenn man der „Staats'- bürgerzeitung" gegenüber nicht das Staunen verlernt hätte, wenn man in ihr den Satz liest: „Es ist ein Verbrechen, heute noch von Judenverfolgungen zu reden; eine Antisemitenhetze unverschämtester Art ist im Gange". Eine sehr merkwürdige Illustration dieses Satzes, der so lächerlich ist, daß man ihn durch jede Entgegnung abschwächen würde, sind die traurigen Hinweise, die aus Rußland kommen. Telegramme der „Vossischen Zeitung" melden nämlich folgendes: Petersburg, 12. Mai. Mitglieder der Rechten brachten in die Reichsduma eine Interpellation an den Minister des Innern ein. ob ihm der im März 1911 in Kiew von Juden an dem Christenknaben Juschtschinski verübte Ritualmord bekannt geworden sei und was zur Ermittlung und Bestrafung der Schuldigen geschehen sei. Der Vertreter des Justizministeriums erklärte bei der Beantwortung, sowohl das Justizministerium wie das Ministerium des Innern hätten alle Maßregeln zur Ermittlung der Wahrheit in der Mordangelegenheit ergriffen. Die Mitglieder der Rechten Purischkewitsch und Markow begründeten die Interpellation und führten aus, die Ritualmorde entsprächen der Moral der Juden und seien logisch und historisch beweisbar. Wenn die Sache nicht aufgeklärt und die Schuldigen nicht ausfindig gemacht würden, sei die Veranstaltung von Pogroms möglich. Der Oktobrist Schubinski meinte, nach der Erklärung der Regierung müsse die Interpellation fallen, die Duma sollte nur unbestrittene Tatsachen, aber kein Agitationsmaterial besprechen. Die Redner der Kadettenpartei erklärten es für die Duma unwürdig, Vorurteile, die schon vor 500 Jahren abgetan worden seien, zu besprechen. Darauf wurde die Dringlichkeit der Interpellation mit 108 gegen 93 Stimmen abgelehnt und die Interpellation der Kommission überwiesen.