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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-05 · Heft 18 (5.5.1911) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 18 (5.5.1911)
Date
1911-05-05
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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kämpfender Grundsätze", so daß sein Name mit der Geschichte unserer Gemeinde und des Berliner Rabbinats für alle Zeit unzertrennlich verknüpft bleiben wird. Der schmerzgebeugten Gattin des Verblichenen und allen, die ihm im Leben nahestanden und nun um seinen Heimgang trauern, möge das altjüdische Dichterwort besänftigenden Trost künden: Der gute Ruf, den sich der Mensch erringt, Viel schöner einst als Rang und Titel klingt. Albert Katz. Dir lkchlte ordentliche Tagung der bsdilchen Lsndeslynode. in. aß der Ministerialkommissär sich mit dem Oberrat solidarisch erklärt und auch den Versuch, einen Keil zwischen Oberrat- und Regierung zu treiben, zurückgewiesen hat, will natürlich dem Herrn Dr. Simon ebenso wenig gefallen, wie die Bemerkung, daß er hinsichtlich der von dem Präsidenten mit dem Ordnungs-. ruf belegten Aeußerung den Rückzug angetreten habe. Er appelliert hiergegen, statt die Entscheidung der Synode über die Berechtigung des noch immer bestehenden Ordnungsrufs zu erbitten, an die Oesfentlichkeit. Gegenüber Geheimrat Meyer bemerkt er, daß er mit dem „Israelit" und mit dem, was das Mainzer Gericht über diesen geurteilt, nichts zu tun habe. Er will aber jetzt die Bedrückung der Orthodoxie durch den Oberrat — also genau dasselbe, was der „Israelit" behauptet hatte und wofür er bestraft worden war — noch handgreiflicher beweisen, indem er auf die Rede des genannten Oberratsmitglieds vor der außerordentlichen Synode von 1907 und sogar auf die Erklärung des Oberrats vom 26. Oktober 1903 gegenüber dem unwahren und beleidigenden Gründungsaufrnf des „Vereins zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden" zurückkommt, dabei hat er ganz vergessen, daß er nach seinen Eingangsworten nur einen Rückblick auf die Ereignisse seit der Synode von 1908 werfen und aus diesen den Friedensbruch des Oberrats und der Bedrückung der Orthodoxen klarmachen wollte. Von der durchaus sachlichen Abwehr der Angriffe, jenes Vereins sagt er, daß der Oberrat damit „diese Gesetzestreuen sofort als eine Rotte von Verschwörern, von Revolutionären stigmatisiert" habe. Und der durch Zischen sich kundgebende Unwille der Versammlung hält ihn nicht ab, mit den Worten zu schließen: „Ich glaube, die höchste Hoheit, das ist unser jüdisches Gottesgesetz innerhalb des Judentums. Wenn aber das als unsere höchste Hoheit gilt, dann sitzt hier die Rechte — und am Regierungstisch die Anarchie." Jetzt ist die Geduld der in größter Erregung befindlichen Versammlung erschöpft. Man ruft: „Da hört doch alles auf", und Rechtsanwalt Dr. Land er-Pforzheim, den Dr. Simon wohl auch zu seinem Block gerechnet hätte, schüttelte ihn ganz energisch ab. Der Präsident erteilt ihm den zweiten Ordnungsruf unter Hinweis auf die geschästsbrdnungsmäßigen Folgen (eventuell'Ausweisung aus der Sitzung). Oberrat Ettlinger protestiert energisch gegen das dem Oberrat völlig grundlos unterstellte „System" der Bedrückung der Orthodoxie, gegen die behauptete „diplomatische" Durchführung dieses Systems, gegen den Versuch, zwischen „dem maßgebenden Faktor des Oberrats" und den übrigen Mitgliedern der Behörde zu unterscheiden, und namentlich gegen die Schlußworte des Dr. Simon. Auf diese erklärt er: „Wir sind stolz auf unfern Gottesglauben, wir sind stolz auf unser Judentum; wir sind aber auch stolz darauf, in unserem Lande eine geordnete Verwaltung unseres Judentums zu haben, geordnet sowohl nach der geschäftlichen als nach der religiösen Seite hin Anarchisch handelt derjenige, der diese Ordnung zerstören will, indem er derartige. Angriffe macht". (Zustimmung!! Als hierauf der Präsident den bereits eingegangenen Antrag auf Schluß der Generaldebatte zur Abstimmung bringen will, bittet Rechtsanwalt Kassewitz - Freiburg, vorher „einige ganz kurze Bemerkungen" machen zu dürfen, und hält dann, nachdem er hierzu die Erlaubnis erhalten hat, eine mindestens- . viertelstündige Verteidigungsrede für seinen Parteifreund Dr. Simon, indem er selbst in Loyalitätsbeteuerungen gegenüber dem badischen Fürstenhaus sich ergehend, für die gleiche Loyalität des Dr. Simon sich einsetzt — die gar niemand bestritten hatte — und indem er die allerdings im Wortlaut „mißverständliche und ungeschickte" Aeußerung des Genannten nun seinerseits dahin interpretiert, daß derselbe nur einen Gegensatz feststellen wollte zwischen dem verstorbenen Großherzog und seinem Werk auf der einen Seite und dem, was der Oberrat aus diesem Werk gemacht habe, auf der änderen Seite. Mit dieser freundschaftlichen Interpretation erklärt sich Dr. Simon durch ein „Sehr richtig!" einverstanden. Den zweiten Ordnungsruf (wegen der „Anarchie") bezeichnet auch Abg. Kassewitz als gerechtfertigt. Dagegen bittet er den Präsidenten fast flehentlich, jenen ersten zurückzunehmen. Ebenso bittet er den Ministerialkommissär „recht herzlich und dringend" die Bezeichnung der zweiten Erklärung des Dr. Simon als eines „Rückzuges" zurücknehmen zu wollen. Während auf diese letztere Bitte jede Antwort ausbleibt, will der Präsident, indem er den beanstandeten ersten Ordnungsruf vorerst aufrecht erhält, die „Verteidigungsrede" des Herrn Kasselvitz in Erwägung ziehen und später auf die Sache zurückkommen. Das geschieht dann in der Nachmittagssitzüng, bei deren Beginn Dr. Simon erklärt, er erkenne unumwunden an, daß der fragliche Ordnungsruf des Präsidenten subjektiv berechtigt war; es habe ihm jedoch vollkommen ferngelegen, gegen die derzeitige Staatsregierung, geschweige denn gegen den jetzigen Landesherrn etwas Verletzendes sagen zu wollen. Nach dieser Erklärung und in der Annahme, daß Dr. Simon sich zeitlebens in seinem Gewissen bedrückt fühlen würde, wenn es bei dem ersten Ordnungsruf verbleibe, nimmt der Präsident denselben nunmehr zurück. Es beruhigt uns außerordentlich, daß Präsident Oppenheim dies getan hat; denn andernfalls läge es nahe, das wenige Tage nach der Synode erfolgte Ableben des trefflichen Mannes mit der inneren Unruhe wegen Dr. Rudolf Rngerleider.

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