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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-12 · Heft 19 (12.5.1911) · p. Seite 218

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 19 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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wird — denn sie werden, schließlich doch nur vor Gesinnungsgenossen gesprochen, di^ nicht erst überzeugt zu werden brauchen —, aber> wir freuen uns des Mutes und der Geschicklichkeit der Redner: und teilen gern die Resolution mit, die'? von der großen,' durch 5000 Personen, Männer und Frauenbesuchten Versammlung angenommen worden ist. Sie lautet: „Im Gegensatz zu. der Hebung aller anderen. zivilisierten Großstaaten werden innerhalb des preußischen Heeres die Soldaten jüdischen Glaubens bei der,Beförderung hinter den Bekennern christlicher Religion und hinter den christlichen Söhnen jüdischer Eltern fortdauernd zurückgesetzt. Die Versammlung erhebt Widerspruch gegen diesen-verfassungs- und gesetzwidrigen Zustand und spricht die Erwartung aus, daß es den maßgebenden Stellen gelingen wird, diese beschämende und niederdrückende. Ungerechtigkeit zu beseitigen und das Gesetz zur Durchführung zu bringen." w ■ ' Hocherfreulich is?s auch, daß die Nationalliberalen sich ihrer liberalen Pflicht bewußt werden. In einer großen Versammlung, die in Saarbrücken vor Kurzem stattfand, hat der Abgeordnete Bassermann, der Führer dieser Partei, sich wie folgt geäußert: „Die Zudenfrage hat in den letzten Tagen im Reichstag eine große Rolle gespielt. Es handelte sich urn die Gleichberechtigung . unserer jüdischen Mitbürger zum Osfizierkorps. —" Zwei angesehene Mitglieder unserer Fraktion haben keinen Zweifel darüber gelassen, daß wir. die Zurücksetzung, mißbilligen und nach wie vor für Gleichberechtigung, sämtlicher Konfessionen eintreten." Im weiteren Verlaus' seiner Rede erklärte Bassermann weiter: ,,Wir sind dafür und treten ein,, daß nur dem Würdigsten, Tüchtigsten-im Staat, sei er evangelisch, katholisch oder Jude, die führende Beämtenlaufbahn erschlossen werde, und wir verurteilen, wenn irgendeiner höheren Kaste nur deshalb diese Stellen Vorbehalten werden:" . * " .. Es ist.ganz interessant, wie manchmal antisemitische Blätter ihr Herz, entdecken. So brachte die Magdeburger Sachsenschau" unter dem Titel „Frauenbewegung und antisemitische Bewegung" das folgende merkwürdige Bekenntnis: „Wir veröffentlichen deshalb die Fortschritte der Frauenbewegung, um den Männern zu zeigen, wie die Frau überall Boden gewinnt. Weil die meisten Männer zu schwach sind, um durch politische Reformen gesunde soziale Verhältnisse' zu schaffen, daß jede Frau zur Zeit ihrer Reise heiraten kanch deshalb haben wir die Frauenbewegung.. Die' Männer bekämpfen' nun die Frauenbewegung am besten dadurch,-daß man die Frau durch höhere Leistungen auszustechen sucht, nichtdadurch, - daß man auf die Frauenbewegung ichimpft. Das war ja auch der Fehler, der antisemitischen.Bewegung. Man. schimpfte auf die Juden, weil diese auf wirtschaftlichem, Gebiet größere Fortschritte machten, anstatt es ihnen an Fleiß und Eifep gleich zu tun und durch vernünftige Gesetze dafür zu sorgen, daß - weder Christen noch Juden sich ungebührlich auf Kosten anderer vorwärts bringen konnten." * / Aus Wien wird uns geschrieben: Zum Hundertstenmal jährte sich am 28. April der GeburtstagJanaß_Ku_r,cfudas. Sämtliche liberale Bkätter von Wien und ganz Oesterreich feierten an diesem Tage das Andenken des Mannes, dessen -Nameaufs innigsteverknüpft ist mit der Knospen- und Wlütenzeit der Freiheit- Oesterrreichs, - mit all den Kämpfen, die. deren Entstehen vorausgegangen und - auch mit allen Schlachten, ° die das Deutschtum in Oesterreich zu durchfechte'n hatte.