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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-05 · Heft 18 (5.5.1911) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 18 (5.5.1911)
Date
1911-05-05
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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protestantischer Publizist normalerweise sich fragt, wie sich 'die politischen Tagesfragen zum Protestantismus Verhalten. -Die großen in Leinwand gebundenen Folianten des Talmud haben die jüdischen Journalisten gewöhnlich noch nie gesehen, und lesen können sie in diesem Talmud nicht eine Zeile, nicht ein Mort, so wenig wie etwa die Talmud-Autoritäten ' des Antisemitismus, die aus der Tiefe ihrer Unwissenheit verkünden, was alles der Talmud angeblich lehrt oder vorschreibt. Der hohe Preis, den Dr. Bloch in Baden' bei Wien?.aussetzte für den Fall, daß Professor Rohling,..die.antisemitische Talmud-, Autorität, auch nur einen Satz im Talmud lesen und übersetzen kann, ist unbehoben geblieben. Die religiöse Gleichgültig- - keit an sich ein Merkmal der Zeit, ist leider gerade innerhalb der jüdischen Publizistik besonders groß und wäre noch stärker, wenn nicht gelegentlich antisemitische Ausschreitungen die Gewissen schärften. Jeder Tag bringt verblüffende Beispiele für den Widersinn der.Redensart von der „jüdischen Presse". -Eine Gesetzesvorlage der Regierung, eine Rede des Reichskanzlers oder eines preußischen Ministers erregt den Widerspruch der Freisinnigen — im Parlament, wo nur Nichtjuden den'Kampf aufnehmen, in der Presse, wo die Wortführer der Freisinnigen zumeist auch nicht Juden -sind. Die judenfeindliche Dresse aber.gefällt sich in der Denunziation, es sei.die fabelhafte „jüdische Presse", die.den Kampf führe. Am Ende gelingt-es doch, Kanzler oder Minister gegen die Juden zu verstimmen, denkt die Edle. Und manchmal glückt ihr das vielleicht auch wirklich. Ein junges Berliner Wochenblatt-führt, aus Anlaß einiger Zensur-Aergernisse. einen verzweifelten Kampf gegen einen hohen Verwaltungsbeamten und beutet in diesem Kampf auch einen gleichgültigen Privatbrief aus, den er.an eine Künstlerin geschrieben. Gerade die Juden als solche haben niemals Anlaß gehabt, mit.diesem hohen Verwaltungsbeamten unzufrieden zu.sein. Er hat sich in Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde allzeit wohlwollend, gerecht, entgegenkommend gezeigt, der Verkehr mit ihm vollzieht sich in den freundlichsten Formen. Die antisemitische Presse aber, oder' doch ihr führendes Organ beeilte sich, den Vorgang als eine Feindseligkeit der „jüdischen Presse" darzustellen — man muß eben in diesen für den Antisemitismus so mageren Jahren versuchen, mit den verwegensten Mitteln versuchen, Anhänger und Bundesgenossen einzufangen. Der -Fall selbst entzieht sich durchaus unserer Kompetenz. Wohl-ist der Herausgeber jener Zeitschrift ein Jude, ebenso der Verfasser der zweifellos sehr gehässigen Artikel. Aber abgesehen davon-daß ein jüdischer Publizist sich gründlich, vergreifen kann, daß auch ein jüdischer Publizist sich irren und -für sich das Recht in Anspruch nehmen darf — unrecht zu haben, waren es doch gerade jüdische Publizisten, die jener Ausbeutung eines Privatbriefs aufs schärfte — bis zur .Gehässigkeit scharf — abwehrten, indes gerade d i.e politischen Blätter, die man . gewöhnlich in erster Reihe zur „jüdischen Presse" zählt, die-ganze Sache anerwähnt ließen oder offen mißbilligten. Aber das hinderte die Antisemitenblätter nicht, von einem feindseligen Vorgehen der „jüdischen Presse" zu sprechen. Scheu vor der offenkundigen Unwahrheit ist für sie kein Hinderungsgrund. Drei Jahrzehnte antisemitischer Praxis haben ihr die Rücksicht auf die Wahrheit abgewöhnt ... Doch halt! Wenn wir vorhin die Tatsache feststellen durften, daß den jüdischen