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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-05 · Heft 18 (5.5.1911) · p. Seite 207

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 18 (5.5.1911)
Date
1911-05-05
Page
Seite 207 (sequence 3)
Language
German
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10V Polen und 47 Juden. Die jüdischen Häüser würden von rüthenischen Bauern überfallen und die Bewohner mißhandelt. Vier Personen sind schwer verwundet. Die Gendarmeriemannschaft war nicht imstande, die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen; es mußte ' daher aus Rawa-Ruska eine Kompagnie Infanterie'requiriert werden. :Heute -früh wurde eine große -Anzahl von Rüthenen verhaftet. Die Angaben über den Anlaß zu den Ausschreitungen sind widersprechend. Mit der Wahlagitation scheinen die Exzesse nicht im Zusammenhang zu stehen. Da ist es nun erfreulich, daß es sich innerhalb des Judentums regt. Geht auch diese Regung zunächst von orthodoxer Seite aus, so ist jede wirkliche Belebung jüdischen Sinnes willkommen. Aus Lemberg wird der „N. I. K." geschrieben: Die organisatorischen Bemühungen und Erfolge der gesetzestreuen Judenheit in Westeuropa haben endlich auch die Führer der gälizischen Orthodoxen gewogen, dem Niedergang des religiösen Lebens, ter sich auch in Galizien von Tag zu Tag.'immer mehr bemerkbar macht, durch den Zusammenschluß und die gemeinsame Arbeit der traditionell gesinnten Kreise entgegenzuwi'rken. Der bekannte Chassiddimrabbi von Czortküw, R. Israel Friedmünn, hat dieser Tage einen Aufruf an sämtliche gälizischen Rabbiner erlassen, in dem er sie avffordert, eine allgemeine Rabbinerversammlung einzuberufen, um Mittel und Wege zur Hebung deS religiösen Sinnes der Volksmassen und zur Förderung des Thorastudiums ausfindig zu machen. Einen recht interessanten Artikel: „Auswärtige Fragen im amerikanischen Kongreß" enthält die „Kreuzzeitung". Der Artikel bespricht das Verhältnis Amerikas zu Deutschland, England, Japan, Rußland, Mexiko; der aus Rußland bezügliche Abschnitt ist auch für unsere Leser von Interesse. Er lautet: Im Repräsentantenhause sind von den Abgeordneten Sulzer, Ha'rrison und Golbfogle (Jude) verschiedene Resolutionen eingebracht, in denen der Präsident aufgefordert wird, den Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland zu kündigen, weil Rußland gegen amerikanische Bürger mosaischen Glauben „diskriminiere". Da der erste der genannten drei Abgeordneten sthr einflußreich und angesehen ist, so ist die Sache von Bedeutung. Die Resolutionen wurden-dem Komitee für auswärtige Angelegenheiten überwiesen, dessen Vorsitzender Sulzer ist. Im Senat sind ähnliche Resolutionen eingebracht. Bekanntlich handelt es sich darum, daß Rußland keine fremden Juden ins Land läßt, auch dann nicht, wenn sie amerikanische Bürger sind und amerikanische Pässe haben. Man will Rußland zwingen, das zu tun. Kürzlich ist schon ein New Horker Rabbiner nämetts Stephen 'S. Wise im ganzen Lande herumgereist. Um gegin Rußland zu agitieren und die Aufhebung des Mit Rußland Mgeschlössenen Vertrages zu empfehlen, da Rußland ihn gebrochen habe. -Es handelt sich üm den im Jahre 1832 zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten abgeschlossenen „Händels- und Freundschaftsvertrag". Schon neulich hat im Repräsentantenhause der Abgeordnete Paiesans heftig gegen Rußland vom Leder gezogen und hat ebenfalls gefördert, den Äertrag mit Rußland für null und nichtig zu erklären, hatte aber damit kein Glück. Das war noch im alten Kongreß; im neuen, wo die Demokraten die Mehrheit haben, hoffest 'die"Freunde der'Juden dagegen, mit ihrer Forderung durchzudrin gen. ' Parsons, der von Oskar'Straus, dem früheren (jüdischen) Vötschafter Amerikas in Konftantinopel, instruiert war, erklärte in seiner Rede/der 1. Artikel .des Vertrages mit Rußland sehe vor, daß die'Angehörigen der einen Nation das Recht, freien Zutritts, ungestörten Aufenthalts usw. im Gebiet der anderen Nation genießen sollten. Nichtsdestoweniger werde der jüdischen Klasse der amerikanischen Bürger dieses -Recht vörenthalten. Es sei nun freilich fraglich, ob die Union, wenn sie diesen von Rußland ^ebrMMnVertvag formell astfhebe, bald einen neuen bekommen. Werde, wörin Rirßlastd sich äusdrüÄich verpflichte, ferner» chiN -nicht in^ dieser Weise M diskriminieren. Aber trotzdem schulde