Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nun, dies war pure Verleumdung. Die Wohnung der. Tante Breindl hatte keinerlei andere Anziehungskraft als bi& eisernen Fensterläden, welche kein Späherauge durchdringen konnte. Zu jener Zeit aber gab . es? in Nagysöröd einige Bocherim, die ihre Angelegenheiten nicht an die große Glocke hängen wollten. ... - rfJ Auch jetzt saßen beim , fahlen, trüben Scheine des Oellämpchens fünf glutäugige Burschen und lernten laut singend, wie: es sich geziemt. Und inzwischen ringelten sie die von ihren Schläfen herunterhängenden Locken, oder sie zupften an deN spärlich hervordringenden SchnUrrbarthaaren, oder rieben sich die Stirne, wenn es Schwierigkeiten machte, den Sinn des mysteriösen Textes herauszufinden. Die Jungen kamen sichtbar in Verlegenheit, als Berele in das Zimmer trat. i Wild, geradezu verzweifelt schrie Jumele Bierbrau: „Frägt de Gemure: Welchen Fall haben die Verhältniswörter? Welchen Fall? Welchen Fall?" — In der Jeschiwa lernten sie die verbotene profane Grammatik auf talmudische Weise, damit ihr sündhaftes Treiben den Anschein habe, als ob sie sich mit den heiligen Wissenschaften beschäftigten. - Kewe Eckhaus preßte beide Fäuste auf den Tisch, drückte die Augenlider zu, und mit dem Feuer des unstillbaren Fanatismus warf er seinen Kopf, seinen Oberkörper hin und her und antwortete:; „Enfert de Gemure: Weil es steht, loj jechraz Kelew leschojnoj, muf men fugen: Die Verhältniswörter haben entweder den zweiten, oder den dritten, oder den vierten, oder bald den dritten, bald den vierten Fall bei sich." — Aus Schlauheit flochten sie beim Lernen auch einen biblischen Spruch in althebMscher Sprache ein. ' Und im Chore sangen ihm alle nach: „Bald den dritten, bald den vierten Fall." Tante Breindl schlief in demselben Zimmer und neben ihr Rest, die am Freitag die Krautkuchen für die Studenten zu halben Preisen hergab. Berele grüßte freundlich und legte zum Zeichen, daß er die Jungen nicht stören wollte, den Zeigefinger auf die Lippen. Mögen sie nur lernen. Dann trat er 311 Tante Breindls Bett und deutete mit großem Entzücken auf den Tisch hin: .-i „Das ist eine Freude!" flüsterte er leise. „Es gibt keine schönere Sache als den Talmud." - „Jene ' drinnen lernen noch schöner," flüsterte Tante Breindl, indeyr sie auf das Nachbarzimmer wies. Berele ging auf den Fußspitzen dorthin. Dort' saßen sechs beim Tische, doch nur einer hatte ein Buch in der Hand. Hr saß wie eine Statue in starrer Unbeweglichkeit über das Buch gebeugt. Nur zuweilen hob er seinen Blick empor, und da schaute er die anderen mit unsäglicher Traurigkeit an. Auch diese verhielten sich still. Nur ein bebendes Flüstern entrang sich sekundenweise ihren trockenen Lippen. So oft sie einander anblickten, forschten sie gierig und leidenschaftlich in den Gesichtszügen. In ihren zitternden Händen preßten sie zusammengerollte Zettel; Bangen und Hoffnung sprach aus ihren Augen, als sie die Zettel auseinanderrollten und langsam und mutlos hineinblinzelten. -! „Ich geh," sagt der eine. .i „Vier Zal driber," sagt der zweite. 