Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Mischejirze-Männ? 4 Der; Allerletzte?« Wennr man. mir. befiehlt zu fasten; dann« faste ich?' Aust Befehl soll ich: fasten, nicht« darum, weil es mir gefällt? Für einen, andern soll ich fasten und nicht für mich? Und wer wird' für mich: fasten? Wer wird an meinem Stelle fasten, frage 5 ich?" „Aber Berele!" beschwichtigte ihn Heimlich. „Gar. kein Berele!" donnerte der erzürnte, Mann. „Reb Ber! Verstehst Du? Reb Ber Beer.. Und Reb Ber, Beer fastet nicht für Tagelohn. Verstehst Du? Reb Ber fastet dann, wenn es ihm gefällt. Verstehst Du?" Ore Heimlich trachtete hinauszukommen. Er ging zu Eschkeles, um dort das Fiasko zu melden. Esterchen brach fast in Tränen aus. Sie hatte Gutes'tun wollen, sie wußte nicht, daß diese Stellte für Berele nicht Passe: Eschkeles beruhigte sie: sie möge unbesorgt sein, denn jetzt würde er die Sache in die Hand nehmen. Esterchen quälte ihn dann immer mit der Frage, ob jener arme Mann schon eine Stelle habe. Es verstrichen drei und vier Tage und Eschkeles mußte immer noch verneinend antworten. Am fünften Tage endlich konnte er sagen: „Nun, mein liebes Kind, hat Dein Schützling schon seinen Posten. Zum Landesrabbiner konnte ich ihn zwar auch jetzt nicht machen, doch was die Stelle betrifft, ist dies auch eine." Dann erzählte er, daß die jüdische Gemeinde Berele Beer zum Nachtwächter gewählt habe- Diese Stelle hatte man direkt für ihn kreiert. Bisher gab es nur einen städtischen Nachtwächter, doch dieser stand im Verdacht, mit den Langfingern gemeinsame Sache zu machen, denn die vielen Einbruchsdiebstähle gingen nicht mit rechten Dingen zu. Demzufolge hatte die jüdische Gemeinde beschlossen,- einen separaten Wächter anzustellen, und die Wahl fiel auf Berele- Diesen Posten wird er wohl annehmen. 4 Gewiß nahm er denselben an, denn dies war ein wirkliches Amt. „Kleinigkeit," erklärte er feiner Frau, „was das für ein Amt ist! Es gibt einen Rabbi und es gibt einen Nachtwächter. Der Rabbi gibt acht auf das, was teuer ist und der Nachtwächter auch. Stelle Dir vor, Bruchele, daß jeder Ladenschlüssel jetzt in meiner Tasche ist. Er befindet sich zwar nicht in meiner Tasche, doch es ist ebenso, als ob er darin wäre." Montag abends sollte er sein Amt antreten. Berele ging den ganzen lieben Tag aufgeregt hin und her. Da brachte er eine halbstockhohe Lanze nach Hause, bald wieder eine Laterne, eine hohe Schaffellmütze und einen langen Bauernrock. Als alles beisammen war, zog er den Bauernrock an, setzte die Mütze auf den Kops, griff nach der Lanze und stellte sich dann vor Bruchele hin, um zu hören, was sie dazu sage. Bruchele war entzückt. So hatte sie sich die Makkabäer vorgestellt, so furchterweckend. Indes pochte in Bereles Brust kein Makkabäerherz, und dieses Herz schnürte sich zusammen, als ihm einfiel, daß er bei Nacht, im Finstern, in menschenleeren Gassen wachen solle, und es in der Welt auch Diebe gebe. „Bruchele," sprach er, indem er zu lächeln versuchte, „Du glaubst vielleicht, daß ich mich fürchte? Keine Spur. Warum soll, ich mich fürchten?" h Zu dem Kapitel der biblischen Flüche rust man die Gläubigen nicht u it dem Namen auf. Die Formel des Ausrnsens lautet: Jaamod Mischejirza ----- Komme herauf, wer da will. So pflegt gewöhnlich ein ganz Armer zum Thöralefen zum Altar zu treten. M ischejirze