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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-05 · Heft 18 (5.5.1911) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 18 (5.5.1911)
Date
1911-05-05
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
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MS Geschäfte, die SamstagS ihre . Läden geschlossen halten, getroffen werden, so daß diese in der Lage sind, Sonntags ihr israelitisches Kontorpersonal einige. Stunden zu beschäftigen. Der Stadtrat ist nach wiederholter Prüfung der Angelegenheit nicht in der Lage, seine rechtlichen und sachlichen Bedenken gegen die Zulassung solcher Ausnahmen aufzugeben. Gerade die verflossenen Passahfeiertage haben die Fmge brennend gemacht. Dadurch, daß die christlichen Osterseiertage unmittelbar den jüdischen folgten, und die zweite Hälfte der Feiertage sich direkt an den Ostermontag anschloß, daß der Freitagabend 24 Stunden nach dem Ende des Passahfestes einsetzte und wieder .wie gewöhnlich der Sonntag dem Sabbat folgte, ergeben sich beinahe zwei Wochen fast ununterbrochener Ruhetage für den, der die jüdischen Feiertage beobachtete und die staatlich gebotenen berücksichtigen muß. In solchen Ausnahmefällen müßte sich ein Ausweg-finden lassen, wenn nicht kleinere Existenzen geradezu ruiniert werden sollen. Daß die „Staatsbürger-Zeitung" Gedichte aufnimmt, interessiert unsere Leser wenig; daß sie unter aller Kritik sind, können sie sich denken. Ein an die Juden gerichtetes beginnt mit den schönen Worten: „Auch ihr seid Menschen" und ist so höflich, den Juden es nicht als Verbrechen anzurechnen, daß sie geboren sind. Es preist den Juden „den rohen Kaffer" zum Vorbild an, der Staaten bilden könne, und rät ihnen, ein gleiches zu tun, — dann sei die Judensrage gelöst. Folgende Strophe beschäftigt sich mit den Zionisten: Und weiter hört auf eure. Zionisten: Es zieht ein Wetter über euch herauf! Ihr werdet niemals. Deutsche oder Christen, ■■ (Geht nie in einem andern Volkstum aus. Es läßt kein Volk sich dauernd überlisten, " Und nichts hemmt der Vergeltung harten Lauf,; 4 Wenn euch die Völker zum Gericht beordern, " Um Rechenschaft für euer Tun zu fordern! ’l Solcher Bundesgenossen mögen sich die Zionisten freuen; die „Staatsbürger-Zeitung" gibt ihnen Recht. . Um nicht mit den öden Reimereien des Antisemitenblattes schließen zu müssen, sei. noch folgende Notiz aus den Blättern zur Abwehr des Antisemitismus angesügt : Fogazzaro und die Juden. Verjüngst verstorbene Dichter Antonio Fogazzaro gehörte zu den berühmtesten Dichtern des jungen Italien. „Corriere Israelitico“ erinnert nun daran, daß dieser Dichter anläßlich der großen Pogrome sein gewichtiges Wort gegen die russischest Grausamkeiten erhob. Ganz spontan richtete damals Fogazzaro an einen italienischen Rabbiner folgendes Schreiben: ' . Vicenza, den 21. November 1905. , Geeffrter Herr! Es gibt, glauben Sie mir, keinen Christen, der dieses Namens würdig ist, der nicht von der brutalen Grausamkeit des russischen, nach jüdischem Blute dürstenden Pöbels mit Abscheu sich abwenden würde; es gibt keinen Christen, der dieses Namens würdig ist, der nicht vor Scham erröten würde angesichts der barbarischen Unduld' samkeit, unter welcher die Juden in anderen Ländern, leiden, in denen die christliche Religion, die Religion der Liebe nur in Worten bekannt wird. Italien liefert in dieser Hinsicht ein großes Beispiel hoher Zivilisation. Aber was können wir gegen diesen barbarischen Furor beginnen? O diese schmerzhafte Ohnmacht! Ich habe den innigen Wunsch, daß das viele vergossene jüdische Blut