- Unstet und flüchtig, vom Betreten der heimatlichen Scholle ausgeschlossen, hat Kur an da in kümmerlichen Verhältnissen und unter Entbehrungen den Kampf geführt für - den Zusammenschluß der Deutschen in Oesterreich und für die Erlasiung der Konstitution in seinem HeimÄlande. „Mit eigentümlichen Gefühlen," bemerkt mit Recht die „Neue Freie Presse", „erfüllt uns in der jetzigen ^Zeit die durch. Ignatz Kuranda geweckte Erinnerung an den Glanz der einstigen ' Verfassungspartei und den freiheitlichen Enthusiasmus ihrer Mitglieder. Und ebenso' seltsam mutet es uns auch an, wenn wir uns hellte daran erinnern, daß. durch Jahre der Jude Kuranda Obmann des Schulausschusses im niederösterreichischen Landtage war und an seiner Seite als Stellvertreter der Protestant Eduard Sueß fungierte, eines Ausschusses, dem der Kardinal-Erzbischof von Wien und der Abt von Melk als Mitglieder angehörten. Und wahrlich, eine Ironie' deS Schicksals muß man es nennen, daß vor wenigen Jahren jene Parteien, zu deren einstigen Größe und Machtstellung Ignatz Kuranda ein wesentliches Stück Mitarbeit beigetragen hat, seinem in das Abgeordnetenhaus gewählten Sohn den Beitritt in ihren Verband aus konfessionellen Gründen verwehrt haben. Dem Sohne Ignatz Kurandas!" < Wir aber möchten noch hinzufügen: Wie -eine Ironie mutet es uns an, wenn von deutschnationaler Seite das Deutschtum der österreichischen Juden angezweifelt wird. Ignatz Kuranda hat für das Deutschtum in Oesterreich mehr geleistet als alle Deutschnationalen zusammen, deren Stärke - in der Bekämpfung der Juden besteht. Die tschechische Nation kann noch immer nicht vergessen, welche Niederlage ihr Kuranda in seinem Bestreben, das Deutschtum zu erhalten und zu stärken, bereitet hat. Der Haß der tschechischen. Nation gegen, Ignatz Kuranda ging so weit, daß am Hochzeitstag Kurandas, der nicht wagen durfte, in Prag zu heiraten, das Haus in Kolin, wo seine Trauung stattfand, von Prager Studenten und. der Bevölkerung überfallen und demoliert wurde. Der äußere, mannigfach interessante Lebenslauf dieses ausgezeichneten Mannes, dessen Gestalt mit dem politischen Entwicklungsprozesse Oesterreichs und seiner Verfassung ebenso verknüpft ist wie mit der Geschichte der Wiener israelitischen * Kultusgemeinde, deren Präsident Kuranda eine Reihe von I Jahren war, sei hier nur kurz skizziert: ■ Ignatz Kuranda war in Prag geboren, wo sein Väter und Großvater ein Antiquariat? geschäft betrieben haben. .Im Jahre 1834 kam er zuerst nach Wien, wo er in den Kreis der damals dort versammelten österreichischen Schriftsteller und Dichter, ausgenommen ' wurde und ein Trauerspiel „Die. .letzte weiße Rose" schrieb. Ende der dreißiger Jahre führte ihn sein Interesse für Politik nach Paris und dann nach Brüssel, wo er im Jahre 1841 die.„Grenzboten" gründeten ) Später verlegte Kuranda die Redaktion des Blattes nach Leipzig, und' hier gewann dasselbe se^ne besondere Bedeutung für Oesterreich durch die Berichte über die Mißstände der vormärzlichen Zeit.. Nach dem Ausbruch der Bewegung des Jahres 1848 kam Kuranda nach Wien zurück und wurde von hier aus in den Fünfzigerausschuß nach Frankfurt a. M. und später von der Stadt Teplitz als Abgeordneter in das deutsche Parlament gewählt. Kuranda gehörte nach dem Ausgang des italienischen Krieges im Jahre 1859 . zu den ersten Persönlichkeiten,.die sich im öffentlichen politischen Leben bemerkbar machten. Im Jahre 1861 wurde Kuranda von der inneren Stadt Wien in den niederösterreichischen Landtag und in den Reichsrat gewählt, welch letzteres Mandat er 20 Jahre innehatte. Auch gehörte er mehrere Jahre dem Wiener Gemeinderat an und war zugleich bis unmittelbar vor seinem Tode Präsident der Wiener Kultusgemeinbe, die er mit bewundernswerter Geschicklichkeit und Ausdauer leitete. Im Jahre 1881 feierte das liberale Wien und zugleich die gesamte Wiener Judenschaft den 70. Geburtstag dieses . ausgezeichneten Mannes, und kein geringerer als Eduard Herbst feierte die Verdienste Kurandas um die Weckung und .Hebung des liberalen politischen Bewußtseins und der freiheitlichen Bestrebungen in Oesterreich. . Der | Tod Kurandas erfolgte am 4. April 1884 infolge eines. schweren s Herzleidens. / .., Wenn auch keine Straßentafel in Wien an ihn erinnert und die Ehre einer Platzbenennung, welche jedem Bezirksrat oder glücklichem Häuserspekulanten zuteil wird, diesem Manne vorenthalten blieb, den die österreichische Haupt- und Residenzstadtfür würdig befunden hat,

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