1 „Abgebrennt," sagt der dritte. » „Rausch," *) sagt der vierte und sein Gesicht erglänzt itn Triumphe, und er scharrte von dem in der Mitte des Tisches h Soviel als das Queustück im Färbel. Hier zwei gleiche Einheiten.? ausgebreiteten Taschentuch die Kupferkreuzer zusammen. Die anderen schauen ihn mit neidischen bösen Blicken an. Doch dies dauert nicht länger als eine Sekunde. Hastig aufgeregt werfen sie die Zettel in den Hut; der, welcher an der Reihe ist, rüttelt den Hut, schaut in die Lust und greift dabei in den Hut, nimmt je zwei Zettel heraus und verteilt diese. Das Spiel wird fortgesetzt. Es ist ein mörderisches Spiel, so wie das Färbel, sein - System'ist auch dasselbe. Ein Glücksspiel, das sich ganz allein auf das Schreckenmachen gründet. Wer so ruft, als ob er auf beiden Zetteln eils hätte, oder gar auf beiden Rausch, der heißt Zweier oder Eilfer, der hat gewonnene Sache. Der arme Bocher freilich spielt nur um Kupferkreuzer, doch das ist gerade genug für ihn. Oft verliert er eben jene vier Kreuzer, wofür er sich zum Frühstück Brot hätte kaufen können. Berele war ein naiver Mensch, der die kleinen Geheimnisse des Jeschiwalebens nicht kannte, in seinem Leben weder Karten noch Kewitl gesehen hatte, und als er die in andachtsvoller Stille versunkene Gesellschaft erblickte und sah. daß sie mit entsetzten Blicken von kleinen Zetteln etwas ablasen, entsetzte er sich auch, denn er meinte, daß jene sicherlich kabbalistische Uebungen trieben und jene Zettel nichts anderes wären, als lauter heilige Namen. Noch leiser, noch geräuschloser trat er von der Tür weg. Wieder ging er zu Tante Breindls Bett, und noch ergriffener flüsterte er: „Das ist eine Freude. Es gibt auf der Welt keine schönere Sache, als die Wissenschaft." „Das glaub' ich," antwortete Tante Breindl. „Aber das ist noch gar nichts. Das richtige Lernen beginnt erst, wenn Liweitzer kommt." „Also ist er schon gesund?" „Er kommt schon seit einer Woche her. Immer nach Mitternacht, denn dann entläßt ihn erst der Rabbi. Das istein großer Gelehrter. Wissen Sie, Reb Berele, ich liege hier und höre ihnen bis zum Morgengrauen zu. Als ob Engel singen würden; die Luft ist lauter Feuer. Manchmal, wenn sie einen großen Heiligen erwähnen, meine ich, daß das Zimmer in Flammen steht. Was soll ich Ihnen sagen, ich bin eine arme Frau, aber mir ist das Himmelreich sicher. Kleinigkeit, wie diese da lernen. Der Atem aus ihrem Munde ist auch heilig. Sie erwähnen auch nur heilige Namen. Rambam^) und den Ehassam Sojfer,2) dann Reb Wine und Reb Wascheb) und den Reb Hauptwort und Reb Zeitwort. Diese beiden müssen besonders große Heilige, sein." „Das glaub' ich," nickte Berele. „Reb Zeitwort? Kleinigkeit!" Berele spülte seine Hände ab. rückte sich einen Sessel zu Tante Breindls Bett hin, entnahm seinem Ränzel ein großes Stück Brot und kaute es mit solcher Andacht, als ob er Gott weiß welch' eine heilige Sache vollführte. Er ließ es sich noch immer gut schmecken, als die Tür. aufging und mit leisem Gruß Liweitzer eintrat. Seinem Antlitz sah man noch die Krankheit an, doch sein Auge glänzte in ungebrochener Kraft. Als er Berele erblickte, huschte eine Wolke über sein Gesicht. Doch die Jungen blinzelten ihm ermunternd zu, und mit neuer Kraft wurde der Pilpul begonnen. (Fortsetzung folgt.) l) Maimonides. 2j Moscs Sofer, Preßburger Rabbiner und berühmter Talmudist. 3) . Sftabbi Arsina und Raw Caschi, die Verfasser des Talmud. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für di« Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin