Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Fleischtöpfinnen" (S. 327), die „Uebermüte" (S. 439) und gar manches andere. (S. 64 muß es heißen: Beers „Paria" statt Roberts „Paria".) Kritische Einwendungen habe ich ferner gegen einen Grundsatz zu machen, der bei Behandlung der Werke durchgehends angewendet wird. Es ist der, daß Aufsätze, Gedichte und Schriften analysiert und kritisiert werden (diese Darlegung und Beurteilung des Inhalts zeugt zumeist von einer großen Reife des Urteils und verdient trotz einzelner Einwendungen, die dagegen zu machen sind, die höchste Anerkennung), nicht bei der Darlegung der Zeit, in der sie abgefaßt und zuerst in Zeitschriften publiziert wurden, sondern bei der Durchnahme der Epoche, in der sie zuerst in Buchform erschienen. Dadurch wird meines Erachtens der Standpunkt für die Beurteilung einigermaßen verrückt. Das gilt besonders für die Liederzyklen: Junge Leiden, Intermezzo, Heimkehr, Ollea. Besonders unangenehm tritt es hervor bei' dem „Rabbi von Bacherach", einem Jugendwerke, das eigentlich nur au^ den Stmünungen der Frühzeit zu verstehen und zu würdigen ist, und das in einen falschen Gesichtswinkel gerückt l wird, dadurch, daß es erst bei den Schriften der vierziger Jahre eine Behandlung findet. Denn wenn es der Welt'mit Zufügung eines hastigen Schlusses auch erst damals mitgetdilt wurde, so gehört es trotz dieses Schlusses, der überdies den fragmentarischen Charakter der Erzählung gar nicht zv verwischen vermochte, einer durchaus früheren Epoche an. Doch was wollen alle diese kleinen Ausstellungen besagen gegen die großen Vorzüge dieser neuen Biographie, die rückhaltslos anzuerkennen sind. Es ist ein Werk großen Wurfes, reisen Urteils, künstlerischer Komposition. Ueberall tritt die Bekanntschaft des Autors mit den Werken seines' Helden hervor. Er, zeigt sich wohl ausgestattet mit. dem schweren philologischen Rüstzeug. Er brüstet sich nicht mit fremden Federn, zitiert vielmehr gewissenhaft seine Vorgänger/ z. B. bei Untersuchungen über Stil und Metrum/Quellenbenutzungen und dergleichen. Er nimmt keineswegs immer frühere Resultate ohne weiteres an, weift vielmehr unter anderem den Vorwurf, Heine habe zu seiner Lorelei die gleichnamige Ballade Brentanos benutzt,mit Entschiedenheit und güten Gründen zurück. Besonders schön sind die Abschnitte über die ersten.Gedichteüber das Intermezzo, über Heines Stellung zum Judentum, über seine religiösen Anschauungen überhaupt, über Mathilde und viele andere. Man kann nicht glauben, daß Fürst nach der Art schlechter Biographen alle Taten seines Helden rechtfertigt, jede feiner Schriften für. vollkommen erklärt. Im Gegenteil. Wenn er auch nicht müde wird die unvergleichliche Lyrik gebührend zu rühmen, den glänzenden Stil des Prosaisten bewundernd hervorhebt, so spricht er ihm doch die Fähigkeit zu größeren epischen Kompositionen ab, verwirft seine Dramen, tadelt die Verwerflichkeit seines Münchener journalistischen Treibens und urteilt sehr kühl über einige flüchtige, unzuverlässige Arbeiten der letzter Pariser Zeitwährend er, wie billig, dem „Romanzero" uneingeschränktes Lob spendet.' Während ich diesen Urteilen voll und ganz beistimmewäre ich bereit ein begütigendes Wort einzulegen gegen Fürsts Verwerfung des Buches „.Le Grand", von welchem nur einzelne Partien anerkannt werden und hätte dem „Wintermärchen" (Deutschland) eine günstigere Behandlung gewünscht. AuH in. bezug auf die „Geständnisse", auf die Rückkehr zu dem alten Judengott, zur Unsterblichkeitslehre, auf das förmliche Abschwören der hellenistischen Glaubens- und Weltanschauung stimme ich mit dem Verfasser der neuen Biographie nicht überein. Die Zeugnisse des kranken