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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-19 · Heft 20 (19.5.1911) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 20 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse kerlin, 19. Mai 1911 75. Jahrgang Nr. 20 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-PreJL: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Phiiippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudotf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und' Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. flttflPllt Georg v. Vincke. Ein Gedenkblatt von Ludwig Geiger. — Die Woche. — Die Schulaktion der Israelitischen Allianz zu Wien für die Inden in Galizien. — Zum Zentenarium Leopold Löws. Von Professor Dr. Samuel Krauft-Wien. —Die Masai. Von Sigmund Feist,— Jüdisches Gemeindeleben in Konstantinopel seit der türkischen Revolution. Von Dr. Alphons I-Sußnitzki. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman vonPeter NjvLri. — LiterarischeMitteilungen. — Zeitschriften. — Büch creinlaus. — Sprechsaal. — Druckfehlerberichtigung. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Schwetz (Weichsel), Posen, Breslau, Hamburg, Bochum, München, Frankfurt a. M., Prag, Petersburg. — Von Nah und Fern. Georg o. Vincke. Ein Gedenkblatt von L u d w i g Geiger, er bedeutende Parlamentarier, der am 15. Mai 1811 geboren wurde (er starb am 3. Juni 1875), verdient auch an dieser Stelle ein kurzes Gedenkwort. Er war kein unbedingt großer, aber ein tüchtiger, kerniger Mann. In den vierziger Jahren genoß er einen großen Ruhm als Parlamentarier und trat, teils in den rheinischen Provinzialständen (1845), teils in dem vereinigten preußischen Landtag als machtvoller Redner und als wahrhaft freisinniger Kämpe hervor. In den Zeiten der schlimmen Reaktion zog er sich zurück und widmete sich der Bewirtschaftung seiner Güter. Erst in der Epoche der „neuen Aera" wendete er sich der tätigen Politik wieder zu, konnte aber keine Tätigkeit entfalten, die seiner früheren ähnlich und ebenbürtig gewesen wäre. Gegen reaktionäre Tendenzen trat er zwar nach wie vor auf, aber der entschieden liberalen Richtung, der „Deutschen Fortschrittspartei", vermochte er sich nicht anzuschließen. Und so geriet er — das schlimmste, was einem Politiker geschehen kann — in die Mitte zwischen zwei große Scharen, die sich befehdeten, konnte es keiner recht machen und hatte seine politische Rolle ausgespielt, längst bevor er 1869 sein parlamentarisches Mandat niederlegte. In den vierziger Jahren aber hatte er seine Glanzzeit. Alfred Stern, von dessen hochbedeutender „Geschichte Europas im 19. Jahrhundert" in diesen Blättern noch die Rede sein wird, schildert in dem eben erschienenen 6. Bande Vincke folgendermaßen: „des höchsten sittlichen Pathos wie der schärfsten, grausamsten Satire gleich mächtig, kampflustig und starrköpfig, aber auch nicht selten ein schlechter Taktiker und viel tiefer in. aristokratischen Anschauungen befangen^ als sein Vater es gewesen war." Und-Heinrich v. Treitschke, dem man gewiß keine Vorliebe für Vertreter des Freisinns zuschreiben darf, charakterisiert ihn so: „Ein wohlbeleibter, stiernackiger junger Mann, dessen nachlässige; Haltung und Kleidung doch den Edelmann nicht verkennen ließen; sein schwerer, von dichtem roten Backenbart umrahmter Kopf zeigte eine imposante Häßlichkeit, wie sie so oft schon bedeutenden Rednern als Schild und Waffe gedient hat. Er war der größte aller Parlamentsredner der preußischen Geschichte, ganz unvergleichlich in der Kunst rascher schlagfertiger Debatte, und dennoch kein schöpferischer staatsmännischer Geist, ja nicht einmal ein gewandter Parteiführer. Im Kampfe, im Angriff allein lag seine Kraft. Wie ward ihm wohl, wenn er einen Redner der Gegenpartei lange mit den spöttischen Blicken seiner scharfen, hinter der Brille hervorlugenden Augen, mit höhnischen Geberden und Zwischenrufen verfolgt hatte, und dann aufsprang, beide Hände in den Hosentaschen, um den Unglücklichen mit scharfer Dialektik, mit grausamen Witzen und, tat es not, mit stürmischer Entrüstung zu zermalmen. Dem Könige blieb er stets verhaßt, denn Friedrich Wilhelm nahm alles persönlich, und konnte sich nicht darein finden, den Sohn des getreuesten aller Westfalen in den Vorderreihen der Opposition zu sehen. Auch der Vater hatte in seinen letzten Lebensjahren die liberale Gesinnung des jungen Landrats und Landstands nicht ohne Sorge betrachtet. Im Grunde des Herzens hegte der Sohn jedoch weit mehr aristokratischen Stolz als der schlichte volksfreundliche alte Oberpräsident. Er freute sich seines alten Geschlechtes und wollte gleich der langen Reihe seiner Ahnen allezeit ,den Acker des Rechtes pflügen'." Vinckes Auftreten für die Sache der Juden auf dem rheinischen Landtage hatte die Juden veranlaßt, in ihm einen Netter zu sehen. Als sich der vereinigte Landtag in Berlin versammelte, dem ein neues Judengesetz vorgelegt wurde, da gehörte Vincke zu denen, von denen man von jüdischer Seite das Beste erwartete. Abraham Geiger, der von der Breslauer Gemeinde nach Berlin geschickt wurde, suchte auch Vincke auf und empfing von ihm das Versprechen seiner Unterstützung. So kamen die Verhandlungen über das neue Judengesetz heran. Ueber sie mag die Darstellung Alfred Sterns a. a. O. einen Begriff geben. Sie lautet: „Die rheinischen Provinzialstände hatten sogar, wie schon zwei Jahre zuvor, die volle rechtliche Gleichstellung der Juden mit den Christen beantragt.. Diese Forderung fand auch bei der, Verhandlung des vorgelegten Gesetzentwurfes in der Dreisländekurie den stärksten Wiederhall. „Geben Sie der Stimme der Menschheit Gehör," rief Beckerath der Versammlung zu, „sprechen Sie das Wort aus, auf das die Nation lauscht, das Wort der Gerechtigkeit." „Fürchten Sie nicht ein solches Erziehungs-Experiment," ergänzte ihn Hansemann, „es wird ebenso wie die Gesetze von 1807—1812 seine guten Früchte tragen." „Lassen Sie dartun," mahnte Mevissen, „daß der christliche Geist der Liebe und Gerechtigkeit gegen

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