ist also in übertragenem Sinne soviel als: der Letzte. Doch) als es zw dämmern« anfing, nahm er-dennoch-das Gebetbuch hervor und betete.: Er betete« ohne: Auswahl« wasihm. unter die- Augen kam. Sogar das-Gebet derjenigenwelche am Meere reisen. Was kann man wissen? Es« kann in der Nacht ein Sturm entstehen, oder ein. anderer Spektakel. Um halb neunmachte er sich auf den Weg. Beängstigende Stille herrschte in der kleinen Stadt. Dje: hartgefrorenen Erdschollen knirschten unter Bereles nägelbeschlagenen Stiefeln und jeder seiner Tritte war laut hörbar. Berele erschrak vor dem verräterischen Schall. Wenn zwischen den Häusern Diebe herumschleichen, dürfen sie doch nicht * wissen, wo er herumgeht. Und fortan bestrebte er sich, auf den steinigen Wegen leise, vorsichtig aufzutreten. Nirgends zeigte sich ein lebendes Geschöpf und Berele fing an, sich mutiger zu bewegen. Diese. Nachtwächterschaft, ist ja ein herrliches. Amt und garnicht einmal so gefährlich. Nach elf Uhr vernahm er dann ganz unerwartet von dem entgegengesetzten Ende der Gasseher das verhaltene« Geräusch schlürfender Schritte. Die schlürfenden Schritte kamen näher. In Bereles Adern erstarrte das Blut. „Diebe!" stammelte er und streckte mit schrecklicher Entschlossenheit seine Lanze vor, doch rührte er sich nicht dabei, denn die Füße wurden ihm so schwer, als ob sie aus Blei wären. Die Schritte kamen immer näher. „Na Berele," murmelte er, und zitterte dabei an allen Gliedern, „jetzt kannst Du morden. Rebojne schel Ojlem, also Du willst, daß ich morden soll? Und was tue ich, wenn ich ihn kenne? Darf ich einen Bekannten niedersiechen? Du kannst nicht wollen, daß ich einen Bekannten erstechen soll." Und er preßte die Augenwimpern aufeinander, so daß er außer zitternden, roten Kreisen gar nichts sah. Jetzt hörte er schon das Atemholen des gefürchteten Feindes. Berele fühlte, daß er jetzt handeln müsse. Er. sollte , sich auf ihn werfen und sagen: „Hopp, ich Hab' Dich." Doch er warf sich nicht aus ihn, denn es kam ihm in den Sinn, daß er noch niemanden beschämt habe. Also stand er nur wie festgewurzelt da und stammelte tonlos das t.eedo daudi, da ihm kein anderes Gebet einfallen wollte. Doch der. liebe Gott kann ja auch-aus diesem alles verstehen. Jetzt aber stieß jemand an ihn. Berele schrie auf: „Schema Jißroel!" Und schaute mit entsetzten Blicken auf den Angreifer Er sah zwei glühende Augen und dann lange Zeit gar nichts. Als er sich von dem plötzlichen Schwindelanfalle erholte, sah er, daß der Räuber kein Räuber, sondern ein gewöhnlicher großer Haushund sei. Ein solcher kann einem wohl auch Schrecken einjagen, doch dieses Tier rieb seine Nase so freundschaftlich an seinem Rocke, daß sich Berele ganz sicher fühlte. „Ei sieh doch, dies ist ja des Verwalters Hund," sprach er, nachdem er soviel Mut gefaßt hatte, um den Hund besser in Augenschein zu nehmen. Der Hund rieb sich noch mehr an ihm, als ob er sagen wollte: „Freilich bin ich des Verwalters Hund. Du kennst mich ja, Berele; ich habe Dich gebissen, erinnerst Du Dich nicht?" Doch Berele erinnerte sich dessen nur zu gut und entzpg sich hochmütig seinen Liebkosungen. Jetzt wird er mit ihm abrechnen. „Also Du bists," sprach er hoffärtig wie ein Schloßherr, der seinen Feind zum Gefangenen gemacht hat. „Pun, jetzt beißest Du nicht? Du getraust es Dich nicht, was? Du