Dichters, der infolge seines furchtbaren Leidens sich nach einem starken übersinnk lichen Halt sehnte und an ihm sich emporzuranken suchte, v Zeugnisse, die außer in den Werken, auch in den Briefen und ß Gesprächen sich so vielfach finden, - 'besitzen meiner Meinung I nach größere Autorität, als ihnen der Verfasser beimißt. ' * Der Biograph urteilt ruhig, wenn auch keineswegs begeistert über Heines Annahme einer Pension seitens der französischen Regierung, protestiert mit Recht gtzgen die ihm Schuld gegebene Käuflichkeit — wo freilich doch zu bedenken ist, daß Heines journalistisch-politische Artikel des letzten Jahrzehnts eine bedauerliche Umkehr bedeuten — und hebt mit vollkommen gerechtfertigter Entschiedenheit hervor, daß Heine sich niemals in Frankreich habe naturalisieren lassen wollen, ja jedem Versuch, das französische Bürgerrecht zu erlangen, entschieden wiederstrebt habe. An manchen Orten zeigt er die Willensschwäche seines Helden auf, ja nennt diese schon am Anfang der Biographie einen der hervorstechendsten Züge seines Charakters und billigt keineswegs die Stellung, die der Dichter seinen . Verwandten gegenüber einnimmt. Er räumt ein, ohne dies Gebühren so stark zu tadeln, wie er es hätte, können und sollen, Heine habe sich in den Gedanken verranntsein Genius gebe ihm das Recht weitgehende Ansprüche auf materielle Unterstützung, ja Versorgung durch seinen Onkel und Vetter zu erheben. Er entschuldigt durchaus nicht alle sittlichen Vergehungen des Dichters, wenn er auch nicht nach Art mancher patentierter Sittlichkeitswächter ihn zu einem erbärmlichen Sinnenmenschen macht und will.den Anspruch nicht gelten lassen, den Heine zwar nicht wider besseres Wissen, aber doch mit einer eigentümlichen Verkennung seines Wesens zu erheben nicht müde wurde, daß er ein domo politleus, ein Mann mit starken politischen Wesenszügen und von un- . bedingter freiheitlicher Ueberzeugung gewesen sei. .Obgleich er nun diese richtige Ansicht vertritt, kommt er zu einer Beurteilung der Börne-Heinescheu-Differenz, in der ich ihm nicht ' folgen kann. Zwar bin auch ich der Ansicht, daß Börne der ausschließlich politische Mensch, das wahrhaft feine künstlerische Erkeunüngsvermögen nicht besessen habe, ~ ein Mangel, infolgedessen er zu einer^ichtigen-/' von. Tendenzen freien Beurteilung Goethes nicht gelängt; aber die Art, ihn als blinden verhärteten, kleinlichen Menschen zu verdammen, der zur Gerechtigkeit weder Vordringen konnte noch wollte, und Heines - Auftreten als einen gerechten, nur in Notwehr handelnden Kampf zu behandeln, geht' nicht an. (Freilich wird Heines Schrift gegen Börne vom ästhetischen Standpunkt aus auch von dem Verfasser verworfen.) Mir scheint, daß die ehrliche Entrüstung des weltfremden, stoisch angehauchten, nur im Reiche seiner politischen Ideen lebenden Kämpfers Börne, der — ob mit Recht oder'Unrecht — Heine als unzuverlässigen Bundesgenossen, ja geradezu als schlimmen Verräter betrachten mußte, viel zu wenig in die Wagschale geworfen wird. Aber auch dieses letztere Bedenken, das freimütig zu äußern ich mich nicht enthalten konnte, hindert mich keineswegs der Fürstschen Darstellung warme Anerkennung zu zollen. Es ist eine tüchtige, gediegene Arbeit, feftgegründet - durch solides Wissen, durch eine große Beherrschung des vielgestaltigen Stoffes, ein Buch voll feiner, ästhetischer Betrachtungen, besonnener und meist gesunder Urteile, das dem viel verketzerten, und ebenso oft urteilslos gepriesenen Menschen und Dichter zu seinem Rechte verhilft, ein Büch, das in einer | Art, wie es bisher in deutscher Sprache noch nicht geschehen x ist, den unvergleichlichen Künstler aus nachempfindender Seele | verherrlicht. *