Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- Seite 216 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228980--67448-3279665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
und die neue bio-psychologische Philosophie hier angeführt' Werdens mußten. Als die vier großen jüdischen Geister; welche eine tiefe' Spur in die Geschichte gegraben haben, werden Moses, Christus^ Spinoza, Karl Marx angegeben, eine Zusammenstellung, die freilich^ origineller als richtig ist. Eine recht interessante Zusammenstellung' macht den Schluß des Buches aus: Anteil -der Juden an dex geistigen,-politischen,-ökonomischen und sozialen Bewegung während/ des 19. Jahrhunderts. Die Fülle der hier genannten Namen ist erstaunlich. Freilich werden -auch viele aufgezählt, die, streng genommen, gar nicht zum Judentum gehören, denn in der Liste figurieren nicht nur solche, die zum Christentum übergingen, sondern auch viele, deren Eltern, ja vielleicht Großeltern Juden waren, oder auch solche, bei denen nur Vater oder Mutter sich zum Judentum bekannten. Deutschland, Frankreich. England und Italien werden in dieser Zusammenstellung gleichmäßig berücksichtigt. Im einzelnen werden folgende Gebiete aufgezählt: Politik, Botanik, Chemie, Mathematik und Astrononrie, theoretische und praktische Medizin, Augenheilkunde, Magen- und Hautkrankheiten, Jurisprudenz, Geographie, Entdeckungsreisen, Geschichte, Philosophie, Theologie und orientalische Sprachen, schöne Künste, Dichtung, besonders Drama, Schauspieler und Schauspielerinnen, Journalisten und politische Schriftsteller, bildende Künstler, hauptsächlich Bildhauer und Architekten (Maler werden vollständig ausgelassen). :* Leider haben sich bei dieser Zusammenstellung recht viele Fehler und Mängel eingeschlichen. Von bloßen Druckfehlern, „Liebremann? für Liebermann, will ich gern absehen. Mehr als Druckfehler ist es doch, wenn der Chemiker Lunge als Lüng, der Astronom Wilhelm Beer als Berr, der Philosoph Marcus Herz als Hertz, der Philosoph Hermann Cohen als Cohn, der Historiker Jaffä als Zaffet, der Historiker Breßlau als Breslau angeführt wird, oder wenn Martin Philippson als Doyen der Universität Bonn genannt wird, eine Stelle, die er niemals bekleidet hat. Höchst auffällig ist es, daß unter den Historikern und jüdischen Gelehrten L. Zunz, A. Geiger, D. Cassel, S. R- Rappoport, Luzzatto fehlen, wohl aber H. Graetz angefühH wird, daß unter den Dichtern der fünfziger Jahre Kompert zitier; wird, aber A. Bernstein. S. H. Mosenthal und K. E. Franzos fehlech Noch schlimmer steht es mit den Dichtern der neueren - und neuesten Zeit, wo Alfred Friedmann genannt ist, dagegen Fulda, Blumenthal, Kadelburg, Schnitzler und all die zahlreichen Erzähler und Dramatiker vollständig ausgelassen sind. Gegenüber diesen AuA lassungen sind Anführungen zu erwähnen, die mir wenigstens etwas weitläufig scheinen. Ist es wirklich richtig, daß' der Urania-Meyer, daß der Nervenarzt Albert Eulenberg, um nur zwei Deutsche hervor? zuheben, zu Juden gestempelt werden. Mir war es jedenfalls neu und ich vermag nicht anzugvben, ob ein Irrtum vorliegt, daß der Kritiker Jules Janin und der Musiker Georges Bizet gleichfalls Juden sein sollen. . Die Schlußfolgerungen, zu denen der. Verfasser gelangt, sind diese. Erstens: Die Juden haben nach der französischen Revolution in allen Zweigen der Kultur ihren Einfluß geübt. Zweitens: Nach der Reaktion erfolgte ein neuer Aufschwung, der viele Vorurteile gegen die Juden zerstreute. Drittens: .'Kein Volk hat eine solche Lebenskraft bewiesen, wie die Juden. Viertens: Ihre Assimilationsfähigkeit bezieht sich nicht nur auf Aeußeres, sondern auf Inneres, so daß jüdische Dramatiker und Musiker das Leben des. Volkes, innerhalb dessen sie wohnen, glänzend darzustellen vermögen, oder daß sie in den verschiedensten Ländern als die hervorragendsten Patrioten gewirkt haben. Fünftens: Die Rolle der Juden ist nich^ zu Ende, vielmehr muß jede Macht, jede Nation mit ihnen rechnen. Sechstens: Der Antisemitismus ist dazu verdammt, gemäß dem Fortschritt der neuen Ideen zu verschwinden. Siebentens: Mit der Zerstörung.des Antisemitism ns wird das messianische Zeitalter beginnen bestehend in der endgültigen Einführung der Menschenrechte, der Herrschaft-der Liebe und der Gerechtigkeit. Achtens: Es ist zu erwarten, daß