Amerika es dem fundamentalen Prinzip religiöser Toleranz und dem Prinzip 'der Gleichberechtigung aller Bürger, jenen Vertrag 'aufzuheben. Bei der Beratung der netten Resolution im Kongreß darf mast sich auf die schärfsten Angriffe gegen Rußland gefaßt machen. In den. jüdischen Versammlungen auf der 'Ostseite wird gegen Rußland scharf gemacht, wie wenn morgen der Krieg erklärt werden sollte. In der „Kölnischen Volkszeitung" finden wir eine Ausführung ,,D er Antis em iti sm us in d er'Tür'kei", den wir, ohne uns für seine Korrektheit zu verbürgen, hier wiedergeben: Die Abneigung gegen die Freimaurerei im jungtürkischen Komitee hat-Nun glücklich zur Aufrollung der Judenfrage in derKamwer und in der Presse geführt. Seit einigen Wochen spricht man nur von Zionismus, Juden und Antisemitismus. Wie seinerzeit gegen die geplante Massen ansiedlung deutscher -Bauern längs der Anatolischen Eisenbahn, so wendet sich jetzt das türkische Volk gegen die Massenansiedlung europäischer Juden in Palästina. In wenigen Tagen hat die zionistische Bewegung alles wieder verloren, was sie in den letzten drei Jahren mit großer Klugheit erreicht hatte. Wie die Verhältnisse heute liegen, ist der Plan der Zionisten, in Palästina einen kulturellen Mittelpunkt des Judentums zu schaffen, als gescheitert zu betrachten. Der' Großwesir hat sich entschieden dagegen ausgesprochen und dafür den Beifall der oppositionellen Abgeordneten der Kämmer gefunden. In Palästina gibt es schon eine stattliche Anzahl jüdischer Kolönisten die sich in der Hauptsache mit Weinbau beschäftigen. Die jüdischen Kolonien blühen, und in Jaffa hat sich in den letzten Jahren ein ganz neues jüdisches Viertel mit einem Gymnasium.„Herzlia" gebildet, Den meisten türkischen Abgeordeten dürfte es gar nicht bekannt sein, daß die Juven auch tüchtige Ackerbauer sein können, sie sehen nur die paar jüdischen Geschäftemacher in der Umgebung des Finanzministers, und die jüdischen Wucherer, und beurteilen danach das ganze jüdische Volk. Der Finanzminister, der ein Dönme, der ein zum Islam üb ^getretener Jude ist. hat sich mit einigen jüdischen Vertrauten umgeben und dadurch den letzten Anstoß zum plötzlichen Anfflackern des Antisemitismus gegeben. Diese Vertrauten. Salem und Menasche aus Saloniki, sind die ärgsten Feinde des Zionismus, weil sie aus den heutigen Verhältnissen großen Vorteil ziehen. Diese zwei Herren plündern die Juden mit derselben Gründlichkeit wie die Christen aus. Die Saloniker spanischen Juden sind überhaupt jedem Fortschritt abhold, sind außerordentlich fanatisch und hassen nicht nur die Gjaurs, sondern auch die Aschkenasim, die deutsch-polnischen Juden, weil ihnen diese in geschäftlicher Tüchtigkeit weit überlegen sind Eine andere Ursache des jungen Antisemitismus unter den Abgeordneten ist die Pumpwirtschaft des Finanzministers. Sie fürchten, daß das osmanische Reich auf diese Weise ganz in die Abhängigkeit der Hochfinanz geraten werde. Diese Furcht ist nicht ganz unbegründet, denn die Türkei wird noch viel Anleihen aufnehmen müssen, ehe ihr hauptsächlichster Geldbedarf befriedigt sein wird.' Die Türken sehen den Dingen noch nicht ganz genau auf den Grund. Sie wehren sich instinktmäßig gegen die Ausbeutung durch den internationalen Kapitalismus und machen zwischen Kapitalismus und Judentum keinen Unterschied. Ter Antisemitismus schummert schon lange im türkischen Volk; wenn er sich bisher noch nicht öffentlich geäußert hat, so rührt das daher, daß die Juden, unter denen eine große Masse armer Teufel sind, wirtschaftlich und sozial keine besondere Rolle gespielt haben. Als sie aber Mit dem Sturz des Absolutismus anfingen, sich politisch im Komitee zu betätigen, und dann durch die öffentliche Behandlung des Budgets und der Anleihepläne in weiten Kreisen bekannt wurde, daß Juden zumeist die Geldgeber öder doch die Geldvermittler sind, trat die antisemitische Bewegung offen zutage. Ob sie anhülten und sich verschärfen, oder wieder abflauen wird, läßt sich nicht vorhersehen. * lieber Sonntagsruhe im israelitischen Geschäfte enthalten badische Zeitungen nachstehende Notiz: Der'Oberrat der Israeliten hat nochmals beim Stadtrat darum nachgesucht, daß bei der bevorstehenden Neuregelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe Ausnahmen zugunsten einiger israelitischer

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