endlich einmal ebensoviel Mitleid und Gerechtigkeit Ihrem edlen Volke gegenüber zeitigen möge. Antonio Fogazzaro. Sabbinrr Dr. Ludolf Änserleider. schmerzliche Kunde von dem am 25. April plötzlich erfolgten Ableben des emeritierten Rabbiners Dr/Rudolf Ungerleider hat in den weitesten Kreisen unserer Gemeinde tiefe Trauer und innige Teilnahme wachgerufen. Mit dem edlen Entschlafenen ist ein Mann aus unserer Mitte geschieden, in dem die Berliner Judenschaft nicht nur den durch gediegene Gelehrsamkeit ausgezeichneten Rabbiner verehrte, sondern und hauptsächlich den treuen und herzgewinnenden Menschen, den Priester" der Wahrheit und des Friedens, dem man als letztes Geleitwort in die Ewigkeit die Worte des Propheten Maleachi Nachrufen darf: „Lehre der Wahrheit war in seinem Munde, und Falsch ward nicht gesunden auf seinen Lippen, in Frieden und Redlichkeit wandelte er mit mir, und viele brachte er von Sünden zurück."' Friede und Eintracht , bildeten die Richtlinie seiner langjährigen rabbinischen Wirksamkeit, und auf dem von ihm erwählten und nie verlassenen.Lebenswegestanden mit goldenen Lettern die Worte des Redaktors der Mischnah geschrieben: „Er gereicht zur Ehre dem, der sich auf ihm hält und bringt ihm Ehre bei den Menschen." Rudolf Ungerleider wurde am 16. September 1833 in ' Neutra in Ungarn als Sohn frommer Eltern geboren und durch eine sorgfältige jüdische Erziehung schon als Kind für seinen späteren Beruf vorbereitet. Nachdem er das Gymnasium mit gutem Erfolg absolviert hatte, ging er nach Prag, wo er an der Universität Geschichte und Philosophie studierte und zugleich mit großem Fleiß seine talmudischen Studien fortsetzte. Seine Lehrer, von denen er auch die rabbinische Autorisation erhielt, waren die rühmlichst bekannten Gelehrten Baneth und Rapaport, deren Lebensmaximen dein Verblichenen stets vorauleuchteten. Nach kurzer Wirksamkeit als Rabbiner in,> der königlichen Freistadt Güys in Ungarn wurde er in gleicher Eigenschaft , nach der altehrwürdigen Gemeinde Rawitsch berufen, wo er zirka fünf Jahre segensreich wirkte, und von dort im Oktober 1869 als Rabbinatsassessor der jüdischen Gemeinde in Berlin gewählt. Der 4. Dezember 1869 war der Tag, an dem Dr. Ungerleider in sein Amt, das er bis zum 4. Dezember 1894 bekleidete, eingeführt wurde. Ist ein Vierteljahrhundert an und für sich in dem Leben eines Seelsorgers ein an Erfahrungen und Erlebnissen reicher Zeitabschnitt, so waren die 25 Jahre seiner Amtstätigkeit in Berlin in dem Leben unserer Gemeinde mit die bedeutsamsten ihrer Gesamtentwicklung... Zur Charakterisierung jener Zeit wiederhole ich hier, was ich vor 16 Jahren anläßlich des 25 jährigen Amtsjubiläums des - Verstorbenen geschrieben habe: - Noch vor der Einweihung der neuen Synagoge war der unvergeßliche Michael Sachs gestorben (1864), vier Jahre vorher war. ihm Jacob Joseph Oettinger im Tode vorangegangen. Im Anfang des Jahres 1868 trat Joseph Aub ins Amt, .zu dessen ersten Amtshandlungen die Einweihung der neuen Synagoge gehörte. Nach drei Jahren wurde neben ihm Abraham Geiger und, wie schon oben bemerkt, im Oktober .1869 Dr. Ungerleider erwählt. Es Hatte in jenerfür die Geschichte unserer Gemeinde bedeutsamen Zeit jene Richtung gesiegt, die im Sinne des Friedens auf dem Boden des historischen Judentums im lebendigen Zusammenhänge mit der geschichtlichen Tradition fortarbeiten wollte. In Dr. Ungerleider, der auf dieser Grundlage allezeit als Mann des Friedens stand, hatte unsere Gemeinde ein alles Edle fördernde Kraft gesunden, „einen Priester der Milde inmitten

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