auf die Kriegsära der vergangenen und die waffeilstarrende Aera der jetzigen Jahrzehnte eine lange, ja ewige wirkliche Friedensherrschaft eintritt. DaS sind sehr schöne Grundsätze, denen gewiß viele von uns, wenn nicht geradezu wir alle von Herzen beistimmen werden, aber sie sind, wie man wohb sagen muß, durch unser Werk keineswegs völlig erwiesen. Einzelne, die sich auf die Zukunft beziehen, lassen sich ja überhaupt nur erhoffen, nicht beweisen. Ueberblickt man das Ganze, so muß man bei aller Anerkennung des Fleißes doch bekennen, daß die Kraft des Verfassers nicht gleichen Schritt hält mit seinem sehr löblichen Wi^en. Den wirklichen Einfluß des Griechen- und Judentums auf die Welt zu beweisen, bedarf es einer so unendlichen Fülle vielseitiger Kenntnisse, daß diese Leistung die Kraft eines Einzelnen überschreitet. Aber als ein höchst gut gemeinter und recht anziehender Versuch hat das vorliegende Werk seine Berechtigung. Ludwig Geiger. Lelekrüchte. — In dem Buche von H. Gloel: Goethes Wetzlarer Zeit, Bilder aus der Reichskammergerichts- und Wertherstadt, Berlin. Mittler 1910, wird in dem Abschnitt: „Die große Visitation des Reichskammergerichts 1767—1776" eine bisher in ihren Einzelheiten nicht recht bekannte Geschichte des Juden Nathan Aaron Wetzlar erzählt. Der Genannte war Hoffaktor der kurpfalzischen Fürsten und betrieb das einträgliche Gewexbe eines Sblizitators, was man nicht etwa mit Winkeladvokat wiedergeben kann,, denn er besaß ein förmliches Patent für eine Kammeragentur. Nach dem Tagebuch Kestners war Nathan Aaron Wetzlar ein schöner Mann, der sich in Seide l kleidete; man sagte, er habe über 300 000 Gulden im Vermögen. Er kam gewöhnlich in sechsspännigem Wagen und ließ sich dann in einer Sänfte zu den Assessoren und"-Prokurataren, tragen, bei denen er oft stundenlang blieb, um seine Geschäfte zu machen. Er wurde am 15. Mai 1771 verhaftet und, da er die Antwort verweigerte, durch eine. Hungerkur ^zu Bekenntnissen genötigt. Schließlich räumte . er ein, daß er im ganzen 116 000 Gulden für Bestechungen ausge" geben habe. Die Folge seines Bekenntnisses war, daß drei Beisitzer des Gerichts von ihren Aemtern suspendiert und nach langem Prozesse, ihrer Stellen entsetzt wurden. Aaron Wetzlar , wurde nach dreijähriger Untersuchungshaft zu sechsjähriger Gefängnisstrafe, von denen die Hälfte als verbüßt erachtet wurde, und zum Ersatz von über 230 000 Gulden an den Kaiserlichen Fiskus verurteilt. /Die Frau des Verurteilten wandte sich daun an den jungen Goethe, um ihre Rechte gegenüber dem Verwalter der Masse und dem Reichsfiskal zu wahren, und es haben sich einzelne Schriftstücke erhalten, in denen der junge Rechtsanwalt Frau Rachel Wetzlar verteidigte. Diese Schriftstücke waren schon längst 6on Kriegh und anderen gedruckt und zeigen die bei dem jungen Goethe eigentümliche Mischung des, seltsamen Curialstils Eit einzelnen eingestreuten lebhaften und genialen Aeußerungen. - /' r — Zu den französischen anti-jüdischen Dramen gehört Oi von Renee Peter und Danceny. Es ist ein romantisches Stück alter Mache. Im Mittelpunkt steht ein Jude: Sim on Wahl. Er stiftet in adligen Familien, in die er sich einzuführen weiß, Heiraten, ganz gegen die Neigung der Beteiligten. Besonders weiß er den Großhändler Joulin und dessen Angehörige ganz nach seinem Willen, zu lenken. Er verheiratet dessen Sohn, ruiniert ihn, läßt ihn wieder reich werden und stürzt ihn dann in das tiefste Elend. Dies alles tut er, um sich an den Genannten oder vielmehr an dessen Vgter zu rächen. Bei diesem nämlich war der alte Wahl Kassierer: er hatte seinem Patron eine Summe veruntreut, war infolgedessen entlassen und dadurch zum Selbstmord getrieben worden. Als Joulin sich dem Simon Wahl zu Füßen wirft und uM Rettung bittet, gibt ihm der Jude einen Scheck von 18 000 Francs mit den Worten „Dies ist das Kapital mit Zinsen von den 10 060 Francs, die mein Vater dem Deinen gestohlen hat. Jetzt schuldet er Dir nichts mehr, wir sind quitt." Ein recht törichtes Stück, in dem die Personifikation eines Juden als Satan, als Gott des Geldes sehr wenig gelungen'ist. (Nach einem Feuilleton von Adolf Briffon in. der Pariser Zeitung „Le Temps“, September 1908.) L. G. Druck und Verlag von RudolfMosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: MaLBauchwitz in »erlin.