Journalisten bei Erörterung öffentlicher, politischer, sozialer Fragen nichts an sein Judentum erinnert, so müssen wir doch eine wesentliche A u s n a h m e zugeben. Stehen konfessionelle, innerkirchliche Fragen -auf-der Tagesordnung, dann erinnert sich der jüdische" Zeitungsmann desAbscheus, mit dem ihn rohe konfessionelle Verhetzung erfüllt hat, und er legt sich die äußerste Zurückhaltung auf, macht sich die weitgehendste Rücksicht zur Pflicht. Aeltere antisemitische Journalisten werden mir freilich mit Proben ^respektloser, -ja gehässiger Aeußerungen liberaler, angeblich ^jüdischer" Wlätter über -christliche Institutionen entgegenspringen können. Ms ist wahr. Gegen Ende der -siebziger' Jahre wurde viel Aufhebens gemacht von einer allerdings /geschmacklosen Auslassung solch eines Blattes über die „Generalsynode", in Extrablättern wurde ein blasphemisches Wort über ein christliches Fest verbreitet, ein Wort, das in einer Börsenzeitung erschien, die weder einem Juden gehört, noch von Juden redigiert wird, die man aber doch gefahrlos -für jüdisch" -ausgeben -konnre. Die betreffenden Blätter waren damals zu stolz, um auf die Anzapfungen zu erwidern, zu ritterlich, um ihre Mitarbeiter preiszugeben. Heute aber dürfen wir ein -Redaktionsgeheimnis von Belang verraten: Wo und wann immer in liberalen, angeblich „jüdischen" Blättern scharfe Auslassungen über christlich-kirchliche Angelegenheiten erscheinen, da rühren sie ausnahmslos von urchristtich-germanischen Verfassern her, in vielen Fällen von liberalen Theologen der betreffenden Konfession. Das war auch bei jenen obenerwähnten Artikeln der Fall, die seinerzeit, mit Recht Anstoß erregten. Dagegen haben irgendwie angefeindete oder von Ausnahmegesetzen betroffenen Konfessionen allzeit jüdische Kampfgenossen an ihrer Seite gefunden. Als in den siebziger Jahren die Katholiken, sich der Maigesetze.zu erwehren hatten, da trat die damals von einem entschieden >stammesbewußten.Juden, von M. A. Klausner herausgegebene Fortschrittliche Korrespondenz am eifrigsten und schneidigsten für die Katholiken ein — und das war lange v or der „antisemitischen Bewegung". Die Führer der /Katholiken: Windthorst, Schorlemer, Lieber haben Vas Vamals -dankbar anerkannt and haben Klausner bis ans Ende ihr volles freundschaftliches Vertrauen zugewandt. So ist es um das moderne Fabelwesen, um die sogenannte „jüdische Presse" bestellt. Das-mußte endlich einmal festgestellt werden, wenn wir auch nicht hoffen dürfen, damit die Fabel aus der Welt zu schaffen. Wenn die Antisemiten immer streng der Wahrheit sich befleißigen müßten, wie sollte da der Antisemitismus gedeihen? Dir Worin. Berlin, den 2. Mai. us Rußland kommen nach wie vor beunruhigende Nachrichten. Berliner-Zeitungen melden: Wie der ^Kattowitzer Zeitung" von der schlesisch-russischen Grenze gemeldet wird, dauern die Massenverhaftungen in Russisch- Polen .noch fort. .Sie richten sich hauptsächlich gegen jüdische Vereine und die jüdische Intelligenz. In den letzten fünf Tagen sind über 300 Verhaftungen in verschiedensten Orten, besonders,im Jndustriebezirk zu verzeichnen gewesen. Es handelt sich angeblich um die Ermittlung von 'Mitgliedern einer sozialistisch-revolutionären Vereinigung, die sich über ganz Polen ausdehnen soll. Die meisten der Verhafteten sind -allerdings wieder auf freien Fuß gesetzt worden, ein Teil jedoch befindet sich in Petrikau in strengem Gewahrsam. Beider steht -es auch sin Galizien schlimm. Das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht folgende Depesche aus Lemberg: In Kazow an der Ostgrenze Galiziens fanden Exzesse gegen die jüdische'.Bevölkerung statt- -die einen ziemlich-ernsten Charakterhaben. In den kleinen Ortschaften an der Grenze wohnen 1500 Ruthenen,

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